Sonntagsserie: Ideen und Recherche

Bist du das?

Ein Gastbeitrag von Dorit David

Wenn ich gefragt werde: „Welche Figuren in deiner Geschichte sind autobiografisch?“, dann müsste ich antworten: alle.

Ein Maler besitzt im besten Fall alle Farben, die nötig sind, um ein Bild zu malen. Ich gehe davon aus, dass auch jeder Mensch, alle Farben(Gefühle)besitzt, um auf der Bühne oder dem Papier Figuren in aller Bandbreite zu entwerfen.Es ist für mich eine Grundvoraussetzung, an irgendeinem Zipfel der Seele einer jeden Figur anzudocken. Selbst, wenn es ein überzeugter Nazi wäre. Der Sinn dahinter ist: Ich möchte, dass meine Figuren menschlich bleiben. Die Geschichten, die ich erzähle, sollen keine Abrechnung mit etwas sein, sondern eine Auseinandersetzung.

Als Spielerin auf der Bühne versuche ich das ebenso. Sich der Frage zu stellen: „Wo liegt mein persönlicher Anker in dieser Figur?“, ist spannend. Welche Schwäche oder welche Vorliebe teile ich zum Beispiel mit jenem Diktator? Mein Spiel an diese Antwort anzubinden, macht die Figur hoffentlich vielschichtig, nachvollziehbar.

In diesem Sinne ist das Autobiografische für mich unverzichtbare Quelle für Spiel und Text.

Keine Assoziation (Im Spiel auf der Bühne oder auf dem Papier) speist sich aus einem luftleeren Raum. Und jede Erinnerunge/Assoziatione ist autobiografisch.

Nehmen wir mal Alex und Alex.
Alex A. ist Schauspielerin, Alex B. Schriftsteller. Und nehmen wir mal an, Alex B. hat einer Bekannten sein Manuskript zum Testlesen in die Hand gedrückt. Sie liest den Text und hat das Gefühl, da schimmert ja der Autor zwischen den Zeilen durch, und der Teppich aus Buchstaben, Sätzen und Zeilen wird zu einem transparenten Vorhang, hinter dem sie Alex B. an seiner Tastatur beim Schreiben zusieht. Dann könnte das erstens ein Zeichen dafür sein, dass die Leserin Alex einfach persönlich zu gut kennt.

Kennt sie ihn aber nicht persönlich nicht ganz so gut, liegt es zweitens vielleicht daran, dass sein Text nicht distanziert genug ist, und dass Alex Persönliches hineinfließen lässt, von dem er noch nicht genug Abstand hat. Dann fragt sich die Bekannte vielleicht, weshalb die Hauptfigur inmitten einer spannenden Verfolgungsjagd einen inneren Disput über die Vergänglichkeit des Lebens führt, statt der Handlungslogik zu folgen und einfach zu rennen …

Ist aber die Testleserin gar keine Testleserin, sondern drittens ein Fan des berühmten Bestsellerautors Alex B., und sie hat dennoch das Gefühl des transparenten Vorhangs, liegt es vielleicht daran, dass sie einfach schon zu viel von Alex B. gelesen hat, dass sie Muster und Vorlieben des Schriftstellers erahnt, oder dass sie projiziert.

Nehmen wir aber mal an, Alex B. ist noch auf dem Weg zu Fall drittens

Fall 1 und Fall 2 treffen zu, und die Leserin ist bei Alex am Küchentisch zu Hause und sie reden über das Manuskript. Und während sie immer hitziger darüber reden, befällt die Leserin plötzlich das Gefühl, sie reden gar nicht mehr über  den Text, sondern über Alex‘ Leben. Alex  i s t  der Text. Alex wirkt hitzig verflochten mit seinem Thema. Er brennt regelrecht und feuert auf jede ihrer kritischen Anmerkungen. Alex‘ Bekannte hört auf zu reden und denkt  Sachen wie: Jetzt brennt das Thema mit ihm durch.

