Von stählernen Blumen und gelben Tulpen – Friedrich Sieburgs Grab auf dem Waldfriedhof Stuttgart

Seit bald zwei Jahren haben wir im Blog die Serie ‚Friedhofsbesuche‘ und Horst-Dieter nervte bat mich seit längerem, doch auch einmal einen Beitrag beizusteuern. Aus Gründen der Bequemlichkeit entschied ich mich für den Stuttgarter Waldfriedhof – der liegt ungefähr auf dem Weg zu meinen Eltern, und außerdem war ich als Kind oft dort, kenne mich also ein wenig aus.

Ein Blick in die Wikipedia bestätigte mir dann, was jeder Schwabe sowieso weiß: bei uns im Ländle wimmelt es geradezu von Prominenz – naja, vor allem Wirtschaftsprominenz wie Bosch, Breuninger und Bauknecht, aber Theodor Heuss und seine Frau liegen ebenfalls auf dem Waldfriedhof. Mit den waldfriedhöflichen Literaten ist es dann ein bisschen dünner, zumindest, wenn man Theodor Heuss nicht doch dazuzählt. Das Grab eines Herr Mehnert, Klaus, deutscher Journalist, Publizist und Hochschullehrer kann man wohl finden. Die Ahnen des Herrn Mehnert, Klaus, mögen mir verzeihen, ich hatte noch nie etwas von ihm gehört. Und dann ein Friedrich Carl Maria Sieburg, deutscher Journalist, Publizist und Literaturkritiker – der war mir zwar gleichfalls vollkommen unbekannt, aber da er zwei meiner Lieblingsnamen vereinte, fühlte ich mich ihm irgendwie verbundener als Herrn Mehnert, Klaus. Außerdem kannte ich auf dem Waldfriedhof schon einen Friedrich, Fritz gerufen, und das schien mir ein hübscher Zufall.

Diesen Fritz haben wir nämlich immer besucht, mein Opa und ich. Fritz war der kleine Bruder eines Kriegskameraden meines Großvaters und weil der Kriegskamerad in Russland geblieben war – so nannte mein Opa  das –, sah er  ein wenig nach dem Grab. Wir brachten ihm immer Blumen, alle möglichen, Hauptsache bunt und viel. Fritz hat Blumen wohl sehr gemocht und wollte Gärtner werden. Aber daraus wurde nichts. Im Februar ‘45 ist er sechzehnjährig gefallen – als Teil des Volkssturm Aufgebots III (Jahrgang 1925-1928), doch das lernte ich erst später in der Schule.

Und mit der Schule begann auch meine Recherche zu Friedrich Carl Maria Sieburg (*1893). Zu Schulzeiten veröffentlichte er schon erste Gedichte und gehörte vor dem 1. Weltkrieg lose dem George-Kreis an, jener kunstsinnigen Gruppierung junger Lyriker und Stefan-George-Verehrer.  Nachdem er den Krieg zunächst als Infanterist, dann als Fliegeroffizier hinter sich gebracht hatte, zog es ihn, wie so viele damals, in die Hauptstadt, Berlin, diesen pulsierenden, elektrisierenden Mittelpunkt der Welt. Mit Filmkritiken und anderen kleinen Beiträgen hielt er sich hier einige Jahre über Wasser und begann ab ’23, als Auslandskorrespondent für die Frankfurter Zeitung nach Dänemark, Paris und London zu reisen. Im Rahmen dieser Auslandsaufenthalte entstand auch sein erstes Buch ‚Gott in Frankreich‘. 1929, im Erscheinungsjahr dieses Buches, vollzog Sieburg langsam den Wandel von einer bürgerlich-liberalen Weltanschauung hin zu etwas, dass Carl Zuckermayer Jahre später mit den Worten „zwischen Nationalismus, Kritik des ‚liberalen Denkens‘ und politischer Progressivität“ beschreiben sollte. ’33 folgte demgemäß der Titel ‚Es werde Deutschland‘. Da Sieburg jedoch den Antisemitismus ablehnte, war dem Buch nur eine dreijährige Lebensdauer beschieden, ’36 fiel es der Zensur zum Opfer. Seltsamerweise störte Sieburg selbst das nicht weiter, er begann munter in Frankreich für das ‚neue Deutschland‘ zu werben. Seine ins Exil geflüchteten Kollegen reagierten erst mit Befremden, dann mit offener Verachtung.

Kann seine 1935 erschienene Robespierre-Biographie vielleicht noch mit Einschränkungen zu den Werken der ‚Inneren Emigration‘ gezählt werden, machten ihn die ’37 und ‘39 folgenden, die Regime in Japan und Portugal verherrlichenden Bücher ‚Stählerne Blume‘ und ‚Neues Portugal‘  endgültig zu einem Fürsprecher der Hitlerregierung. Seit ’39 durch Friedrich Berber auf den propagandistischen Auslandseinsatz eingeschworen, trat er ’41 der Partei bei.

Nach Kriegsende wollte er davon nichts mehr wissen. Die Französischen Besatzer belegten ihn trotzdem mit einem dreijährigen Publikationsverbot.

Wie viele vollzog Sieburg in dieser Zeit eine politische 180-Grad-Drehung. Plötzlich liebte er Frankreich, lobte die moderne französische Literatur und war eigentlich immer schon und überhaupt gegen die Nazis gewesen. Schriftstellerisch trat er nun vor allem als Kritiker in Erscheinung, und diese Kritiken sind unleugbar brillant, scharfsinnig, pointiert und ein wirkliches Lesevergnügen – auch heute noch. Reich-Ranicki bezeichnet ihn als den „besten deutschen Feuilletonisten der frühen Nachkriegszeit“, auch Thomas Mann und Gottfried Benn und andere Größen der Zeit loben ihn in höchsten Tönen. Sieburgs Kritiken sind heute nur antiquarisch zu bekommen, dabei sind sie zum Teil immer noch lesenswert – weil sie amüsant sind –, aber auch als Zeitzeugnis.

Ich bin dann zwar auf den Waldfriedhof gegangen, doch ich habe Sieburgs Grab nicht angesehen. Ich habe Fritz besucht und darüber nachgedacht, ob er noch leben könnte, wenn es weniger angepasste Sieburgs gegeben hätte. Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen, aber wenigstens habe ich ihm Tulpen gebracht – gelbe, die mochte er wohl am liebsten.

Joan Weng


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