Winterspaziergang im Wald

Vom Hauptbahnhof ging es mit der U5 bis Laim und von dort mit dem Bus  weiter bis zum Waldfriedhof. Die Haltestelle liegt genau vor dem Eingang am äußersten Ende des »alten Teils« dieses Begräbnisplatzes. Bevor ich hineinging, sah ich mich noch einmal um. Die Fürstenrieder Straße ist breit und befahren, von Geschäften und Wohnhäusern gesäumt – belebt ist der richtige Ausdruck, zumindest um diese Uhrzeit, während der ich angekommen war: Früher Nachmittag. Ich hatte noch die Reisetasche bei mir, weil ich erst nach dem Ausflug hierher zu unserer Tochter nach München-Pasing wollte. Sie war der eigentlich Anlass für diese Reise nach München. Und es war kalt! *****kalt! Die Mütze tief über die Ohren gezogen, an den Händen Handschuhe. Fotografieren muss auch so gehen.

 

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Gleich nachdem ich das Tor durchschritten hatte, blieben Lärm und Leben der Straße und der Stadt hinter mir zurück. Zwar konnte ich beides gedämpft noch hören, aber je weiter ich voranschritt um so mehr verschwanden sie. Ich war im Wald. Bäume sind das erste, was die Wahrnehmung erfasst. Dazwischen Grabsteine, Grabkreuze und Skultpuren. An manchen Stellen mehr, an anderen weniger. Ungeordnet, wie zufällig hingesetzt hier, in Reih und Glied, fast wie mit dem Lineal ausgemessen an anderer Stelle. Ich hatte mich vorinformiert, einen ausgedruckten Plan in der Tasche. Blind herumlaufen wollte ich nicht, sondern gezielt die Gräber aufsuchen, deretwegen ich gekommen war. Auf dem Weg dorthin hatte ich vor, in Ruhe zu schauen, aufzunehmen, was zum Gedenken der Verstorbenen von den Hinterbliebenen aufgerichtet war, vielleicht auch von den Verstorbenen selbst noch vor ihrem Ableben.

 

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Den halben Weg hatte ich schon hinter mir, da hielt ein Lieferwagen neben mir an. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Einmal, weil er langsam fuhr und kaum Lärm machte und dann auch, weil ich abgelenkt war durch die Namen, die ich mir einprägen wollte – man weiß ja nie, wozu man die noch mal gebrauchen kann. Als Autor. Die Scheibe wurde heruntergekurbelt und ein freundliches Gesicht fragte: »Was suchen Sie?« Die Frage kam nicht aufdringlich, nicht beamtenhaft mit dem Duktus, eine Rechtfertigung einzufordern. Es klang echte Hilfsbereitschaft durch. Deshalb sagte ich nicht, dass ich den Weg zu meinem Ziel kennen würde, sondern: »Ich suche das Grab von Michael Ende«. Sofort kam es vom Beifahrer, der ebenfalls freundlich zu mir herausschaute: »Einfach geradeaus weitergehen. Auf der linken Seite. Nicht zu verfehlen. Da wo die aufgeschlagenen Bücher stehen.« Ich bedankte mich und der Wagen fuhr leise davon.

Ab und an kamen mir Menschen entgegen, nickten mir im Vorübergehen zu, sagten »Grüß Gott«, oder auch nichts. Manche gingen zielstrebig, andere interessiert nach links und rechts schauend wie ich. Alle waren schneller, auch wenn sie langsam gingen, weil ich immer wieder die Tasche in den Schnee setzte und Fotos machte. Mit Handschuhen. Ging also! Suchen musste ich wirklich nicht. Die Buchskulpturen waren gut schon aus einiger Entfernung zu erkennen. Zumindest die vorderen.

 

