Ruhrgebietsdeutsch I*

Im Ruhrgebiet über Sprache und Sprachförderung zu sprechen, führt zwangsläufig auch zu einer genaueren Betrachtung des lokalen Idioms oder – um es deutlicher zu sagen – zu einer Betrachtung der Ruhrgebietssprache.

Hier gelten selbstverständlich vollkommen andere Regeln als im Hochdeutschen, egal, ob es um die Benutzung der Zeiten oder einzelner Wortarten geht.

Schon die Form der Verneinung ist eine Sonderform, quasi eine bejahende Verneinung oder – je nach Blickwinkel – eine verneinende Bejahung: „Ja nee.“

Als bekräftigende Form heißt es dann schon wesentlich konkreter: „Ja nee, is klar.“

Neben der vollendeten Gegenwart, dem Perfekt, „Jupp, ich hab dich gesehen“, benutzt der Ruhrgebietler gern auch die vollendete Vergangenheit, das Plusquamperfekt, in derselben Bedeutung: „Jupp, ich hatte dich gesehen.“

Anders als im Hochdeutschen gibt es allerdings im Ruhrgebietsdeutsch zusätzlich das doppelte Plusquamperfekt: „Jupp, ich hatte dich gesehen gehabt.“

In der gesprochenen Sprache erwächst aus der Substantivierung, die es im Deutschen ja in ausreichendem Maße gibt, eine neue Form, der Vereinwortung. Es werden also mehrere Wörter, manchmal auch ganze Sätze zu einem einzigen Wort: „Eymeistermamazwamapommesrotweiß!“

In der Übersetzung „Entschuldigen Sie, mein Herr, könnten Sie mir bitte zwei Portionen Pommes Frites mit Ketchup und Mayonnaise zubereiten?“ erkennt man auch gleich die immensen Vorteile der Vereinwortung: Sie spart Zeit.

Bei den Präpositionen, den Verhältniswörtern, schafft der Ruhrgebietler tatsächlich neue Verhältnisse.

So benutzt er die Präposition „bei“, die eigentlich eine Form der Zugehörigkeit oder der Verortung regelt, „ich arbeite bei Siemens“, „ich bin gerade bei Uschi“, durchaus auch, um eine Richtung anzugeben: „Geh ma bei Omma

Und natürlich wird auch die Deklination neu geregelt. Folgt der Präposition „bei“ gewöhnlich der dritte Fall, ein Dativ, „Bei wem? Bei der Uschi“, so benutzt der Ruhrgebietler hier mit traumtänzerischer Sicherheit den vierten Fall, einen Akkusativ: „Geh ma bei die Oma.“

Der Logik folgend fährt der Ruhrgebietler nicht nur „nach Düsseldorf“, er geht auch „nach‘n Aldi“, wobei er auch hier seine eigene Deklination hat. Wenn er allerdings mit dem Hochdeutschen konfrontiert wird und sein Gegenüber verbessernd entgegnet „Zu Aldi!“, dann schaut der Ruhrgebietler etwas irritiert auf seine Uhr und fragt: „Watt denn, schon acht Uhr?“

Aber auch der Ruhrgebietler hat ein Gefühl für richtige und falsche Sprache. Fordert also das Kind an der Kasse des Supermarktes „Mama, gib mich datt!“, so wird es erst einmal geflissentlich ignoriert. Nach der zweiten Forderung „Mama, gib mich datt!“, wird eine Reaktion in Form einer sprachlichen Korrektur erfolgen: „Wie heißt datt richtich?“ – „Gib mich datt, bitte!“

So zeigt der Ruhrgebietler nicht nur sein sensibles Gespür für das korrekte Benutzen der Sprache, er stellt auch sein besonderes pädagogisches Geschick unter Beweis, wenn er nachsetzt: „Sonz krissese.“

Sollten Sie nun allerdings wissen wollen, ob es ein Kursangebot in Ruhrgebietsdeutsch gibt, muss ich Ihnen leider antworten: „Ja nee.“ Und wenn Sie das schade finden, bestätige ich gern mit einem „Is klar.“

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

*Teil 2 und 3 folgen Samstag und Sonntag

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