Mein Weg zu Johann Sebastian Bach war holperig. Ich erinnere mich, dass mich meine Mutter eines Sonntagnachmittags in die Kirche lockte mit der Bemerkung, bei meiner Vorliebe für Musik würde mir die Darbietung des Kirchenchores mit Werken eines berühmten Komponisten sicher gefallen. Den Komponisten wusste sie nicht zu benennen. Immerhin folgte ich, neugierig gemacht, der Aufforderung, obwohl ich mich damals schon vom freiwilligen regelmäßigen Kirchenbesuch verabschiedet hatte. Geboten wurden Motetten von Johann Sebastian Bach. Zwar war mir dieser Komponist dem Namen nach bekannt, bewusst gehört hatte ich noch nichts von ihm. Die Darbietung war jedoch so katastrophal, dass ich die Veranstaltung nicht bis zum Ende durchhielt und auch Bach nicht auf die Liste der von mir als hörenswert einzustufenden Komponisten aufnahm.
Jahre vergingen, musikalische Eindrücke aus allen Zeitaltern sammelten sich bei mir an. Bach blieb außen vor, bis eines Tages eine englische Rockband mit merkwürdigem Namen ein Instrumentalstück mit Flöte als Melodieinstrument vorlegte, das mich vom ersten Hören an faszinierte, nicht nur wegen der Melodie, sondern auch weil mich die Bassstimme beeindruckte. Später erkannte ich, dass der Bassist sich zumindest am Anfang an der originalen Lautenstimme orientierte, denn aus einer von Bachs Lautensuiten stammte dieses Bourrée. Später lernte ich es auf der Gitarre spielen, aber da war ich schon im Bach-Kosmos tief versunken.
Als mir Mitte der Siebziger des vorigen Jahrhunderts ein Freund erzählte, er hätte eine Schallplatte, auf der Albert Schweitzer Bach spiele, erklärte ich ihn voreilig für verrückt. Damit drückte ich aber lediglich meine Unkenntnis über Albert Schweitzer und Johann Sebastian Bach aus, denn dass der Eine (Albert) ein profunder Bachkenner und Orgelspieler war und über den Anderen (J.S.Bach) sogar ein Buch geschrieben hatte, wusste ich damals, Mitte der 70er, noch nicht. Beschämt musste ich dies zur Kenntnis nehmen, als mir wenig später die Schallplatte präsentiert wurde. Als ich mit der Schallplatte unter dem Arm nach Hause ging, reifte der Entschluss, mich intensiver mit Johann Sebastian Bach und seiner Musik auseinander zu setzen. Beinahe zeitgleich besorgte ich mir Schweitzers-Bach-Buch, zunächst aus der örtlichen Bücherei. Später fügte ich es meinem eigenen Bücherbestand hinzu und dort steht es, nach mehr als einem halben Jahrhundert und wird dann und wann immer noch um Rat befragt. Manch anderem Buch über Bach wurde diese Ehre nicht zuteil.

Waren es zunächst die Instrumentalkompositionen Bachs, die mich faszinierten, zogen mich nach und nach auch die Vokalkompositionen immer stärker in den Bann. Mein frühes Urteil über die Motetten musste ich revidieren, hingegen ließ die Begeisterung für Bachadaptionen in der Popmusik (Ekseption & Co) schnell nach. Erst meine Bekanntschaft mit den Interpretationen von Jacques Loussier (Play Bach), die ich allerdings erst kennenlernte, als der Pianist sich längst vom Konzertbetrieb zurückgezogen hatte, konnte bei mir wieder Begeisterung wecken. Richtig umgehauen hat mich allerdings die CD „Lambarena – Bach to Africa“. Zwei Musiker – ein Franzose und ein Gabuner – verknüpften die Musik Bachs mit der Musik aus dem westafrikanischen Staat Gabun. Es ist unglaublich, wie gut sich Bachs Musik mit der Rhythmik aus Afrika verbindet.

Doch Bachs Musik ist vielfältig und auch heute noch „modern“. Sie kann Menschen unterschiedlichster Anschauung und Geschmack begeistern. So ist beispielsweise der Schriftsteller (und bekennende Atheist) Maarten ‘t Haart ein Bewunderer von Bachs (religiösem) Kantatenwerk. Der Schriftsteller ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie Musik anregend für das eigene Schaffen sein kann. In vielen seiner Romane und Erzählungen spielt Musik eine nicht unbedeutende Rolle (etwa in „Das Wüten der ganzen Welt“, dem sogar eine CD mit Musikbeispielen beigegeben ist, oder „Der Nachtstimmer“). Harts Buch über Bach reicht zwar nicht an das Werk Albert Schweitzers heran, ist aber dennoch lesenswert.
Das Schreiben dieses Artikels hat länger gedauert, als ich sonst für einen Text dieser Länge benötige, nicht etwa, weil ich viel recherchieren musste, sondern weil ich immer wieder aufsprang, eine Platte oder eine CD aus dem Regal holte, um sie aufzulegen und hineinzuhören. Und dann kamen mir auch immer wieder Erinnerungen in die Quere, wann ich die Schallplatte gekauft oder geschenkt bekommen hatte, wann ich die Komposition im Konzert hören konnte, mit welchen Personen ich über Bach ins Gespräch kam und so weiter. Deshalb endet dieser Artikel hier auch, denn sonst komme ich ja zu nichts anderem mehr.
Ihr Horst-Dieter Radke

