Reisen und Lesen im Senegal Teil 6: Letzte Momente

Zurück in Dakar brechen die letzten Stunden meiner Reise an. Im Haus am Monument gibt es weder Wasser noch Strom noch Internet. Also kann ich nicht online einchecken. Ganz afrikanisch gelassen schalte ich das Smartphone aus und lehne mich im Sessel zurück. Dann checke ich eben morgen früh am Flughafen ein. Ansonsten brauche ich schon seit Tagen kein Internet mehr – was immer in der Welt geschieht, geschieht auch, ohne dass ich dabei zusehe.

Ich verbringe den Nachmittag auf dem Sofa, blättere noch einmal in „Ladivine“ von Marie NDiaye. Die Französin mit einem senegalesischen Vater lebt heute in Berlin. Sie hat für ihr Werk, das sowohl Romane als auch Theaterstücke umfasst, bereits in jungen Jahren Preise erhalten. Ich kenne „Drei starke Frauen“ von ihr, Erzählungen, die sowohl im Senegal als auch in Frankreich spielen. Es steht zwar Roman auf dem Einband, aber ich habe drei abgeschlossene Erzählungen gelesen. Zwar gibt es einige Überschneidungen beim Personal, aber den Bogen, der die drei Geschichten zusammenhält, habe ich nicht gefunden. Ich habe den Eindruck, da wurde „Roman“ um der besseren Verkäuflichkeit willen etikettiert. Nachdem ich mich von dem Gedanken verabschiedet hatte, einen Roman zu lesen, mochte ich die Geschichten: Von Norah, die in Frankreich aufgewachsen ist und glaubt, ihrem Vater mit einem Besuch in Dakar nur einen einfachen Gefallen zu tun, nicht ahnend, dass familiäre Verstrickungen sie länger festhalten werden. Von Fanta, die den umgekehrten Weg gegangen ist – für ihren französischen Ehemann hat sie Dakar verlassen. Sie hat es scheinbar vom Leben mit begrenzten Möglichkeiten in den Reichtum Europas geschafft. Es fühlt sich für sie bloß nicht so an. Von Khady, die selbst nicht unbedingt nach Europa wollte, sondern von der Familie ihres verstorbenen Mannes auf die Reise dorthin geschickt und nie ankommen wird. Alle drei Geschichten haben mich berührt – was „Ladivine“ überhaupt nicht gelingt. Auch da scheinen es unterschiedliche Geschichten zu sein, die in einem Reigen erzählt werden: Mutter, Vater, Tochter und deren Tochter. Doch für mich verliert sich zwischendurch die eigentliche Geschichte. Wobei das ganz allein an mir liegen kann, von Kritikern wurde das Buch sehr gefeiert. Vielleicht kann ich gerade einfach nur nichts mehr aufnehmen und sollte es später zu Hause noch einmal mit „Ladivine“ versuchen. Heute aber dämmere ich bei der Lektüre ein.

Als es irgendwann wieder Wasser gibt, bereitet Nar mir eine afrikanische Dusche, er kocht einen Kessel heißes Wasser und schüttet es in eine große Schüssel. Unter der Dusche fülle ich so lange kaltes Wasser hinzu, bis das Wasser erträglich warm ist und dann schöpfe ich es immer wieder mit einem kleinen Gefäß aus der Schüssel und übergieße mich damit. Duschen mit nur 10 Litern Wasser. Danach fühle ich mich erfrischt für einen letzten Besuch auf dem Markt. Ich will etwas Baobabfrucht mitnehmen. Ich mag den Baobab, der mehr als jeder andere Baum die Landschaft des Senegal prägt und um den sich zahlreiche Legenden ranken. Seine vom Baum herabhängenden Früchte erinnern an Mäuse, die an den Schwänzen aufgehängt wurden. Im Innern befindet sich weißes, trockenes Fruchtfleisch, das – mit Wasser übergossen – nach einigen Stunden einen leicht säuerlichen, erfrischenden Saft gibt. Nar kauft eine Tüte Bissap, Hibiskusblüten, dazu, woraus er ebenfalls ein belebendes Sommergetränk zubereitet. Ich werde daraus zu Hause wohl eher Tee kochen.

Die Nacht erwarten wir wie in der Woche zuvor auf dem Dach. Es kommen Verwandte und Freunde, man isst, trinkt und redet miteinander, während die Sonne allmählich untergeht. Heute ist es ringsum besonders dunkel, denn der Strom ist immer noch abgestellt. Ich verstehe jetzt, warum der Kühlschrank in Nars Wohnung zwar groß, aber leer ist. Khady läuft mit Mohammed auf dem Rücken auf und ab, um ihn in den Schlaf zu wiegen. Sie sagt, Stromabschaltungen gibt es häufiger, das sei eben einfach so. Aber man merkt sofort, wenn der Strom wieder angeht, weil es dann ringsum in allen Häusern hell wird. Sie fragt mich auch, ob ich wiederkommen werde und strahlt, als ich nicke. „Ich denke schon.“

Irgendwer hat ein paar Kerzen aufgestellt, jemand hat eine Gitarre mitgebracht, und alle gemeinsam singen Lieder – auf Französisch, auf Wolof und eines auch auf Englisch. Ich fühle mich an Lagerfeuerzeiten erinnert, aber schöner, weil es so normal scheint. Ein ganz normaler Freitagabend, den man mit Freunden und Verwandten verbringt, zu denen ich jetzt auch irgendwie gehöre. Das treibt mir Freudentränen in die Augen, zum Glück sieht das in der Dunkelheit niemand.

Irgendwann kommt der Strom wieder und ich denke, ich sollte die Gelegenheit nutzen, um meinen Rucksack zu packen. Aber es ist so schön hier auf dem Dach und ich kann nicht wissen, dass der Strom schon eine halbe Stunde später wieder abgeschaltet wird. Am Ende packe ich beim Schein der Stirnlampe, ehe ich mein Nachtlager auf dem Dach bereite und unter freiem Himmel schlafe. Morgens um fünf weckt mich der Wecker im Duett mit dem meditativen Gesang, der von der nahegelegenen Moschee herübertönt. Umhüllt vom fremden und schmeichelnden Gesang finde ich langsam in den Tag meines Abschieds von Afrika, erfüllt vom Frieden des Morgens und dankbar für das Geschenk, das mir mit dieser Reise zugekommen ist. Danke, merci, jerejef.

Beschenkte Grüße
Ihre Dorrit Bartel

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