Was hatte Reinmar in Eßfeld zu suchen?

Dass in Würzburg das vermeintliche Grab von Walther von der Vogelweide, jenem Minnesänger und Dichter des Mittelalters, von dem wohl jeder schon gehört hat, zu finden ist, dürfte den meisten bekannt sein. Im Neumünster-Kreuzgang, im Lusamgärtlein ist sein Grabmal auch heute noch zu sehen. Genaugenommen ist es eher die Erinnerung an das Grab, das auf dem ehemaligen Friedhof nördlich der Neumünsterkirche, vermutlich an gleicher Stelle war. Dorthin soll uns heute unser »literarischer Friedhofsspaziergang« nicht führen. Auch nicht zu dem Brunnen, der vor der prächtigen Würzburger Residenz ein in Stein gehauenes Denkmal des Dichters zeigt.

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Einen anderen, weniger bekannten aus der Garde der Minnedichter wollen wir aufspüren: Reinmar von Zweter, geboren um 1200, gestorben nach 1248, vermutlich um 1260. Bekannt ist der Name selbst bei denen nicht, die sich für das Mittelalter interessieren. Für die Experten der mittelhochdeutschen Literatur gilt er jedoch als herausragender Vertreter der Sangspruchdichtung zwischen Walther von der Vogelweide und Frauenlob. Der nach eigenen Angaben am Rhein geborene Reinmar wuchs in Österreich auf und versuchte sich mit seiner Dichtkunst am Babenberg Hof in Wien, so wie der Sangesbruder von der Vogelweide viele Jahre zuvor. Möglicherweise war der Einfluss des großen Vorgängers noch zu spüren. Ebenso wie dieser hielt es ihn dort nicht. Nach 1240 geht man von einem Leben auf Wanderschaft aus. Prag und Köln sind bekannte Stationen. Aus dem Jahr 1248 stammt noch eine Spruchdichtung – dann verliert sich seine Spur. Wir wissen, dass es Walther zu einem Lehen brachte, das nicht zu Unrecht in Würzburg vermutet wird. Ob Zweter diese Stadt deshalb ansteuerte? Er musste wissen, dass der von der Vogelweide nicht mehr unter den Lebenden weilte. Versprach er sich eine Art Nachfolge? Jedenfalls ist er dort nicht angekommen. Oder er kam an und wurde wieder fort gewiesen.

Um sein Grab zu finden, verlassen wir Würzburg auf der B 19 Richtung Bad Mergentheim. Kurz vor Giebelstadt biegen wir links ab zu dem kleinen Ort Eßfeld. Ich habe mich bei meinem ersten Besuch durch den ganzen Ort gesucht, was aber erst zu einem Erfolg führte, als ich die Postbotin befragte. Mitten im Ort biegen wir links ab und folgen der Straße bis zu einer kleinen, unscheinbaren Kapelle zwischen den Bauernhöfen.

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Dort links neben dem Eingang steht ein grauer, verwitterter Grabstein, der den Spruch trägt:

Sich mensche, vür dich,

wer du bist,

war uz dû sist worden,

unt wer dû wirst

in kurzer vrist!

din leben wert unlange,

wider dem Leben.

daz nimmer ende hât.

Darunter steht:

Minnesänger Reinmar von Zweter.

* um 1200 i. Zweter.

+ um 1260 in Eßfeld.

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Schaut man sich in Eßfeld um, kann man sich nicht vorstellen, was den Dichter und Sänger hierher verschlagen haben soll. Vielleicht nach Giebelstadt, wo die Ministerialengeschlechter Geyer und Zobel Grundbesitz und Lehen hatten. Wo es eine Burg gab, in deren Ruine  jährlich im Sommer die Florian Geyer Feststpiele aufgeführt werden, die den Bauernkrieg thematisieren. Der brachte allerdings erst hundertfünfzig Jahre nach dem Minnesänger Unruhe in die süddeutsche Region. Mag sein, dass Zweter hier unterkam, hier verstarb, möglicherweise auch hier begraben wurde und sein Grabstein erst später nach Eßfeld gebracht wurde, wo nun vielleicht alle paar Jahre jemand steht und über den Spruch nachsinnt.

Schaut man sich das Bildnis Reinmars an, das im Codex Manesse – der großen Heidelberger Liederhandschrift – enthalten ist, dann zeigt sich dort ein Mann mit leichtem Bart und Locken unter einer Haube, der sitzt, den linken Arm auf das Knie gestützt, den Kopf in die linke Hand gelegt, die rechte Hand locker auf dem linken Knie und die Augen geschlossen hält. Er lächelt, scheint in Schönes versunken. Etwas tiefer sitzt eine junge Frau, die auf einer langen Rolle etwas notiert, vielleicht das, was der Sänger ersinnt.

http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0641

Wer sich nicht mit den mittelalterlichen Originaltexten abgeben möchte, findet Übertragungen einiger Verse Reinmars im Buch »Die Minnesänger – Die Liebespoesie des Mittelalters – herausgegeben von Walter Hansen, Rheinbach, 2015, S. 144 f. ISBN 978-3-95540-167-2

http://burgen-mittelalter.regionalia-verlag.de/ansicht/000-2/167-minnesaenger/

Horst-Dieter Radke

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