Textarbeit am PC – Ein Kurs in mehreren Folgen für Autorinnen (auch für Autoren geeignet, gerade für die, die meinen, sie wüssten schon alles)

5. Workshop: Die Normseite

 

In Folge 3 und 4 dieses Kurses wurden die Formatvorlagen behandelt. Wie man diese Formatvorlagen sinnvoll in einer Dokumentvorlage einsetzen kann, zeigt dieser vorläufig letzte Kurs am Beispiel der geheimnisumwitterten »Normseite«. Ein Gastbeitrag von Christian Fleischhauer

Über Normseiten

Auch heute noch ist in Deutschland in der Belletristik die Normseite aus der guten alten Zeit der Dampfschreibmaschine das Maß der Dinge. In dieser längst vergangenen Zeit, als Schreibmaschinen nur eine einzige Schriftart beherrschten und jeder Buchstabe, ob »i« oder »m«, die gleiche Breite hatte, enthielt eine Manuskriptseite 30 Zeilen, von denen jede maximal 60 Anschläge lang war. Dazu wurden mit Schiebern der linke und der rechte Rand so eingestellt, dass in der Mitte ein Schreibbereich von genau 60 Zeichen oder sechs Zoll entstand.

Schreibmaschinenschriften sind Nichtproportional-Schriften. Teilweise geistern falsche Auffassungen darüber durch das Internet, was eine Normseite ist. Eine Normseite kann nicht mit einer Proportionalschrift wie Arial oder Times New Roman realisiert werden und eine Normseite darf auch nicht verwechselt werden mit der Menge von genau 1800 Anschlägen. Typische Normseiten enthalten eher zwischen 1400 und 1500 Anschlägen. Je nach Textsorte können auf einer Normseite viele Zeilen deutlich kürzer als 60 Zeichen sein, bei Dialogen beispielsweise. Daher sind Normseiten besser als die Zeichenzahl geeignet, den Umfang eines fertigen Buches abzuschätzen – auch im Druck werden Dialoge die Zeilen nicht von Rand zu Rand ausfüllen.

Die Punktgröße einer Schrift gibt ihre Höhe und bei Nichtproportional-Schriften auch ihre Breite an. Da 72 Punkt einen Zoll ergeben, heißt das, dass 60 Zeichen bei einer 12 Punkte Schrift sechs Zoll und bei einer 10 Punkte Schrift  fünf Zoll breit sind. Der Rest der 21 cm, die eine DIN-A4-Seite breit ist, kann auf die Ränder verteilt werden, z.B. 2 cm links und 3,7 cm rechts (oder entsprechend mehr bei einer kleineren Schrift).

Der obere und der untere Rand hängen vom gewählten Zeilenabstand ab – und hier fängt die Sache an, ein bisschen kniffelig zu werden. Der Zeilenabstand einer Normseite wird häufig als 1 1/2-zeilig angegeben. Den meisten Anwendern ist nicht bewusst, dass die Angabe von Zeilenabständen in der Einheit »Zeilen« bei Textprogrammen wie Word oder Writer keine präzise Abstandsangabe ist, sondern von Schriftart zu Schriftart – und bei Word sogar abhängig vom Druckertreiber – erheblich schwankt. Selbst bei den vier Courier-Varianten auf meinem Mac schwankt bei einer Schriftgröße von 12 Punkten der Zeilenabstand zwischen 4,0 und 4,8 mm. Kein Wunder das viele Anwender im Netz verzweifeln, weil eine Normseitenvorlage auf dem einem Rechner funktioniert und auf einem anderen z.B. plötzlich nur noch 28 Zeilen hat.

Eigentlich ist bei der Definiton der Normseite mit »1 1/2-zeilig« der mechanische Vorschub einer Schreibmaschine gemeint. Dort passten bei einzeiliger Schreibweise sechs Zeilen auf einen Zoll oder bei 1 1/2-zeiliger Schreibweise vier Zeilen. In Punkt umgerechnet sind das 16 Punkt für einen Zeilenabstand von 1 1/2 Zeilen oder 24 Punkt für 2 Zeilen.

Um ein Dokument in Normseiten zu formatieren, müssen Sie also drei Dinge tun:

  • Eine nichtproportionale Schriftart wie 12 Punkt Courier, Letter Gothic oder Lucida Console wählen
  • Einen festen Zeilenabstand von z.B. genau 24 Punkt einstellen und
  • Ränder und Papierformat entsprechend einstellen, z.B. der rechte Rand 3,7 cm, alle übrigen 2 cm.

Wenn Sie es eilig haben, können Sie jeden Text nachträglich ins Normseiten-Format umformatieren. Sie sollten das aber zur Sicherheit mit einer Kopie machen.

Zunächst wählen Sie den gesamten Text aus, auf dem Mac mit Cmd+A, auf dem PC mit Strg+A.

