„Verse muss man so schreiben, dass die Scheibe kaputtgeht, wenn man das Gedicht dagegen wirft“ Daniil Charms (1905-1942)

Daniil als Sherlock

Ich habe einen sehr guten Freund, den ich oft nicht verstehe. Er tut manchmal Dinge, die mich ob ihrer Schönheit und Großzügigkeit staunen lassen, dann wieder ist er in seiner Engherzigkeit gnadenlos wie ein absoluter Monarch. Ich verstehe ihn nicht, aber ich liebe ihn trotzdem sehr, denn neben vielem anderen verdanke ich diesem Freund die Entdeckung von Daniil Charms, dem ‚russischen Kafka‘.

Daniil Charms, der mit bürgerlichem Namen Daniil Iwanowitsch Juwatschow hieß, kam am 30.Dezember 1905 in St. Petersburg zur Welt, nachdem sein Vater zunächst komplizierte Berechnungen bezüglich des idealen Zeugungszeitpunktes angestellt hatte, „weil Vater unbedingt wollte, dass sein Kind am Neujahrstag geboren würde.“

Den grotesk ausgeschmückten Erinnerungen Charms zur Folge, habe der Vater anlässlich der vor dem gewünschten Datum stattgefundenen Geburt, darauf bestanden „mich dorthin zurückzustopfen, wo ich eben erst hergekommen war.“ Es half nichts, und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn blieb nach diesem unglücklichen Start dauerhaft ein belastetes.

Schon früh versucht der Vater den fantasiebegabten und oft wohl auch verträumten Daniil an eine asketische, von strenger Religiosität geprägte Lebensweise zu gewöhnen. Bereits mit zwei Jahren – so die stolze Mutter – kann das Kind sich bekreuzigen, mit sechs schreibt der Knabe fehlerfrei, lernt deutsch und englisch, wird 1915 auf eine Eliteschule geschickt, doch beginnt Daniil rasch sich gegen den Ehrgeiz des Vaters aufzulehnen.

Mit achtzehn ist es endgültig so weit, diesmal vermag keine Intervention des angesehenen Vaters, keine großzügige Spende die Schulleitung noch umzustimmen, Charms fliegt, wegen Faulheit und unangepasstem Verhalten. Zwar kriegt Charms dann nach Besuch der Zweiten Sowjetischen Arbeiter-Einheitsschule doch noch die Hochschulreife, ein Studium beendet er trotz verschiedener Anläufe nicht.

Stattdessen stürzt Charms sich 1925 ins St. Petersburger Nachtleben, gibt sich extravagant, kleidet sich beispielsweise als Sherlock Holms, experimentiert mit seinem Namen „Chcharms“, „Chorms“ und „Iwanowitsch Dukon-Charms“, experimentiert mit seiner Sprache, liebt die Frauen und schließt Freundschaft mit bedeutenden Dichtern seiner Zeit darunter Alexander Wwedenski und Nikolai Sabolozki. Mit den beiden Freunden gründet Charms 1927 die „Vereinigung der realen Kunst“, die Oberiu, wobei man freimütig bekennt, das U sei einfach nur so angefügt, bedeute nichts, habe den Gründungsmitgliedern eben gefallen.

Gleichermaßen ungezwungen gehen die Mitglieder auch mit Sprache und Stil um, alle Kunst sei gleichberechtigt fordert man und im Grunde sei alles Kunst. So hockt man sich bei öffentlichen Kunstveranstaltungen schon einmal eine Stunde in einen schwarzlackierten Schrank und schreibt vor allem Grotesken und Absurditäten. Im Umfeld des konservativ biederen Frühstalinismus, einer Ära in der Literatur vor allem die Herrlichkeit der Revolution preisen soll, wundert es einen fast, dass diese literarische Gesellschaft erst im Frühjahr 1930 als staatsfeindlich verboten wird. Zu dieser Zeit ist Charms auch bereits aus dem staatsnahen Allrussischen Dichterverband ausgeschlossen, allerdings nicht aus politischen Gründen, sondern schlicht wegen ausgebliebener Zahlung der Mitgliedsbeiträge.

Künstlerisch wie politisch verschärft sich das Klima in Russland gegen Ende der zwanziger Jahre zusehends, konnten 1926, 1927 ausgewählte Gedichte Charms noch gedruckt werden, zerschlagen sich die für 1928, 1929 geplanten Veröffentlichungen, scheitern an den immer strenger werdenden Zensurvorgaben. Allein seine Kindergedichte, so wie seine in bis zu 20. Auflage erscheinenden Kinderbücher „Iwan Iwanowitsch Samowar“, „Erstens und zweitens“ sowie „Fuchs und Hase“ können noch verlegt werden, sichern Charms neben seinen Rezitationsauftritten vor Kindern zumindest ein kleines Einkommen.

