Ruhrgebietsdeutsch III

Die Sprache des Ruhrgebietlers ist überaus facettenreich und benötigt daher auch eine erweiterte Grammatik. So verwendet man im Ruhrgebiet selbstverständlich auch einen Vokativ: „Ey Rotzigen“. Ob es sich bei dem „ey“ um ein Vokativpronomen oder um einen Vokativartikel handelt, ist jedoch in der Fachwelt umstritten.

Allerdings ist das „ey“ in der Formulierung „Boh ey“ eher als Interjektionsadverb zu verstehen. Es verstärkt in diesem Fall durchaus die Interjektion des Erstaunens „Boh“:

„Boh ey, hasse gesehen, watt de Rotzige gemacht hat?“ – „Boh ey, hier gibbet ’ne große Pommes für Einzdreißich!“

Gern verwendet wird das „Boh ey“ auch mit dem Einschub „glaubsse“: „Boh glaubsse ey.“ Hier wiederum signalisiert es nicht Erstaunen, sondern dient primär der Gesprächseinleitung, um Erlebtes zu berichten:

„Boh glaubsse ey, watt hat sich de lange Bäcker wieder ein‘ gelappt.“

Natürlich wird „ey“ auch anderweitig eingesetzt, da ist der Ruhrgebietler sehr sprachökonomisch. So wird es beispielsweise als Partikel zur Bekräftigung und Verstärkung eingesetzt:

„Du kriss watt auf datt Fressbrett, ey!“

Hier verstärkt das „ey“ eindeutig die aggressive Androhung körperlicher Gewalt.

Auch eine Bitte oder Aufforderung, ruhrgebietstypisch sehr höflich formuliert, wird durch das „ey“ verstärkt:

„Gibb mich ma‘ die Butter, ey!“

Dabei lässt sich die Höflichkeit durch die direkte Anrede noch steigern:

„Ey Rotzigen, gibb mich ma‘ die Butter, ey!“

Gerade das letzte Beispiel lässt allerdings erkennen, dass die Sprache des Ruhrgebietlers sich oft der grammatischen Einordnung entzieht. Ob Vokativpronomen, Interjektion oder Verstärkungspartikel, die Funktion des „ey“ ist nicht immer trennscharf auszumachen.

Letztlich kann der Ruhrgebietler Bitten auch ganz plakativ mit Konsequenzen bei Nichterfüllung der Bitte verbinden. Dabei bedient er sich gern auch einmal der „ey“-Klammer:

„Ey, gibb mich ma‘ de Mottek, sonst krisse watt auffe Fresse, ey!“

Bei Fragen wirkt das „ey“ einerseits sicherlich verstärkend, es ersetzt andererseits aber das Wort „bitte“:

„Hasse ma‘ ’n Euro, ey?“ – „Gibbse mich ma dat Dingen da rübber, ey?“ – „Machsse ma‘ ’n Pilsken klar, ey?“

Letztlich kann „ey“ aber einfach nur den Frageakt an sich verstärken:

„Wo mag denn nur der Kleine sein? -> „Samma, wo iss denn de Rotzige, ey?“

„Habe ich den Bus tatsächlich verpasst?“ -> „Boh, iss de Bus schon weck, ey?“

„Warum ist es denn hier so überfüllt?“ -> „Gibbet hier watt umsons, ey?“

„Mein Herr, sind die Äpfel schon ausverkauft?“ -> „Meister, hasse keine Äppel mehr, ey?“

Gern formuliert der Ruhrgebietler allerdings Fragen auch imperativisch, wobei das „ey“ sicherlich noch entfernt an die Frage erinnert:

„Würden Sie sich bitte entkleiden?“ – „Mach dich nackich, ey!“

Ich verabschiede mich mit einem aufmunternden „Machtet gut, ey!“, wobei ich mich, die standardisierte Ruhrgebietsantwort „Machet besser, ey!“ voraussetzend, herzlich für die Aufmerksamkeit bedanke.

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

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