Truth is stranger …

Ente süß-sauer

Autoren und Tiere, das Thema hatten wir schon, glaube ich*. Oder?

Ich habe auf jeden Fall einen Hund. Und eine Katze. Und Laufenten.

Seit Kurzem wieder, also seit diesem Frühjahr. Vorher – also irgendwie seit Jahrzehnten – hatten wir Laufenten. Immer ein Pärchen, und sie hießen immer Donald und Daisy. Süß. Und so praktisch. Hatten wir Laufis, hatten wir keine Schnecken.

Mein Zukünftiger hatte mich mit drei Kindern und zwei Katzen und zwei Laufenten genommen. Aus zwei Katzen wurde irgendwann eine. Aus drei Kindern wurden vier. Die zwei Laufenten blieben. Ich wollte dann noch einen Hund. Er wollte daraufhin ausziehen. Das wollte ich wiederum nicht.Er wollte die Ente nicht mehr, weil, zugegeben, die Ente war laut. Sie hat nicht gequakt, sie hat getrötet. Und es hat gehallt zwischen den Häusern. Wissen Sie, wir wohnen im Innenstadtrandbereich (das ist ein geiles Wort, fast so gut wie ‚Fahrpreisnacherhebung‘). Also der Innenstadtrandbereich hat Häuserblöcke (nicht so wie in Berlin, eher so wie in Bielefeld): Ein- und Zweifamilienhäuser rundherum und in der Mitte Gärten. Und hier ist es irgendwie so, dass die Gärten tiefer liegen als die Straße und die Häuser. Wer sich mit Schall auskennt, weiß, was das bedeutet.

In unserem Garten, der eigentlich klein, aber für den Innenstadtrandbereich dann schon wieder recht groß ist (über 500 qm), bauen wir schon immer auch Gemüse an: Salat, Zucchini, Gurken, Artischocken, Tomaten und so. Das Übliche halt, und das war auch immer top. Guter Ertrag, je nach Wetter. Na ja. Aber da war dieser Wunsch nach einem Hund, den ich hatte. Und dann lief mir DIESER Hund über den Weg. Glücklicherweise. Bei einer Lesung. Und ich konnte nicht wirklich widerstehen.

Würde jetzt mein Zukünftiger zu meinem Ex werden? Zum Glück nicht. Der Hund kam, sah und siegte, und wir beide mögen ihn nicht mehr missen. Aber die Enten mussten weichen, denn wir hatten kein hundesicheres Gehege. Und wer will schon Daisy und Donald tot im Garten …? Wir wussten ja auch nicht, wie stark der Jagdtrieb des Hundes aus third-hand sein würde. Also lieber die Enten abgeben, als ein Drama provozieren. Das war auch kein Ding: Eine Bekannte hat einen Bauernhof und hält dort Laufenten. Da fanden Donald und Daisy für drei Wochen ein gutes, neues Zuhause. Da kam dann der Fuchs … aber das ist eine andere Geschichte. Mein Zukünftiger war glücklich mit dem Hund (ich sowieso) und glücklich ohne Enten. Der nächste Sommer war sonnig und schön. Alle immer noch glücklich.

Dann hatten wir ein nasses und warmes Frühjahr. Und keinen Salat. Das erste Mal. Schneckenfraß. Keine Gurke, keine Zucchini. Im nächsten Jahr sah es mit dem Salat wieder mau aus, dafür hatte wir aber Mangold ohne Ende und Kürbisse, die bis in den Apfelbaum wuchsen. Und dann wieder keinen Salat – diesmal nicht gesät, sondern Setzlinge.

„Wieso haben wir so viele Schnecken?“, fragte mein Zukünftiger mich, „Das hatten wir doch sonst nicht. Erst die letzten Jahre.“

„Weil wir Enten hatten …“

Okay, das hat in ihm gearbeitet. Letztes Jahr wollte er dann dringend und sofort wieder Laufis. Aber dafür brauchen wir ein hundesicheres Gehege und wie das so ist: Das baut sich nicht von alleine.

