Aphorismen schreiben (2): Wie man Aphorismen macht

„So vertieft in deine Arbeit?“, frug ich meinen Freund, den Schriftsteller Wortdrechsler. „Was schreibst du denn? Ich dachte, wir wollten zusammen ins Theater gehen?“

„Werden wir auch! Ich will nur schnell noch ein Dutzend Aphorismen machen.“

„Aber wir haben nur noch eine Viertelstunde Zeit!“

„Eine ganze Viertelstunde? – Da kriege ich mindestens zwanzig Stück fertig. Bitte, nimm die Feder, ich werde diktieren! – Du kannst mir übrigens helfen. Schlag’ mal den ‚Büchmann’ 1) auf!“

„Welche Seite?“

„Weiß ich’s? – Irgendeine!“

Ich gehorchte. „Seite 365.“

„Bitte, lies mal vor!“

„Kürze ist des Witzes Seele –“

„Halt! Sehr gut! Das gibt drei Aphorismen! Schreibe: bei Witzen und Damenröcken ist die Kürze – nein, das geht nicht! Einen Augenblick! – Jetzt hab’ ich’s: Je länger der Witz, desto kürzer der Erfolg.“

„Du?“

„Ja?“

„Ist das der Aphorismus?“

„Der ist sogar vorzüglich! Die Blätter werden sich drum reißen. Aber bitte, keine langen Reden, sonst werde ich nicht fertig! Jetzt kommt der zweite Aphorismus! Den machen wir über die Seele. Schreibe: Die Seele mancher Menschen gleicht einem Witze.“

„Wieso gleicht sie einem Witze?“

„Ich habe keine Ahnung! Aber das kommt gleich! Nur einen Augenblick nachdenken … gleicht einem Witze … hurra, hat ihm schon: wenn man sie einmal kennt, kann man nicht mehr darüber lachen!“

„Soll das geistreich sein?“

„Nein, sondern ein Aphorismus! Schreibe: Zu nichts gehört weniger Geist als zum Geistreichsein.“

„Mensch, du stellst dich entweder dümmer, als du bist, oder du bist übergeschnappt!“

„Sehr gut! Ausgezeichnet! Schreibe: Für verrückt hält die Welt einen Menschen, der entweder zu dumm ist oder zu klug! – So! Also jetzt kommt wieder die Kürze als Seele des Witzes dran! Weißt du was? Drehen wir das Zitat einfach um: Die Kürze ist der Witz der Seele!“

„Blödsinn!“

„Ganz deiner Ansicht. Also machen wir’s Gegenteil davon! Schreibe: Der Prüfstein des Ernstes ist die Dauer.“

„Verstehst du das?“

„I wo! Aber siehst du, weder der Schriftleiter noch der Leser werden es verstehen, folglich wird es als tiefsinnig gelten. Das ist übrigens gleichfalls wieder ein Aphorismus. Schreibe: Der Unsinn ist der Zwillingsbruder des Tiefsinns; sie gleichen einander so, daß sie oft nicht einmal der Vater unterscheiden kann.“

„Leidest du schon lange an dieser Krankheit?“, erkundigte ich mich teilnehmend.

„Seitdem ich weiß, daß solche Pseudoweisheit gedruckt und honoriert wird! – Wieviele haben wir bis jetzt?“

„Ich werde nachzählen. Sieben Stück.“

„Macht 2100 Mark! In fünf Minuten verdient! Ja, mein Lieber, wir leben im Zeitalter des Schiebens!“

„Soll ich eine neue Seite im ‚Büchmann’ aufschlagen?“

„Bitte! Oder nein, machen wir’s mal anders! Schlage irgendeine Seite im Konversationslexikon auf!“

„Geschah bereits.“

„Was steht alles auf dieser Seite? Lies mal vor!“

„Hühner, Hühneraugen, Hühnercholera –“

„Vortrefflich! Hühneraugen ist prachtvoll!“

„Geschmackssache! Wie gedenkst du übrigens aus einem Hühnerauge einen Aphorismus zu machen?“

„Auf sehr einfache Weise. Ich suche ein tertium comparationis. Hühneraugen sind am Fuß. Was hat außer dem Menschen sonst noch alles Füße?“

„Der Tisch, der Vers, der –„

„Der Vers! Schreibe: Die überzähligen Silben sind die Hühneraugen der Versfüße.“

„Pfui Deiwel, wie schön!“

„Diese Kritik ist ein neuer Aphorismus. Schreibe: „Für den vollendeten Aesthetiker hat selbst die Häßlichkeit einen gewissen Grad von Schönheit. – Was sagst du nun?“

„Ich sage nichts, ich denke nur.“

„Schreibe das nieder: Die treffendsten Kritiken werden nicht geschrieben, sondern nur gedacht. Wieviele haben wir jetzt?“

„Zehn.“

„Fehlen noch zwei. Machen wir noch was über das menschliche Leben. In jeder Aphorismenserie muß anstandshalber auch ein Aphorismus über das menschliche Leben sein. Das Publikum kann das für sein gutes Geld verlangen. – Sieh mal im Zitatenschatz unter ‚Leben’ nach!“

„La – Lau – Le – Leben, hier ist es: Das Leben ist ein Traum – Ich habe nicht als mein Leben, das muß ich dem Könige geben – Das Leben ist der Güter höchstes nicht – Das Leben ist ein Kampf – Gibt’s ein schönres Leben als Studentenleben – Grün ist des Le–“

„Genug! Das Leben ist ein Kampf. Wer hat das gesagt?“

„Hiob.“

„Dann brauchte ich das eigentlich gar nicht umzuändern. Wer kennt Hiob? Aber ich will nobel sein. Schreibe: Der Tod ist der Waffenstillstand.“

„Und die Erbschaft der Friedensschluß.“

„Bravo, du lernst was von mir!“

„Ja, Dummheiten lernt man immer am leichtesten.“

„Schreibe das auf: Die Dummheit ist der klügste Lehrmeister; sie hat die meisten und gelehrigsten Schüler.“

„Schluß! Zwölf Stück! Oder willst du noch einen als Zuwage?“

„Du hast ihn mir soeben selbst diktiert. Schreibe: Aphorismen sind die Zuwage in der großen Metzgerei des menschlichen Geistes. – Nun einen Umschlag, die Adresse geschrieben, Marke drauf – uff, das Tagwerk ist vollbracht!“

Er nahm Hut und Mantel und machte sich zum Gehen bereit.

Ich wagte eine schüchterne Frage: „Wenn dir aber niemand den Kohl abnimmt?“

Er lachte. „Dann nenne ich das Zeug ’Chinesische Sprichwortweisheit’ oder ‚Lichtstrahlen aus den Werken des indischen Philosophen Lüttiti’ und ich bringe es an den Mann!“

„Und ich Naivling dachte immer, zum Aphorismenschreiben gehöre große Erfahrung und Menschenkenntnis!“

„Zweifellos. Glaubst du, ein Mann ohne Menschenkenntnis würd es wagen, solches Blech für Aphorismen auszugeben? – Aber es ist Viertel über sieben, wir müssen uns auf den Weg machen! Hoffentlich kriegen wir noch anständige Plätze.“

– – –

Von morgen ab werde ich gleichfalls Aphorismen schreiben.

Karl Ettlinger

aus: Karlchen Album, Georg Müller Verlag, München 1923

  • Georg Büchmann (4.1.1822 – 24.2.1884), deutscher Philologe. Gemeint ist sein Buch: „Der Citatenschatz des deutschen Volkes“, Berlin 1864.

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