Russische Schwermut

Auf einem Nebenschauplatz des russischen Bürgerkriegs begegnen sich zwei verfeindete Soldaten. Ein Schusswechsel lässt den einen sterbend zurück, den anderen im Glauben einen Mord begangen zu haben. Beide lässt das Geschehen nicht mehr los. In dem vermeintlichen Mörder weckt Jahre später die Lektüre einer Kurzgeschichte über die damaligen Ereignisse den Wunsch, deren Autor zu finden. Die Suche bleibt erfolglos, bis scheinbar zufällige Umstände die beiden Männer erneut zusammenführen.
„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist eines dieser Bücher, die nicht der kurzweiligen Unterhaltung, sondern der intellektuellen Bereicherung dienen. Es beschäftigt sich mit den  Lebensbedingungen des Menschen, der in die Welt hineingeboren wird und sich auf den Tod zubewegt. Die Nahtoderfahrung löst bei Alexander Wolf eine existenzielle Krise aus. Daraus geht er ebenso schicksalsgläubig wie traurig hervor. Er erkennt das Leben als eine Ansammlung unvorhersehbarer Ereignisse, deren letztes der Tod ist. Seine Welt ist leer und sinnlos geworden, Sinneswahrnehmungen und Ethik als Illusionen entlarvt, die nur der Glaube am Leben hält. Alles wird zur bloßen Subjektivität. Alexander Wolf hat das im Moment seines Nahtodes erkannt und muss nun mit diesem Wissen weiterleben, was ihn gleichgültig und pessimistisch werden lässt. So weit, so gut und so schwermütig.
Warum das Erlebnis der „unberechenbaren Schicksalhaftigkeit“ der Welt einen Menschen so zurücklässt, wie die Figur Alexander Wolf, ist zwar schlüssig, doch sollte hier eine allgemeingültige Aussage dahinterstecken (und das unterstelle ich Gasdanow), dann ist das nicht ganz überzeugend gelungen. Wenn man davon ausgeht, dass die Welt tatsächlich zum Großteil (oder gar vollständig) aus unserer eigenen Wahrnehmung besteht, wir also in einer Art Traum leben, aus dem der Tod uns herausreißt, warum muss dies den Menschen traurig machen? In meinen Augen liegt in dieser Erkenntnis eine große Freiheit und die Möglichkeit, die Welt so naiv und staunend wie ein Kind zu erleben, das zum ersten Mal einen Spielplatz betritt, unbefangen die Dinge erwartend, die da kommen mögen. Vielleicht ist das aber auch zu einfach gedacht, und der Roman sagt in Wahrheit viel mehr, das mir jedoch verborgen geblieben ist. Wie auch immer. In meinen Augen liegt der „Wert“ des Romans in der Fülle der in ihm dargestellten Gedanken über den Menschen und die Art und Weise, wie er sich und sein Leben zu verstehen versucht. Der Text ist weitgehend spannend, stilistisch bemerkenswert gut und sucht philosophisch interessierte Leser. Wer lediglich ein paar Stunden abschalten und unterhalten werden will, sollte lieber zu einem anderen Buch greifen .

Ihr Christoph Junghölter

 

Schon der erste Satz des Buches – das Geständnis eines Mordes – ist nüchtern und eindrucksvoll. Wie beiläufig erwähnt der Ich-Erzähler, ein Journalist, einen Mord, den er vor langer Zeit begangen hat und der sein Leben bis heute beeinflusst.
Aber nicht immer ist alles so, wie es zu sein scheint. Bei der Lektüre eines Buches entdeckt er, dass sein vermeintliches Opfer noch lebt. Die Schilderung jenes Tages und der Umstände ist zu genau, als dass ein Irrtum möglich ist. Der Ich-Erzähler beginnt, nach Alexander Wolf, dem Autor jenes Buches und sein vermeintliches Opfer, zu suchen. Doch Alexander Wolf erweist sich als ein Phantom. Monatelang trifft der Erzähler nur Menschen, die Alexander Wolf kennen, aber niemals Alexander Wolf selbst. So zum Beispiel Jelena, in die er sich verliebt. Auch sie ist Alexander Wolf begegnet, auch sie ist von dieser Begegnung für ihr Leben gezeichnet.
In anderen Romanen wäre dies ein unerlaubter, an den Haaren herbeigezogener Zufall, bei Gasdanow aber muss es genau so sein. Programmatisch ist jener Satz, den er Alexander Wolf in den Mund legt: „Die Abfolge der Ereignisse in jedem Menschenleben ist wunderbar.“ Und vorherbestimmt.
Darüber kann man geteilter Meinung sein, bei Gasdanow aber gibt es keinen Zweifel daran. Die beiden Männer werden erneut zum Schicksal füreinander und wieder geht es um Leben und Tod.
Die Geschichte spielt im Paris der zwanziger, dreißiger Jahre, in einer Zeit, in der zehntausende Russen dorthin geflohen waren, ins Exil, sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlugen, Heimweh hatten und gezeichnet waren von Krieg und Revolution.
Es ist die Geschichte von Heimatlosen, die sich in den Fatalismus retten. Die Schärfe, mit der Gasdanow das Innenleben seiner Figuren beleuchtet, trägt durch den Roman, der keine rasante Handlung hat oder braucht. Alles geschieht irgendwie beiläufig und trotzdem habe ich das Buch an einem atemlosen Nachmittag durchgelesen, unfähig, den Ich-Erzähler, Jelena und Alexander Wolf aus den Augen zu lassen.
Für die Dauer der Lektüre war ich vollkommen davon überzeugt, dass Alexander Wolf Recht hat, wenn er vom vorbestimmten Leben spricht. Obwohl ich in der Wirklichkeit mein Leben gern selbst gestalte. Und obwohl ich in anderen Romanen die Abfolge der Ereignisse im Leben von Gasdanows Figuren zu konstruiert gefunden hätte.

Ihre Dorrit Bartel

 Gaito Gasdanow
„Das Phantom des Alexander Wolf“

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