Sir Walter Scott – Der Sachensucher von Abbotsford

Kennt noch jemand die Fernsehserie Quentin Durward, die 1971 im ZDF lief? In 13 Folgen mit je 25 Minuten musste sich der schottische Adelsspross im Konflikt zwischen Ludwig XI. und Karl dem Kühnen herumschlagen. Der Stoff des Historiendramas stammte aus der Feder von Sir Walter Scott, dem europaweit zu Lebzeiten meistgelesenen Autor (1771 – 1832). Mit Ivanhoe und Rob Rob schuf er zwei unsterbliche Helden, die nicht nur durch den Blätterwald jagten, sondern längst auch auf Zelluloid gebannt sind.

Wie gut es sich zeitweise vom Schreiben leben ließ, zeigt das bescheidene Einfamilienhaus Abbotsford, das Scott sich in der Nähe von Melrose baute. Da er in den Adelsstand erhoben wurde, er war ein Baronet, war ein solches Anwesen durchaus standesgemäß.

Und es wuchs, wann immer wieder einmal Geld zur Verfügung war. Denn Walter Scott war Sachensucher, nicht wie Pippi Langstrumpf, aber fast. Wann immer ihn etwas faszinierte, von historischem Interesse für ihn war, erwarb er es. Ob es ein Elchgeweih oder eine Rüstung war, eine Flagge oder ein Schild. Und je mehr er kaufte, umso mehr Platz brauchte er. Und sein Haus wuchs. Aber auch sein Schuldenberg.

Blick in den Flur

Trotz erheblicher Geldeinnahme durch seine zahlreichen Veröffentlichungen geriet er erstmals durch den Kauf der Farm, die er zum Herrschaftshaus umbaute, in Geldnöte. In der Folge ruinierten ihn vor allem die Ausgaben für seine Sammlungen und die Erweiterungen des Hauses. Er häufte schließlich eine Gesamtschuld von über 120.000 Pfund an, ein um 1825 gigantischer Betrag.

Scott lehnte eine Veräußerung von Abbotsford und Inventar strikt ab, zu meiner und der anderen heutigen Besucher Freude. Es ist eine besondere Entdeckungsreise, dieses Sammelsurium zusammengetragener Gegenstände, Bücher und Artefakte zu betrachten. Aber man wird dabei von einem Panoptikum schielender, glotzender Steingesichter angestarrt, die Scott im ganzen Haus an Stürzen, über Türen, an Balkenabschlüssen und an Zimmerdecken anbringen ließ.

Als ich die Bibliothek betrat, dachte ich an meinen eigenen Buchbestand, der schon nicht unerheblich ist und erblasste ein wenig vor Neid. Erst beim Betreten des nächsten Raumes wurde mir klar, dass ich erst jetzt in der Bibliothek stand. Der Raum davor war lediglich das Arbeitszimmer.

Die Bibliothek

Ganz Gentleman bestand er natürlich auf der Begleichung seiner Schuld und stürzte sich in die Arbeit. Im Haus ließ er extra Gänge und Treppen anlegen, die es ihm gestatteten, auch mitten in der Nacht in sein Arbeitszimmer zu gelangen, ohne die anderen Bewohner des Hauses zu stören. Zwar ruinierte er sich die Gesundheit, trug aber seinen Schuldenberg zu einem großen Teil ab. Um den Rest kümmerte sich dann ein Trust, so dass Abbotsford mit seinem Bestand nicht angetastet werden musste.

Heute gilt Sir Walter Scott als Begründer des Geschichtsromans. Neben seinen historischen Werken schrieb er auch Biographien über die Großen seiner Zeit wie Bonaparte und eine umfangreiche Geschichte Schottlands. Sein Herrensitz lockt viele Besucher an, die sich aber auf dem großen Anwesen fast verlaufen. Nur im Haus gibt es hin und wieder Staus. Und irgendwo schaut dann wieder so ein hämisch grinsendes Gesicht von der Decke und amüsiert sich köstlich über das Geschiebe und Gedränge. Wahrscheinlich hätte Scott Spaß daran.

Wer sich Abbotsford etwas genauer anschauen möchte, kann das hier tun:

Seine Werke findet man eher in Antiquariaten als bei Amazon.

Lieferbar sind: Ivanhoe

Im Auftrage des Königs: Die gefährlichen Abenteuer des Quentin Durward

 Ihr Wolf P. Schneiderheinze

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