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Das große aufgeschlagene Buch war jedoch eingeschneit. Ein Häuschen war zu sehen, weiter hinten ragte eine kleine Eule aus dem Schnee. Unübersehbar die Schildkröte Kassiopeia mit den Schriftzügen »Hab keine Angst« auf dem Rücken. Ich hätte Michael Ende gern einiges gefragt, ihm vor allen Dingen gedankt – für Jim Knopf und Lukus, für Frau Waas und Herrn Ärmel, für Momo und ihre Freunde, für Bastian und Fuchur, für den Kater Maurizio und den Raben Jakob Krakel und für all die anderen Figuren und Geschichten. Ich habe, während ich dies schreibe, all die Bücher aus dem Regal geholt und vor mir liegen. Sie sehen gebraucht aus. Ich habe sie nicht nur einmal gelesen, auch den Kindern daraus vorgelesen. Später haben sie die Bücher selbst geschmökert und auch ich nehme sie wieder und wieder zur Hand. »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« könnte ich mir wirklich mal neu kaufen. Da macht das Buch anzuschauen ja schon keinen Spaß mehr. Den zweiten Band – »Jim Knopf und die Wilde 13« hatte ich schon einmal ersetzt. Und eins fehlt, fällt mir gerade auf. Dieses Buch mit dem Spiegel im Spiegel, das er seinem Vater gewidmet hatte, das ist noch oben im Regal. Vermutlich neben »Das Gefängnis der Freiheit«, dem Band mit seinen Erzählungen. Morgen. Morgen hole ich es herunter. Es wartet schon länger drauf, noch einmal gelesen zu werden. Vielleicht aber doch nicht, denn dann komme ich auch an den Büchern von dem anderen vorbei.

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Wenn es nicht so kalt gewesen wäre, hätte ich wohl ewig dort gestanden, geschaut, fotografiert, erinnert. So aber hob ich nach etwa zehn Minuten meine Tasche wieder aus dem Schnee, ging ein Stück zurück und bog dann an der Friedhofskapelle links ab, etwas tiefer in den Wald hinein. Ich hatte noch einen weiteren Besuch vor mir. Mit etwas mehr Zeit hätte ich noch viele Besuche machen können, etwa bei Heidi Brühl, Hansjörg Felmy, Pinkas Braun, Karl Amadeus Hartmann, Max Reger, Fritz Wunderlich (der liegt nicht weit weg von Michael Ende), Lena Christ oder Werner Heisenberg. Diese Zeit hatte ich nicht mehr, alle auf dem ausgedehnten Gelände aufzuspüren. Obendrein war es mir auch zu kalt. Ich komme im Sommer wieder, überlegte ich. Da muss es noch eindrucksvoller hier sein, im Wald mitten in München, zwischen Bäumen und Gräbern, wenn die bunten Blumen in das dominierende Grün Akzente setzen.

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Dann stand ich vor dem Grabmal von Paul und Anna Heyse, durch Säulen in einem Halbrund eingefasst, auch jetzt im Winter noch von Grün überwuchert. Der Schnee darauf wirkte wie dekoriert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Paul Johann Ludwig von Heyse »der« deutsche Schriftsteller, um den sich alles drehte und der als der letzte große Erzähler seines Jahrhunderts galt. Er schaffte es noch in das neue Jahrhundert, bekam als erster Deutscher 1910 den Literaturnobelpreis für sein dichterisches Werk (Theodor Mommsen hatte 8 Jahre zuvor den Preis u.a. für seine »Römische Geschichte« bekommen) und starb 1914 noch vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Von Heyse gibt es Theaterstücke, Romane, Gedichte, Übersetzungen, er war aber vor allem für seine Novellen bekannt, von denen er unzählige schrieb. Er entwickelte eine eigene Novellentheorie – die Falkentheorie – die er zwar selbst befolgte, aber nicht besonders streng. Es gibt heute nicht mehr viele Buchausgaben von ihm. Hin und wieder eine kleine Novellensammlung (z.B. bei Manesse), dann und wann auch ein Hörbuch (z.B. »Andrea Delfin« oder »L’Arrabbiata«, zwei seiner bekanntesten Novellen). Will man sein Gesamtwerk oder wenigstens umfangreichere Sammlungen lesen, muss man auf die Suche in Antiquariaten gehen oder sich online bedienen (bei Projekt Gutenberg oder Zeno).

 

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Den Waldfriedhof zu verlassen, war ein kleiner Schock. Die Ruhe musste gegen den Lärm und die Hektik getauscht werden, also genau genommen, gegen das Leben. Was so besehen auch nicht so schlecht ist. Solange ich Friedhöfe aus freien Stücken verlassen kann, gehe ich eigentlich ganz gerne dorthin. Der Bus, Linie 51, kam bald und wenn die S-Bahnen nicht zur gleichen Zeit in ganz München ausgefallen wären, hätte ich kaum eine halbe Stunde später Pasing erreicht. Aber im Leben dauert es eben nicht selten doch etwas länger, was es andererseits dann auch weniger langweilig macht.

Bis zum nächsten literarischen Friedhofsspaziergang

Ihr Horst-Dieter Radke

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