Wir können kein: Jerry Cotton

Zwei Dutzend sind billiger

»Der Plot ist gut«, sagte die Verlegerin, »aber sie bekommen den Vertrag trotzdem nicht.«

»Wie bitte?« sagte entgeistert Veronica Voss. »Dann geben Sie mir mein Manuskript wieder, ich suche mir einen anderen Verleger.«

Monica Mason, die Leiterin des MM-Verlages, öffnete die Schublade ihres Schreibtisches und ließ das Manuskript hinein gleiten. »Gehen Sie«, sagte sie.

»Na gut«, fauchte Veronica Voss, sprang auf und warf dabei den Stuhl um. »Ich hab es ja noch auf dem Laptop«, dabei klopfte sie auf ihre schicke Gucci-Tasche. »Machen Sie mit dem Papier, was Sie schon immer damit tun wollten.«

Sie stapfte auf silberglänzenden High-Heels zur Tür des Büros, doch der Weg war lang und sie kam nie dort an. Der Schuss aus der SIG Sauer P226 streckte sie bereits auf halbem Weg nieder.

 

*

 

Ich hielt noch nicht, da kam Phil bereits aus dem Apartmenthaus in der Innenstadt von Washington D.C. gerannt, riss die Tür meines Jaguars auf und sprang herein.

»Morgen Jerry, hast du schon gehört?«

»Was gehört?«

»Sie haben schon wieder eine Autorin aus dem Potomac River gefischt.«

»Lebend?«

Phil lachte trocken. »Würden wir dann darüber reden?«

»Der Chef hat mich angerufen und gefordert, dass wir schnellstens zu ihm kommen«, sagte ich. »Er hat nicht gesagt, warum. Nur schien er stinkig zu sein.«

»Jetzt weißt du’s«, sagte Phil.

 

*

 

Mr. High stand mit düsterem Gesicht am Fenster und schaute nach draußen. Er drehte sich nicht einmal um, als wir kamen. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Seit fast zwei Jahren ermittelten wir an diesen Autorenmorden – bis auf einen Fall alles Frauen, dreiundzwanzig waren es jetzt –, also jeden Monat eine Leiche. Und wir hatten noch nichts. Nicht mal so viel wie Dreck unter den Fingernägeln. Es gab keinen Verdächtigen, keine heiße Spur, keine Idee für ein Motiv … selbst die Profiler scheiterten an dieser Mordserie. Wir hatten inzwischen so viele Profile wie Morde.

»Guten Morgen, Inspektor Cotton, gut Morgen Inspektor Decker, nehmen Sie sich schon mal einen Kaffee. Wir müssen noch einen Augenblick warten«, sagte Assistant Director Gardner in seiner lässigen, aber auch arroganten Art.

»Worauf warten wir? Oder auf wen?«

Bevor er antworten konnte, öffnete sich die Tür und ein Traum von einer Frau kam herein. Schlank, nicht zu klein und nicht zu groß, die Rundungen saßen überall im richtigen Maß an den richtigen Stellen, die halblangen hellbraunen Haare hatten etwas burschikoses, das aber durch die weichen Gesichtszüge und die sinnlichen Lippen mehr als ausgeglichen wurde. Hellbraune Augen sahen in die Runde. »Guten Morgen, die Herren.« Mir verschlug es die Sprache, der Chef drehte sich um und ging freudestrahlend auf sie zu.

»Miss McGiver, schön Sie zu sehen. Setzen Sie sich. Wir warten schon sehnlichst auf Sie.«

So hatte ich ihn noch nie erlebt. Selbst weibliche Angestellte hatte er bislang immer so kalt wie die männlichen FBI-Beamten behandelt, dass schon das Gerücht ging, er gehöre zu den völlig testosteronfreien Männern. Und nun dies?

 

*

 

»Und du meinst, das haut hin?« Phil war mindestens so skeptisch wie ich. Miss McGiver hatte die Aufgabe, bei allen Verlagen mit einem Manuskript vorstellig zu werden. Der Chef vermutete, dass ein Lektor sich die guten Manuskripte aneignete und anschließend die Autoren ermordete. Unser Hinweis, dass das eine gefährliche Sache für Miss McGiver werden könnte, wischte sie mit dem Hinweis fort, dass sie ebenso ausgebildete FBI-Agentin wäre wie wir. Nun gut – unsere Aufgabe war es, ihr zu folgen und notfalls beizuspringen. Das ging jetzt schon ein paar Tage so. Zwölf Verlage hatte sie schon mit einem dicken Manuskript besucht. Sie legte es unter dem Pseudonym Ricci Beau und dem Titel »Wie ich einmal die Welt eroberte« vor und verlangte Vertrag und hohen Vorschuss. Zwölf Verlage fanden nach einem ersten Blick ins Manuskript die Sache interessant und versprachen, es sich anzusehen. Dann musste Miss McGiver wieder gehen. Wir hielten es so, dass Phil oder ich mit ins Gebäude gingen, aber nicht mit in die Verlagsräume. Immer abwechselnd. So konnte einer schnell zur Hilfe gerufen werden und der andere notfalls von außen weitere Aktionen einleiten. Dazu kam es bislang nicht.

Heute wurde ich ungeduldig. Es dauerte schon fast eineinhalb Stunden. So lange hatte sich bislang noch kein Verleger Zeit genommen. Der MM-Verlag, ein renommiertes Haus mit exklusivem Autorenstamm, von denen die meisten unnahbar waren und kaum Interviews gaben, viele aber als Anwärter für den Nobelpreis galten und der Rest für den Putlitzer, sollte eigentlich eine kurze Nummer sein. Und jetzt das? Ich versuchte Kontakt zu Phil aufzunehmen, doch der meldete sich nicht. Ich wurde unruhig, sprang aus dem Jaguar, lief einige Male auf und ab und dann zum Hochhaus, zögerte kurz vor dem Fahrstuhl und stürmte dann doch lieber die Treppen hinauf. Vierter Stock – das sollte bei meiner Kondition doch gut zu schaffen sein.

Oben angekommen musste ich doch erst verschnaufen. Mit 61 ist man, obwohl durchtrainiert, nicht mehr so in Form wie mit 31. Oder 21. Dann sah ich die Verlagstür offen stehen und einen Fuß.

»Phil!« Ich stürmte hinein. Da lag mein Partner auf dem Boden. Sein Kopf in einer großen Blutlache. Ich schaute auf. Im Sessel vor dem Schreibtisch der Verlegerin hing Miss McGiver. Aber wo war sie? Die Verlegerin? Ehe ich mich weiter umsehen konnte spürte ich einen Stich im Hals und sackte einfach weg.

Als ich wieder zu mir kam, stand sie breitbeinig über mir. Ich konnte das schwarze Spitzenhöschen unter ihrem kurzen Rock sehen, das weniger verdeckte als verzierte. Noch weiter oben lächelte mich ein süßes Blondgesicht an.

»Inspektor Cotton, mit uns hätte es was werden können«. Ich hörte die Enttäuschung in ihrer Stimme und sah dann die SIG Sauer in ihren zarten Händen …

Ihr Horst-Dieter Radke

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