Dieses Jahr war es soweit. Gehege fertig, ein schönes Entenhaus, zwei große Teichbehälter, die man gut ausleeren und saubermachen kann und zwei Laufentenküken. Dummerweise mussten sie sofort abgeholt werden und waren noch nicht in der Mauser gewesen – vorher sieht man nicht, welches Geschlecht sie haben. Es waren dieses Mal nicht Daisy und Donald, sondern Daisy und Daisy. Zwei Enten, kein Erpel. Schwestern – aber wenn man aus dem Ei schlüpft, hat man wenig Blutsbande, fürchte ich. Sie haben sich ziemlich beharkt und bekämpft und es war klar: Wir müssen eine der Enten gegen einen Erpel tauschen. Das habe ich auch angeleiert, aber das Schicksal nahm seinen Lauf. Inzwischen waren die beiden ausgewachsen und immer wieder gab es Gezicke. So auch letzten Freitag. Ich hörte das und dann lauteres Ententröten und dann … Stille, verdächtige Stille. Ich also runter in den Garten gerast. Da saß mein Hund und knabberte an einer Daisy. AAAAAAAAHHHH. Ich habe sie ihm weggenommen. Natürlich. Es gab keine Kampfspuren im Gehege, der Zaun war intakt – irgendwie war sie darüber gekommen und ihm wahrscheinlich direkt ins Maul geflattert. Duck-to-go.

Ich konnte ihm noch nicht mal böse sein. Ich liebe Ente süß-sauer oder auch knusprig, warum soll er nicht auch Geschmack daran finden? Aber doch nicht unsere Daisy! Da eine Ente alleine viel zu einsam ist, habe ich schnell nach einer weiteren gesucht. Diesmal sollte es ein Erpel sein. Den konnte ich schon am nächsten Tag abholen. Ich setzte Donald vorsichtig in das Gehege und überprüfte nochmals den Zaun, ob nicht doch irgendwo ein Loch zu finden sei. Daisy, die bisher handzahm war, stand offensichtlich noch unter Schock. Wie irre flatterte sie durch das Gehege, quakte entsetzt, irgendwie flatterte sie halb den Zaun hoch und … ahnen Sie es? Drüber. Da stand der Hund. Er wusste nicht so recht, wie ihm geschah. Natürlich schnappte er die Ente. Ich hinterher, nahm sie ihm wieder ab – bis auf ein paar Federn war sie noch ganz, keine Verletzungen, nichts. Sie flatterte zweimal aufgeregt in meinen Armen, quakte laut, und dann fiel sie in Schockstarre. Leider ist das eine Unart, die Geflügel schon mal an den Tag legen. Wir versuchten alles (Warmhalten, Ruhe, ein wenig Wasser), aber sie starb kurz darauf an einem Herzinfarkt.

Jetzt hatten wir einen Erpel, aber keine Ente mehr. Soifz.

Also habe ich mich gekümmert und am nächsten Tag direkt eine neue Laufente gekauft. Diesmal musste der Hund im Haus bleiben – weitere Dramen hätte ich nicht ertragen. Wir haben die beiden zusammengesetzt und alles schien gut. Eine Stunde später ging ich noch mal nachschauen. Und wer lief mir im Garten entgegen? Richtig, Daisy. Wir fingen sie wieder ein – suchten noch mal nach einem Loch im Zaun, fanden aber nichts. Manche Laufenten können ein wenig fliegen – das musste bei Daisy der Fall sein. Sie musste irgendwie über den fast zwei Meter hohen Zaun gekommen sein. Da hilft nur eines, wenn man nicht wieder Duck-to-go haben will: den Flügel stutzen.

Ente gut, alles gut?

Nein.

Am nächsten Morgen ging ich in den Garten (ohne Hund) und sah nach den Enten. Donald sah mich groß an, aber wo war Daisy? Daisy war weg. Sie war nicht im Gehege, sie war auch nicht im Garten. Es lagen auch nirgendwo Federn oder eine tote Ente. Nichts zu sehen. Der Hund und ich machten uns auf und suchten in der Nachbarschaft. Keine tote Ente am Straßenrand, kein Gequake aus den Nachbargärten. Nichts. Ein schwarzes Loch im Garten? Ich konnte es nicht fassen. Ich setzte mich mit Kaffee und einem Buch und meinem Hund nach draußen und lauschte. Raschelte es irgendwo im Gebüsch? Nein. Auch der Hund spürte nichts auf. Keine Ente. Abends, als es dunkel war, hörte ich plötzlich leises Geschnatter und Gequake – es gab sie also doch noch. Mit Taschenlampen bewaffnet gingen wir in den Garten. Im Hang unter dem Efeu fanden wir Daisy. Diesmal habe ich den Flügel nicht so zaghaft gestutzt (die Anleitung hatte ich mir im Geflügelforum noch mal geben lassen). Am nächsten Morgen ging ich mit klopfendem Herz wieder nach draußen. Wird die Ente da sein? Sie war es. Saß zusammen mit Donald friedlich im Gehege und hatte auch schon ein Ei gelegt. Und bisher ist sie weder abgehauen noch gefressen worden.

Ich hoffe, das bleibt auch so.

Ihre Ulrike Renk


* Wie üblich hat unsere Grovo recht. Den Beweis gibt es hier, hier und hier.

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