Schreiben im Auge des Truthahns

Endlich Landeinsamkeit.

Während die Berliner Stadtsilhouette im Rückspiegel auf Miniaturgröße schrumpft, U-Bahn-Geratter, Müllabfuhrgepolter und Polizeisirenen verstummen, weitet sich der Himmel. Große Vögel fliegen tief über mohnblumendurchsprenkelte Felder, Windräder zeichnen träge ihre unsichtbaren Kreise in die Luft.

Ausfahrt Putlitz.

Es hat viel geregnet in letzter Zeit. Das Wasser hebt sich aus Pfützen, Seen, Straßengräben, flutet den Asphalt. Mein Schreibhaus liegt am Ende des Mansfeld-Ortes. Es ist ein Glückshaus. Am Tag schleichen die Katzen um die Beine, Hühner und Truthähne gehen selbstbewusst ihrer Wege, schlüpfen durch Löcher in Zäunen auf der Suche nach Fressbarem. Der Chef-Hahn ist zum Glück kein Frühaufsteher, er lässt seine Mitbewohner ausschlafen. Durch das Gartentor führt ein Wiesenpfad am seerosenbesetzten Froschteich vorbei, hinunter zum Fluss. Nachts eilen die Igel durchs Gras, Maikäfer schweben torkelnd in die Apfelbäume.

Die Tage finden ihren Rhythmus von selbst. Aufstehen mit dem drängelnden Licht, mit einer „Gruß aus Putlitz“ – Teetasse an den Schreibtisch im Wohnzimmer. Ich werfe erste Gedanken auf das Papier, rasant, ungeordnet – über das Schreiben, das Wetter, das Alleinsein, das Manuskript, die nächtlichen Träume. Dann ins Bad, in die Küche, ein Müsli zum Frühstück und ans Werk. Bis zum Mittag hämmere ich Sätze, Kommata, Metaphern, Dialoge in die Tasten. Ich möchte meine Geschichte hier zu Ende erzählen, in dieser geschenkten Zeit jenseits aller lärmenden Ablenkungen.

Eine Pause! Auf nach Putlitz für Einkauf und E-Mail-Check auf dem Parkplatz von Edeka Bockelmann. Zurück zu Hause noch schnell ein kleines Essen und weiter geht die Reise rund um den Wörter-See. Irgendwann am Abend sind die Seiten voll, der Kopf ist leer. Ich schalte den Rechner aus.

Ich wandere zwischen den Feldern, radele über die Dörfer. Treffe Hasen, Rehkitze, Kraniche auf ihren Streifzügen am Ende des Tages.

Nachts bevölkern meine Figuren das Zimmer, begleiten mich im Schlaf und lassen sich nicht verscheuchen. Jeden Morgen ein völlig erschöpftes Erwachen und die späte Erkenntnis, dass weder Landluft noch die täglichen Radtouren und Spaziergänge schuld daran sind. Das Schreiben selbst verbraucht alle Energie.

Ich schwimme allein im Putlitzer Freibad, der Mais wächst über mich hinaus. Ich staune, als plötzlich das „Voov“-Festival für ein paar Tage tausende Goa-Fans vor meine Haustür spült. Zu Trance-Klängen spaziere ich durch die Wälder der Prignitz.

Am Ende meiner Zeit habe ich tatsächlich meinen ersten Roman fertig.

Am letztenTag schiebe ich den Vorhang im Wohnzimmer zur Seite und auf der Wiese davor steht ein Truthahn. Er streckt mir seinen langen Hals entgegen, ich habe ihn bei seiner heimlichen Expedition ertappt. Ganz leise beginnt er zu zwitschern, ein Wiegenlied, so zart und virtuos wie das einer Nachtigall.

Ich zwinkere ihm zu und schließe die Gardine.

Sina Lippmann

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