Von Regenschirmen und Papiermüllcontainern

Der früheste Autor, den ich namentlich wahrnahm, hieß Rolf Ulrici. Er schrieb die »Käpten Conny« Bücher, die in mir die Sehnsucht nach einer kleinen Segeljolle weckten. Ich wäre damit auch gern übers Meer gesegelt wie Conny in diesen Büchern. Leider wurde aus meinem Wunsch keine Wirklichkeit, weil ich in einer Umgebung aufgewachsen bin, in der ein Meer nicht vorkam, nicht einmal ein brauchbarer See. Ein anderes Buch dieses Autors war »Tom und der Sohn des Häuptlings«. Da bekam ein Junge in Deutschland Besuch von einem Indianerjungen aus Amerika. So etwas konnte auch nur anderen passieren. Ich hätte auch gern solch einen Besuch gehabt – aber es passierte einfach nicht. Dies sind schöne Beispiele dafür, wie frühe Lektüre depressive Stimmung bei den jungen Lesern erzeugen kann. Ein kritisches Hinterfragen, ob so die frühe Schulung der Lesefähigkeit gefördert werden soll, ist angebracht.

Es gab aber damals nicht nur Autoren, die anspruchslose Unterhaltung schrieben wie Rolf Ulrici. Ein ebenso kreativer, dabei weniger flacher Autor war Friedrich Feld, der mit richtigem Namen Friedrich Rosenfeld hieß. Er wurde 1902 in Wien geboren, studierte Kunst- und Literaturgeschichte und schrieb Kritiken für Wiener Zeitungen. Außerdem gehörte er zur Kulturredaktion der sozialdemokratischen Wiener Arbeiter-Zeitung, deren Feuilleton er bis zum Verbot im Februar 1934 leitete. Er emigrierte danach in die Tschechoslowakei, arbeitete dort als Lektor und für den Film und emigrierte 1939 nach Großbritannien. Dort schlug er sich als Arbeiter in einer Fabrik durch, war für die BBC tätig und nach dem Krieg als Übersetzer für die Nachrichtenagentur Reuters. 1948 wurde er britischer Staatsbürger.

Neben Theaterstücken und Hörspielen schrieb Friedrich Feld zahlreiche Kinder- und Jugendbücher. Ein besonderer Bestseller war »Der musikalische Regenschirm«. Das Buch erschien 1950 in Wien und 1953 im Verlag Die Boje in Stuttgart. Das Buch wurde zum letzten Mal im Jahr 1970 wieder aufgelegt, andere Bücher des Verfassers waren aber bis Ende der 1980er Jahre noch zu haben.

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In diesem Buch wird erzählt, wie ein gewisser Herr Aldemar einen Regenschirm erfindet, der Musik macht, wenn man ihn öffnet. Der Schirm kommt ihm aber abhanden und der Finder – ein Herr Faber – möchte den Schirm nicht hergeben. Die Kinder Martin und Nelly wollen helfen und schmieden einen Plan. Wie das Ganze umgesetzt wird und welche Rolle Nellys Hund Bronko spielt, das ist so fantastisch und gut erzählt, dass dieses Buch auch heute noch für Kinder (und vorlesende Eltern) geeignet ist, auch wenn ein musikalischer Regenschirm im Zeitalter von mp3-Playern und Musik speichernden Smartphones längst keine Sensation mehr ist. Im Antiquariat ist das Buch noch gut zu bekommen.

Ein anderes Kinderbuch von ihm ist die »Geburtstagsfeier wie noch nie«.

 

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Der kinderlose Warenhausbesitzer Quinty lädt alle Kinder ein, die, wie er, am 14. August geboren sind. Dazu gehört auch Monika und die will sich diese Feier auf keinen Fall entgehen lassen. Leider gibt es einige »Aber«. Eins ist die Ziege Rosalie, die sie immer bei sich hat. Außerdem wird ein Geburtsschein benötigt, den sie verloren hat. Die Suche führt ins Kino, ins Fundamt, zu einem Zauberer und einem Herrn mit Spitzbart. Gut dass Monika ihre Freundin Petra hat. Jedenfalls passiert viel, bis es endlich zur Geburtstagsfeier kommt. Dieses Buch musste ich mir nicht aus dem Antiquariat besorgen. Ich habe es aus dem Papiercontainer auf dem Restmüllplatz von Lauda gefischt. Da schaue ich immer hinein, wenn ich selbst Müll wegbringe und bin immer wieder überrascht darüber, was die Leute für Bücherschätze wegwerfen.

Ihr Horst-Dieter Radke

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