24:42 Stunden Putlitz – ein Bekennerschreiben

Putlitz aus der Sicht eines Nicht-42er. Ein Gastbeitrag von Benedikt Pelzer:

24:42 Stunden Putlitz – ein Bekennerschreiben

Ich war da!

Und ich bin wirklich froh, dort gewesen zu sein! Deshalb dient dieser Text auch weniger als Bericht, als viel mehr allen Abwesenden die Nase lang zu machen. Strafe muss schließlich sein.

Der Tag begann für diesen Mai schon sehr ungewöhnlich – die Sonne schien. Umso mehr freuten wir uns natürlich auf die fünf Stunden Autofahrt, die vor uns lagen. Ich freute mich, weil die Pollenzahl im Auto generell niedriger ist als in der Umgebung. Claus, Ullis Mann, freute sich, weil es unangenehm ist, im Regen zu fahren, und Christoph wurde einfach dazu verpflichtet sich mitzufreuen.

Wir freuten uns so sehr, dass wir die Autobahnausfahrt verpassten und einen kurzen Abstecher in die schönen Industrieanlagen Münsters machten. Dank Uschi und ihrer Satelliten fanden wir aber schnell auf den tugendhaften Weg der 42er zurück und fuhren gen Osten.

So, wie sich die Westdeutschen sträubten, ihr Stammesgebiet zu verlassen, so sträubte sich auch die Sonne, uns auf diesem Weg zu begleiten. „Dunkeldeutschland“ war 1994 in der Endauswahl für das „Unwort des Jahres“. Ohne despektierlich zu sein: Es war dunkel in Putlitz. Immer! Der unablässige Regen nahm einem die Sicht, die Wärme und das Zeitgefühl.

Sowieso gab es nur zwei Lebewesen, die mit ihrer inneren Uhr zurechtkamen. Frau Klaß, unsere Kontaktperson in Putlitz und hervorragende Köchin, und der Hahn neben der Ferienwohnung. Leider gestaltete sich letzteres als problematisch, denn so problemlos der Hahn mit seinem Lebenstakt zurechtkam, so problembehaftet war dieser für uns – nach diesem Abend wollten wir einfach nicht schon um vier Uhr aufstehen!

Bei unserer Ankunft im Pfarrhaus war das Essen fertig. Auch wenn Frau Klaß uns vorwarnte, dass sie noch nie für so viele Leute gekocht hätte, schmeckte es ausgezeichnet. Das kleine 42er-Intermezzo war für mich nach einer halben Stunde vorbei. Als Nicht-Mitglieder wurden Claus und ich höflich gebeten, den Raum zu verlassen, also stante pede rausgeschmissen. Mitgliederversammlung.

Wir nutzten die Zeit für die Erkundung der Ferienwohnung und ein ausgiebiges Nickerchen. Ich kann berichten: Die Betten sind weich und es lohnt sich, eine Bewerbung für das Stipendium „42 Tage Putlitz“ einzureichen. Den diesjährigen Stipendiaten lernten wir auch gleich kennen; dieser stand urplötzlich mit seiner Familie im Wohnzimmer. Führung durch das Heim auf Zeit vom Hausherrn persönlich. Herr Gebhard Gans Edler zu Putlitz zeigte ihm die Wohnung, natürlich hell erleuchtet. Erst drei Uhr am Nachmittag, war es gefühlt stockdunkel.

Nach dem Ende der Mitgliederversammlung trafen sich einige 42er bei uns in der Wohnung und bereiteten sich auf die Preisverleihung vor. Moderationskarten wurden ausgepackt und die Siegergeschichten sortiert, mehr allerdings auch nicht. Vielmehr wurde munter geredet und gegessen, neudeutsch: Socializing.

Mit leichter Verspätung machten wir uns auf den Weg zur Kirche, wo der Fanfarenzug auf uns wartete und der Preisverleihung einen würdigen Rahmen gab. Sie lockten die Anwohner von Putlitz aus den Häusern auf den kleinen Kirchplatz, der zwar dunkel, aber zumindest temporär nur feucht war.

Ein guter Geist in Putlitz kam auf die Idee, nicht die Kirche zu heizen, sondern die Bänke. Wir saßen also gemütlich auf den Bänken und genossen die Preisverleihung in vollen Zügen. Die charmante Moderation und die Qualität der Siegertexte machten die Veranstaltung zu einem schönen Erlebnis.

Eine Frage schwirrte aber vielen Beteiligten im Kopf herum: Würde die Übertragung des Champions-League-Finales funktionieren? Die After-Show-Party stieg in der Scheune des Pfarrhauses. Bei selbstgemachter Spargelsuppe und Wein wurde der informelle Teil des Abends eingeläutet.

Die Fußballverrückten konnten sich entspannt zurücklehnen, als sie sahen, dass ein Fernseher bereit stand und dem Fußball-Glück nur noch eine Niederlage im Weg stand. Wie schon Joachim Ringelnatz über den Fußball schrieb, handelt es sich hierbei um eine psychische Erkrankung – den Fußballwahn. Glücklicherweise hält sich die Ansteckungsgefahr in Grenzen und deshalb versammelten sich zum Anpfiff nur ein paar wenige vor dem mikrowellengroßen Röhrenbildschirm.

Es wuchs sich zu einem wirklich tollen Abend aus, an dem viel gelacht, gefachsimpelt, erzählt und einige Flaschen Wein geleert wurden. Gegen Mitternacht löste sich die Gruppe auf und ein paar letzte Nachtschwärmer versammelten sich bei uns in der Ferienwohnung um den Küchentisch. Bei noch mehr Wein und Knackwürsten wurde noch mehr gelacht und erst um zwei kamen die Nachzügler in die Federn. Jetzt wird vielleicht auch deutlich, warum vier Uhr einfach keine Alternative zum Aufstehen war. Manch einer war versucht, den Hahn zu erwürgen. Aber auch bei den 42ern gilt: Gewalt ist keine Lösung. Kurz wurde überlegt, den Hahn zu Tode zu plagiieren und ihm wahlweise die Dissertationen diverser Politiker oder „Holunderküsschen“ vorzulesen. Durch eine Intervention des Putlitzer Tierschutzvereines wurde aber auch dieses Vorhaben verworfen.

Das Frühstück am nächsten Morgen war trotz vieler roter Augen laut und unterhaltsam. Frau Klaß kümmerte sich wieder rührend um uns und mit ihr eine ganze Schar, die uns ein Brötchen nach dem anderen auf den Teller legte. Die Damen ließen keinerlei Widerspruch zu; der ein oder andere müsse schließlich noch wachsen.

Nach 24 Stunden und 42 Minuten machten wir uns schweren Herzens wieder auf den Heimweg – natürlich mit Fernlicht.

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