Reisen und Lesen in Indonesien – Teil 3

Nach Yogya reise ich mit dem Zug. Acht Stunden fahre ich an Reisfeldern und Regenwald vorbei – das Grün tut mir nach den Tagen in Jakarta gut.

Meine Reiselektüre ist Pramoedya Ananta Toer (kurz: Pram). An ihm kommt man nicht vorbei, wenn man sich mit indonesischer Literatur beschäftigt – als mehrfach für den Nobelpreis Nominierter ist er wahrscheinlich der im Ausland berühmteste indonesische Schriftsteller. Seine Lebensgeschichte erzählt auch viel über die indonesische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Viele Jahre seines Lebens hat Pram in Gefängnissen verbracht; in den 1940er Jahren sperrten ihn die holländischen Kolonialherren wegen antikolonialem Denken ein. Nach dem Putsch 1965 musste Pram wieder ins Gefängnis, wegen kommunistischer Ideen. Fast fünfzehn Jahre war er deswegen gefangen, unter anderem auf der berüchtigten Gefängnisinsel Buru. Dorthin verbannte Souharto Kommunisten oder deren Sympathisanten. Über diese Zeit schrieb Pram eine Romantetralogie, die als Schlüsselwerk für die Kolonialgeschichte Indonesiens und die Folgen gilt. Bände der Tetralogie liegen zu Hause auf meinem SUB, für die Reise habe ich mir „Die Braut des Bandero“ mitgebracht. Pram schreibt in diesem Buch – das mit einem kitschigen Einband 1995 bei Bastei-Lübbe erschienen ist, der dem Buch nicht gerecht wird – die Geschichte seiner Großmutter. Als junges Mädchen wurde das schöne Mädchen vom Dorf an den Bandero in der Stadt „verliehen“, um ihm – im Wortsinn – ein Kind zu schenken. Zwei Jahre lebt sie im Haus des Bandero und als sie von dort verjagt wird, passt sie nicht mehr in ihr Heimatdorf. Pram hat diesen Roman über eine Entwurzelung Anfang der 80er Jahre geschrieben. Er lebte wieder in Jakarta, durfte dies aber nicht verlassen und auch seine Bücher wurden in Indonesien nicht gedruckt. Erst nach dem Ende von Suhartos Macht 1998 wurde er wieder ein freier Mann, dessen Bücher seither auch in Indonesien erscheinen. Neu sind seine Werke auf deutsch nur in elektronischer Form zu bekommen, wer gedruckte Bücher bevorzugt, bekommt leicht und preiswert gebrauchte Ausgaben.

In Yogya ist der Islam sehr präsent, ein Muezzin ruft direkt neben dem Hotel zum Gebet – in der ersten Nacht wache ich noch von seinem Ruf auf, in der zweiten Nacht höre ich ihn schon nicht mehr. Zu den Gebetszeiten ist die Rezeption des Hotels unbesetzt: „Sorry, staff  is praying“. Ein Bier zu kaufen, ist ein schwieriges Unterfangen, das ich schnell aufgebe; nur zum Essen im Restaurant gibt es Alkohol. Bei der Rückkehr ins Hotel treffe ich in der Lobby auf eine Gruppe Indonesier, mit denen ich ins Gespräch komme. Eine Flasche Portwein steht in einer Plastiktüte auf dem Tisch, so viel Diskretion muss sein. Tetra, die einzige Frau in der Runde, erkenne ich durch ihre Kleidung sofort als Muslima. Sie bietet mir einen Schluck Portwein an, den ich gern annehme. Wir reden über Europa und Indonesien und einer der Männer, Iwan, fragt mich: „Was ist der Unterschied zwischen Asien und Europa?“ Die Antwort gibt er fröhlich grinsend sofort selbst: „Wir sind viel mehr.“ Iwan ist Autor und hat gerade ein Reisebuch über einen Teil von Indonesien geschrieben (das, wie ich später erfahre, im Februar in einem der renommiertesten Verlage Indonesiens erscheint). Zufällig arbeite ich auch gerade an einem Reisebuch über einen Teil von Deutschland. So wird aus dem einen Schluck Port schnell ein zweiter und ich rauche auch eine der Nelkenzigaretten, die Tetra mir anbietet. Paulus erzählt von seinen Söhnen – einer studiert in Mailand, der andere wird im nächsten Jahr in Holland sein Studium beginnen. Ihm selbst gehört eine Werbeagentur in Jakarta und sie haben auch deutsche Kunden. Sein Verhältnis zu Europa scheint mir pragmatisch zu sein: Man macht Geschäfte mit Europäern und lässt seinen Kindern dort gute Bildung zukommen. Als er von Bali oder Lombok spricht, leuchten seine Augen – dort müsse ich unbedingt hinfahren. Ich frage mich, ob eine dieser Inseln das Ziel der von Daniel geplanten Überraschungsreise ist und hebe die Schultern: Ich weiß noch nicht.

Am nächsten Tag absolviere ich das Touristenprogramm: Sultanspalast, Wasserpalast, eine Fahrt in einer Fahrradrikscha (die hier Becak heißt) zum Markt in der Jalan Malioboro, auf dem ich nichts kaufen kann, weil es – natürlich – viel zu voll ist.

Am Abend treffe ich die Indonesier wieder, sie sind auf dem Weg zur besten Garküche der Stadt und laden mich ein, mit ihnen Gudeg zu essen, das traditionelle Essen in Zentral-Java. Wir sind nicht die ersten, die sich um den großen Tisch drängen, als kurz vor Öffnung die Speisen auf einem Becak angeliefert werden. Die Sitzbank voller Kochtöpfe erinnert mich daran, dass ich den ganzen Tag über kaum etwas gegessen habe. Ich koste das faserige Fleisch in einer Kokos-Gewürz-Sauce und kann nicht glauben, dass es eine Frucht ist. Jackfrucht. Nach einigen Stunden im Kochtopf sieht das unreife Fruchtfleisch wie Fleisch aus und schmeckt auch beinahe so. Paulus – der ohnehin ständig mit seinem Smartphone beschäftigt ist – reicht es mir mit einem Artikel über die Jackfrucht. Sehr gesund soll sie übrigens auch sein. Außer der Jackfrucht gibt es auf meinem Teller Reis, Huhn und Eier und Tofu mit verschiedenem Gemüse – alles in separaten Töpfen gekocht und unterschiedlich gewürzt. Am Ende ist mein Teller fast leer und mir steht der Schweiß auf der Stirn, aber nicht aufessen kommt nicht in Frage. Später landen wir noch in einer Bar, in der – wie oft in Indonesien – eine Band spielt. Tetras Getränk könnte Juice sein, auf Nachfrage gesteht sie mir allerdings mit einem verschämten Lächeln, es sei eine Bloody Mary. Moderater Islam eben. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns nach dem Frühstück voneinander – Tetra, Paulus und Iwan fliegen heute zurück nach Jakarta, ich werde noch drei Tage in Borobodur verbringen. Wir planen, uns in Jakarta vor meiner Abreise nach Deutschland noch einmal zu treffen.

Morgen erfahren Sie von meinen Tagen in Borobodur.
Ihre Dorrit Bartel

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