Winterliches Bad – Eine Geschichte aus Ostpreußen

Sie hatten einen Gang für die Mutter nach Sorquitten gemacht und waren fast den ganzen Sonntagnachmittag unterwegs gewesen. Elisabeth hatte immer etwas Sorge, dass ihre jüngere Schwester mithalten konnte. Gertrud war schwächlich, öfters krank und immer etwas ängstlich. Jetzt freuten sie sich auf die warme Stube und den heißen Malzkaffee, den sie von der Mutter bekommen würden. Zwar ließ sich der kalte Winter in Ostpreußen gut aushalten, weil die Luft meist trocken und klar war; doch nun waren sie durchgefroren und nach dem langen Marsch etwas müde.

Sie mussten noch am See vorbei, ehe sie über die Chaussee zum elterlichen Hof kamen, und hier stockte ihr Schritt – zumindest der von Elisabeth. Gertrud drängte die Schwester zum Weitergehen, wohl weil sie diese kannte und nicht unberechtigt Sorge hatte, dass sie für länger verweilen würde. Auf dem zugefrorenen See hatte sich die Jugend des Dorfes versammelt und eine Schlitterbahn gemacht. Die Lorbasse gaben sich redlich Mühe, vor den dabeistehenden Marjellchen eine gute Figur zu machen.

„Nu komm, Lisbeth, Muttche wartet.“

„Wir sind schnell gelaufen, sie erwartet uns noch nicht.“

„Es ist kalt, Lisbeth.“

„Du kannst ja vorgehen und Bescheid sagen, dass ich gleich nachkomme. Ich schaue nur noch ein bisschen zu.“

Aber Gertrud ging nicht voraus und hielt sich dicht an die Schwester, die aufs Eis getreten und von den anderen herzlich begrüßt wurde. Sie schaute die Jungs an, erkannte den Anton, den Johannes und den Andreas. Auch der Friedel, ihr kleiner Bruder, versuchte angestrengt, von den Größeren wahr- und ernstgenommen zu werden. Elisabeth lächelte, als sie sah, dass er trotz Anlauf nicht so weit schlittern konnte wie der Anton, und gleichzeitig wurde sie unruhig. Sie war im Sommer gern im Garten und beim Heuen dabei. Sie tobte mit den Buben nach der Schule, kletterte auf jeden Baum und schwamm gern und gut wie ein Fisch. Jetzt nur dabei zu stehen und zuzuschauen, das konnte sie nicht lange befriedigen. Sie hörte schon das Quengeln der Schwester nicht mehr, hatte den Mantel herunter und ihn Gertrud in die Arme gelegt. Mit dem Ausruf „Lasst mich auch mal“ hatte sie den Weg Richtung Schlitterbahn aufgenommen. Alle hatten Platz gemacht, sie kannten Lisbeth nur zu gut. Einer grinste, und die anderen sahen in gespannter Erwartung zu, ob sie es diesmal auch wieder mit den Lorbassen aufnehmen konnte.

Sie nahm einen großen Anlauf und begann die Schlitterpartie mit mächtigem Schwung und selbstsicher, denn so etwas hatte sie schon geübt, bevor sie in die Schule kam. Mit vierzehn Jahren sollte so etwas doch keine Schwierigkeit mehr sein. Sie hatte aber unterschätzt, dass durch die beständigen Übungen des Nachmittags das Stück Eis so glatt geworden war wie Mutters Kacheln nach dem Frühjahrsputz. Sie schlug hin und glitt mit dem ganzen Schwung weit über die Bahn hinaus, ohne anhalten zu können. Das wäre – von den blauen Flecken einmal abgesehen – normalerweise nicht schlimm gewesen. Aber an dem angstvollen Aufschrei der Herumstehenden hörte sie, dass etwas nicht in Ordnung war. Und Sekunden später, als sie in das eiskalte Seewasser eintauchte, wusste sie, dass es falsch gewesen war, nicht auf das Eisloch der Fischer zu achten. Es war sogar markiert durch Stangen mit Fähnchen daran, um andere Eisgänger zu warnen. In ihrem Eifer hatte Lisbeth nicht darauf geachtet.

Als sie wieder auftauchte, war sie so verfroren, dass sie nicht mehr in der Lage war, sich allein aus dem Eisloch herauszuziehen. Aber Anton und Josef waren bereits da, lagen am Loch und halfen ihr heraus. Andreas brachte den Mantel, den er Gertrud abgenommen hatte. Er legte ihn Lisbeth um, und wenig später war sie, zähneklappernd und zitternd, zusammen mit der jammernden Gertrud und dem besorgten Friedel auf dem Weg nach Hause. Es war nicht nur die Erkältung, die sie von diesem Erlebnis davon trug, sondern auch die erste wirkliche Erschütterung ihres Selbstvertrauens. Da dieses aber nicht wirklich geschädigt, sondern durch dieses Erlebnis eher gestärkt wurde, half es ihr später durch viel schwerere Prüfungen hindurch.

Dieses Erlebnis hat mir meine Mutter mehrfach erzählt, in unterschiedlichen Situationen und Lebensphasen, zunächst mit dem Duktus, vorsichtig zu sein und später, als ich älter war, mit der Botschaft, das man aus allem Unglück auch noch etwas Positives ziehen könne.

Ihr Horst-Dieter Radke

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