Sonntagsserie: Ideen und Recherche

 „Woher nimmst du eigentlich deine Ideen?“

Das hat mich meine Nachbarin mal gefragt. Na ja, manchmal kommt man als Autorin zu einer Idee wie die Jungfrau zum Kind, einfach so über Nacht im Traum. Das ist mir tatsächlich schon passiert, aber die Regel ist es eher nicht. In einem Workshop wurde auch vom sogenannten luziden Träumen gesprochen. Ich habe das noch nicht ausprobiert, aber angeblich soll es die Ideenfindung im Traum fördern.

Aber zurück zum Thema: Wie komme ich als Autor auf meine Ideen? Manchmal genügt ein Artikel oder ein Bild, und auf einmal ist da eine Idee im Kopf. Die wälze ich dann hin und her, dabei wächst sie und wird größer, bis sie irgendwann reif genug ist, dass sie aufgeschrieben werden kann. Das ist dann zuerst nur eine Ideenskizze, daraus kann ein Exposé werden und schließlich ein Treatment, in dem bereits einzelne Szenen beschrieben sind. Und erst wenn das Treatment fertig ist, setze ich die Idee in einen Roman um. Will heißen, die Idee, die ich am Anfang habe, wird immer detaillierter und ausgefeilter, bis es ans Ausformulieren geht.

Parallel zu dieser Verfeinerung läuft die Recherche. Bei einem Historienroman ist klar, dass als Erstes das Setting geklärt werden muss. Was ist damals in dem Land, wo mein Roman spielt, passiert? Wie haben die Figuren meines künftigen Romans gelebt? Was hatten sie an, was haben sie gegessen, wie wurde Bier gemacht (gesetzt den Fall, unser Roman geht über einen Bierbrauer)? Damit werden meistens auch die Figuren greifbarer.

Wenn jetzt jemand glaubt, er kann diese Arbeit umgehen, indem er Fantasy oder Science Fiction schreibt, täuscht er sich leider. Ich schreibe sowohl Fantasy als auch SF und Historienroman, und die Klärung des Settings ist bei einem Fantasy- oder SF-Roman genauso wichtig wie bei einem Historienroman. Auch die Wirkweise der Magie muss geklärt werden, und auch in einem SF-Roman muss ich wissen, wie meine Figuren leben.

Schön, die Wirkungsweise des Überlichtantriebs muss ich nicht kennen, schließlich weiß ich auch nicht, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert. Aber ich muss das Prinzip kennen, will heißen, ich muss Benzin tanken, den Motor anlassen, irgendwo im Motor wird das Benzin verbrannt, und die Energie, die dabei frei wird, treibt den Motor an. Die Kraft wird übertragen auf die Räder, irgendwo gibt es ein Lenkrad, und ach ja, Abgase werden bei der Verbrennung auch erzeugt. Diese Dinge muss ich auch über meinen fiktiven Überlichtantrieb wissen.

Wenn ich das Setting geklärt habe, fängt die Feinarbeit an. Will heißen, auch bei der Recherche gehe ich nun an den erforderlichen Stellen immer weiter in die Tiefe. Wann ist Person A von B nach C gereist, hat sie Briefe geschrieben, wenn ja, an wen? Was weiß man über ihre Meinung zu bestimmten Problemen, ihre Ansichten, war sie verheiratet, hatte sie Kinder, Eltern, Geschwister? Das Gleiche muss ich auch über meine fiktiven SF-Helden wissen oder über meinen Magierlehrling.

Am Ende der Recherche steht ein Dossier nicht nur über die Welt im Allgemeinen, sondern auch über die zeitlichen (historischen) Abläufe der beschriebenen Ereignisse und Dossiers über die einzelnen Figuren, die im Roman vorkommen – egal ob echt oder fiktiv. Und erst, wenn ich das alles habe, kann ich mit dem Ausformulieren der einzelnen Szenen anfangen. Es gibt Romane, zu denen mehrere Seiten von Listen über Nebencharaktere gehören. Die fiktive und auch die historische Welt wachsen immer weiter und werden auf diese Weise für den Leser immer greifbarer und fühlbarer.

So kann es passieren, dass aus einem Artikel über den hundertjährigen Rosenbusch am Dom zu Hildesheim ein Roman über die Sachsenkriege entsteht („Im Schatten der Rose“). Oder aus dem Bild eines Mannes in einer Lichtkugel ein SF-Fünfteiler über einen Mann, der zu einem Supermutanten gemacht wird und daran verzweifelt („Auge – erstes Licht“).

Ihre Petra E. Jörns /aka P. E. Jones aka Patricia E. James

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