Nun stellen Sie für den ausgewählten Text die Schriftgröße 12 Punkt und eine Courier-Schriftart ein.

schriftart word

 

 

 

 

 

Schriftart einstellen bei Word 2011

schriftart LO

 

 

 

 

Schriftart einstellen bei Libre Office 4.3

 

schriftart pap

 

 

 

 

Schriftart einstellen bei Papyrus Autor 7

Der nächste Schritt ist, einen festen Zeilenabstand von genau 24 Punkten einzustellen und alle zusätzlichen Abstände vor oder hinter Absätzen auf Null zu setzten. Der Text muss weiterhin ausgewählt sein.

Mit Word 2011 auf dem Mac rufen Sie die Absatzeinstellungen mit dem Befehl Format | Absatz auf, bei Word 2010 auf dem PC mit der kleinen Schaltfläche rechts neben dem Wort »Absatz« im Menüband Start. In LibreOffice und OpenOffice ist der Befehl ebenfalls Format | Absatz, in Papyrus Absatz | Spezielle Absatzformatierung.

absatz LO

 

 

 

 

 

 

absatz pap zeilenabstand

 

absatz pap

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Absatzeinstellungen und Zeilenabstände für Word, Libre Office und Papyrus. Bei Papyrus wird der Zeilenabstand über die Symbolleiste (oben) eingestellt.

Nun müssen noch die Seitenränder eingestellt werden.

Unter Word 2011 auf dem Mac geht das über das Menüband Layout. Dort können Sie die Werte direkt im Menüband eintragen.

Unter Windows geht das nicht so einfach. Sie müssen bei Word 2010 im Menüband Seitenlayout auf die kleine Schaltfläche unten rechts neben »Seite einrichten« klicken, um den gleichnamigen Dialog aufzurufen.

In Libre Office oder Open Office blenden Sie ggf. mit dem Menübefehl Ansicht | Seitenleiste die Seitenleiste auf der rechten Seite ein, klappen durch einen Klick auf das kleine [+] vor »Seite« die Seiteneinstellungen auf.

Bei Papyrus rufen Sie den Dialog Seitenlayout ändern mit dem Befehl Dokument | Seitenlayout auf.

seitenrN¦ânder word

 

 

 

seiteneinstellungen word w

 

 

 

 

 

 

 

seitenrN¦ânder LO

 

 

 

 

 

 

 

seitenrN¦ânder pap

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seiteneinstellungen bei Word für Mac und Windows, Libre Office und Papyrus Autor

 

Die nachhaltigere Herangehensweise ist natürlich, sich eine Dokumentenvorlage für Normseiten zu bauen. Dann können Sie direkt in Normseiten losschreiben. In der letzten Ausgabe des Workshops haben Sie schon gesehen, wie Sie aus einem formatierten Absatz eine Formatvorlage machen können. Wenn Sie ihren Text schon unter Verwendung von Formatvorlagen geschrieben haben, können Sie diese auch auf die neuen Einstellungen aktualisieren.

In Word zeigen Sie dazu die Liste der Formatvorlagen an: Schaltfläche rechts unten im Abschnitt »Formatvorlagen« des Menübandes Start. Klicken Sie in den formatierten Text. In der Liste der Formatvorlagen ist nun die Vorlage hervorgehoben, mit der der Absatz formatiert war. Wählen Sie in Dropdown-Menü Aktualisieren, um die Auswahl anzupassen.

Bei Libre Office gehen Sie ähnlich vor. Wählen Sie Format | Formatvorlagen, um die Vorlagen einzublenden und anschließend mit der Menüschaltfläche oben rechts Vorlage aktualisieren.

Bei Papyrus Autor kommen Sie mit dem Befehl Absatz | Formatvorlage zum Dialog Formatvorlage. Entfernen Sie ggf. das Häkchen an der Option In allen Dokumenten verfügbar, um nicht die globalen Voreinstellungen für alle Dokumente zu überschreiben und klicken Sie Schriftstil aus Text für diese Vorlage nehmen.

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Formatvorlagen aktualisieren in Microsoft Word

 

format upd LO

 

 

 

 

 

 

Formatvorlagen aktualisieren in Libre Office

 

format upd pap

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Formatvorlagen aktualisieren in Papyrus Autor

Wiederholen Sie dies für alle relevanten Vorlagen in ihrem Dokument, also Vorlagen wie »Standard«, »Text«, »Textkörper«, »Überschriften«, etc. Jetzt müssen Sie Ihre Normseitenvorlage nur noch mit Datei | Speichern unter als Dokumentenvorlage speichern.

War eigentlich nicht schwierig, oder?

Ihr & Euer Christian Fleischhauer

Bisherige Workshops:

(1) Grundlegendes bei der Textarbeit

(2a) Zeichensalat 1: Nicht sichtbare Zeichen/Anführungszeichen

(2b) Zeichensalat 2: Apostroph, Bindestrich, Gedankenstrich, Ellipse, Leerzeichen

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