Sonntagsserie: Ideen und Recherche

Sammeln, auswählen, loslassen

Ein Gastbeitrag von Christiane Schlüter

Schon lange war mir das Recherchieren vertraut. An der Uni und später als Sachbuchautorin hatte ich stapelweise Literatur durchforstet und zu neuen Texten verarbeitet. Und als Journalistin hatte ich gelernt, wie man Eindrücke und Hintergrundwissen zusammenträgt und so herumfragt, dass sich ein umfangreiches Bild ergibt.

Doch dann kam S. und verlangte, dass ich einen Roman über ihn schreibe. Eine Figur aus den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, ein Denker, dessen System mich interessierte – aber nicht nur das. Seine Lebenswelt war es, die mich zuerst angesprochen hatte: die scheinbare Kongruenz der Landschaft des Nordens zu seinen Gedanken. Ich fuhr nach Holland, um S.‘ Spuren zu folgen. Ich ging die Straßen ab, auf denen er gegangen war, ich stieg enge Treppen hinauf und hinunter, schaute aus Fenstern hinaus auf Grachten und versuchte über den Abstand von Jahrhunderten hinweg anzuknüpfen. Mit unzähligen Fotos und Eindrücken kehrte ich an den Schreibtisch zurück.

Auf dem aber lagen die Bücher. Primär- und Sekundärliteratur. Wie hat S. über dieses Thema gedacht, wie über jenes? Je genauer ich herausarbeitete, worum es für mich überhaupt gehen sollte – ich wollte ja keine komplette Biografie schreiben –, desto mehr erkannte ich: Es genügt ganz wenig. Ein paar Stichworte, an denen sich ganze Szenen aufhängen lassen. Ein einzelner Gedanke, aus dem sich ein kompletter Dialog entspinnt. Der Dozent hatte recht gehabt, der bei einem Autorenworkshop mir und anderen gedroht hatte, er würde unsere Bücher konfiszieren, wenn wir nicht endlich anfingen, freihändig an unserer Geschichte weiterzuarbeiten.

Das bedeutet fürs Recherchieren: Zusammentragen ist das eine. Da kann es gar nicht genug sein. Aber Auswählen und Loslassen ist das andere. Wer alles schreibt, was er recherchiert hat, hat entweder zu wenig recherchiert oder zu viel geschrieben: Die alte Journalistenregel bewahrheitet sich auch hier.

Das Buch über S. ist ein Liebhaberprojekt, es musste lange hinter anderem zurückstehen. Damit wurde mir die Zeit zum Feind, sie verschüttete manches, was ich recherchiert hatte. Das musste ich dann wieder ausgraben. Dabei halfen mir die gemachten Notizen, denn wie an der Uni, so gilt auch hier: Zwischentexte ebnen den Weg, und ein gutes System erleichtert das Wiederfinden. Bei anderen Dingen merkte ich: Es reicht nicht, etwas Faktenwissen zu haben – ich muss es mir vorstellen können. S. zum Beispiel hat ein Handwerk ausgeübt. Was genau hat er dabei gemacht? Ich hängte mich ans Telefon und befragte einen Experten, der mir geduldig weiterhalf, bis ich ein klares Bild hatte. Merke: Beim Recherchieren muss man Leuten auf die Nerven gehen können.

Unklar ist mir, wie all das ohne Internet funktionieren sollte. Wie nett von den Holländern, dass sie das Verkehrssystem der Treckfahrten und die Beamtenschaft des Hofs von Holland so detailliert ins Netz gestellt haben! Klar, auch ohne das würde es irgendwie gehen – aber unendlich viel mehr Zeit und Mühe kosten. Allein dass ich per Mausklick meine wichtigsten Verbündeten erreiche, ist so wertvoll: Rembrandt, Vermeer und Co.! Wenn ich jetzt Atmosphäre schnuppern will, rufe ich sie auf. Versetze mich in ihre Innenräume, lausche Schritten auf den Fliesen, probiere die Speisen ihrer Stillleben. Für eine Journalistin undenkbar. Aber in der Fiktion dient die Recherche doch der Fantasie.

 

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