Trotz dieser beruflichen Rückschläge sind die späten zwanziger, frühen dreißiger Jahre für Charms eine glückliche Zeit – nach zahlreichen Trennungen, Versöhnungen, beiderseitigen Untreuen, öffentlichen wie privaten Szenen ist die schöne Esther Alexandrowna Rusakowa 1928 endlich bereit dem Schriftsteller das Jawort zu geben. Fast fünf Jahre hält man einander im Anschluss daran aus, dann aber reicht Charms die Scheidung ein, er hat es ja schon 1925 geahnt: „Sie ruft mich, aber ich weiß, das ist nicht für lange. […] Für immer Esther.“

Statt der temperamentvollen Schönheit ehelicht er nun die sanfte Marina Malitsch. Die tut sich zwar zunächst etwas schwer, gewöhnt sich dann jedoch überraschend schnell an die chronische Untreue ihres Gatten, drückt beide Augen zu, wenn dieser wieder nachts nicht heimkommt oder seinen Charm an Marinas Schwester ausprobiert. Er selbst resümiert trocken: „Marina hat erfahren, dass ich sie mit Anna Semjonowa betrüge. Wie ungut das ist.“ aber weiß auch „Wenn ein Mensch sagt: Mir ist langweilig versteckt sich dahinter immer ein sexuelles Problem.“ Ihm selbst scheint demnach selten langweilig gewesen zu sein.

Daniil Charms undatiert

 

1931 dann die erste Verhaftung, 1932 die Verurteilung zu drei Jahren Verbannung nach Kursk, allein der politisch einflussreiche Vater interveniert erfolgreich, bereits im November 1932 darf Charms wenigstens nach Leningrad zurückkehren.

Dass er in Russland zu Lebzeiten noch einmal als Autor für Erwachsene gedruckt oder gar eins seiner zahlreichen Theaterstücke aufgeführt wird, glaubt er inzwischen längst nicht mehr: „Ich kann mit Sicherheit vorhersagen, dass es für mich keine positiven Veränderungen geben wird und mir in nächster Zukunft der vollkommene Bankrott droht und stattfinden wird.“

Der Alltag ist nun geprägt von finanzieller Not, der räumlichen Beengtheit einer Gemeinschaftswohnung und der dauerhaften Angst vor politischen Intrigen. Freunde verschwinden spurlos oder in Lager, der Verleger der Kinderzeitschrift, für die Charms schwerpunktmäßig schrieb wird verhaftet, kurz darauf öffentlich erschossen. Im Alter von 32 Jahren bleibt Charms  nicht mehr viel, nur die simple Bitte: „Gott schick uns bald den Tod.“

Um dem Kriegsdienst zu entgehen, stellt er sich 1939 wahnsinnig. Zwar entkommt er so der Einziehung wird aber 1941 abermals wegen antisowjetischer Propaganda verhaftet und im Anschluss als geisteskrank in die Gefängnispsychiatrie eingewiesen.

Am 02.02. 1942 wird Charms offiziell für Tod erklärt. Woran er starb, ob am Hunger der Leningrader Blockade oder durch direkte Gewalteinwirkung, wird sich nie mehr mit Sicherheit sagen lassen.

 

Die im Rahmen des Tauwetters stattfindende zweite Avantgarde ermöglichte in den späten fünfziger Jahren eine erste Neuauflage von Charms Kinderbüchern, in den siebziger Jahren erfolgte eine Übersetzung ins Deutsche, 1988 dann erschien erstmals eine Sammlung der Texte Charms in Russland. Heute ist die Mehrheit seiner Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke ins Deutsche übertragen und für jeden zugänglich.

Doch ich warne, wie mein zu Beginn des Essays erwähnter Freund ist Daniil Charms oft unverständlich, seine Prosa mal ausufernd anmutig, dann wieder sperrig, hart, voller Brüche.

Mir persönlich ist es egal, ich liebe ihn.

Ihre Joan Weng

P.s.: Im nächsten Verlegerinterview, stellen wir den Verlag vor dessen Verdients es u.a. war, Charms für den deutschsprachigen Leser zugänglich gemacht zu haben.

Alle Zitate aus: Daniil Charms: Du siehst mich im Fenster – Autobiographisches

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