Eine Geschichte sollte vielleicht halbwegs kalt sein?, schlägt sie ihm vor. Darauf Alex: Sehe ich nicht so. Im Gegenteil. Man muss das Eisen doch schmieden, solange es heiß ist, ich werde nicht warten, bis mir das Thema entgleitet.

Klar, denkt sie, machen wahrscheinlich alle, eine Geschichte, die einen persönlich involviert, in eine neue Geschichte verpacken. Man baut einfach etwas um oder vermischt Dinge. Aber sagen tut sie: „Ich finde, du musst als Erzähler auf einer anderen Ebene sitzen. Du musst eine innere Haltung haben, als wäre diese Geschichte längst passiert“

Und dann reden sie noch eine Weile, und wenn sie nicht gestorben sind, debattieren sie noch heute. Alex A., die Schauspielerin, beschäftigt ein ähnliches Phänomen.

Sie steht auf der Bühne und soll Aggression spielen. Schade, denkt sie sich, Trauer könnte ich besser, und das stimmt auch, ihre traurigen Figuren wirken authentisch, sind lebendig und man schaut ihnen trotz der tiefen Dramatik gerne zu. Nun also Wut. Sie wehrt sich etwas. Dann wird sie vom Regisseur in die Wut hineingestoßen, folgt schließlich seinen Anweisungen und überlässt sich der Stimmung … – dann kippt das Ganze, und plötzlich hat sie das Gefühl, die Sache wird zu heiß, eine Dynamik macht sich selbstständig, das Spiel ist kein Spiel mehr, sondern bitterer Ernst. Und die Wut, die sie dann auf der Bühne ausagiert, wird zu etwas, was die Zuschauer dann hinterher gerne als: „Puh …, das war ganz schön psycho!“, umschreiben.

Wenn Alex A. Trauer gespielt hätte, wäre ihr das nicht passiert. Alex geht nach der improvisierten Szene von der Bühne und kriegt den ganzen Tag die Rolle nicht mehr ab. Bei ihr hat sich etwas vermischt. Eigene, tieferliegende Lebensthemen mit der fiktiven Geschichte. An sich ist das ja etwas Gutes, deshalb will Alex ja auch spielen!

Ein Zuschauer sagt zu Alex am nächsten Tag: Es gibt immer ein Indiz dafür, wo die Grenze verläuft. Wenn einem das Bauchgefühl zuflüstert, j e t z t  ist es kein Spiel mehr, hat man diese Grenze erreicht. Fühlt sich doof an, ist aber so.

Sie reden darüber, dass es dann vermutlich besser ist, einen Schritt zurückzutreten, aus der Nummer rauszugehen, und sich die ganze Sache in Ruhe, ohne Publikum, anzuschauen.

Scheiße, sagt Alex, muss ich jetzt erst jahrzehntelang tiefenpsychologisch meine Wut bearbeiten, bevor ich wieder auf die Bühne darf? Nö, das will Alex nicht.

Ist auch nicht nötig. Man muss/kann auch nicht immer alle Dinge ausforschen. Nur im Umgang auf Papier und Bühne ist es wichtig, zu klären: womit kann ich spielen/schreiben und womit weniger oder später?

Wenn Alex in ihre Rolle schlüpft, oder Alex seine Geschichte schreibt, tauchen beide in eine fiktive Welt ein. Sie bauen Erinnerungen, Gefühle, oder Assoziationen ein, stellen sie um oder kleiden sie aus. Aber was davon letztlich ein Teil ihrer selbst ist, ist Privatangelegenheit. Nur, in welchem Maße sie diese Privatangelegenheit in Kunst oder ein fiktives Konstrukt umwandeln und es der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, sollten sie mit sich klären.

Ein Publikum fühlt sich sicher, wenn es darauf vertrauen kann, dass der Spieler der Strippenzieher aller seiner Gefühle bleibt.

Ein Leser ebenso. Dann kann er komplett und gefahrlos in die Geschichte eintauchen.

Bleibt am Ende nur noch die Frage offen: Und was an Alex & Alex war jetzt autobiografisch, Dorit? – Antwort: Siehe erster Satz 😉

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