(Rain Dogs, Tom Waits; Frank Wild Years, Tom Waits)
„Dein Lieblingsalbum?“
Vermutlich wird jede(r) auf diese Frage dieselbe Antwort geben wie ich: „Hab ich nicht.“ Schließlich hat jede Lebensphase ihre Musik, vielleicht hält sich manche Musik auch über mehrere Lebensphasen, aber wie soll man aus der Playlist seines Lebens ein einziges Album auswählen, um es an die Nummer Eins zu setzen?
Erst in den späteren Neunzigern des letzten Jahrhunderts stieß ich auf Tom Waits. Auf irgendeinem Sender spielten sie Train Song. Ich fand’s irgendwie strange, faszinierend. Die Stimme, die nach Millionen gerauchter Zigaretten und tausenden Flaschen Whiskey in einem Menschenleben und einer dreiviertel aktuell getrunkenen klang, das Drama. Die Instrumentierung, Melodieführung … Mir war klar, niemals könnte ich eine ganze CD von dem Mann hören.
Ich erzählte meinem Schwager von dieser Mischung aus Anziehung, Erstaunen und Fremdheit. „Tom Waits, klar“, sagte er, ging an sein CD-Regal und zog das Album Rain Dogs heraus. „Hier, schenke ich Dir, habe ich doppelt“, sagte er zu meiner Verblüffung. Zu Hause schob ich die Scheibe direkt in den CD-Player, hörte mich durch bis zum Ende. Nicht aber hörte ich Train Song. Dafür machte ich die Entdeckung, dass Downtown Train von Tom Waits ist und nicht von oder für Rod Steward geschrieben worden war, der den Song nur gecovert hatte.
Rain Dogs nennt man die Hunde, die ihre Spur nach Hause in oder nach dem Regen nicht wiederfinden, weshalb der Begriff auch als Synonym für Einsamkeit oder sich-verloren-fühlen verwendet wird. Ich gebe zu, anfangs fühlte ich mich schon verloren in der Musik von Waits, aber schließlich hörte ich das Album noch einmal. (Vielleicht hatte ich ja Train Song überhört? Die Aufzählung der Songs auf dem Cover half mir nicht, da ich mittlerweile den Titel des Songs vergessen hatte). Und dann später noch einmal, und schließlich – zum Leidwesen des Mannes, der trotz dieser musikalischen Untermalung unserer Zweisamkeit nicht aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist – rauf und runter, ohne Train Song zu finden.
Ich klagte meinem Schwager mein Leid und zitierte die einzigen Zeilen, die mir im Gedächtnis haften geblieben waren: „It was a train that took me away from here/ but a train can’t bring me home.“ (Bitte wundern Sie sich jetzt nicht, dass ich mir Liedzeilen merken konnte, nicht aber einen simplen Titel, der aus nur zwei Wörtern besteht, aber das tun Namen auch, und auch da versage ich regelmäßig!) Jedenfalls meinte mein Schwager nur: „Klar, das ist ja auf Frank’s Wild Years“, woraufhin ich flugs bei einem Kollegen, der seine Musik bei einem CD-Versand orderte, das Album für mich bestellte.
Nun hatte mein Lebensgefährte wenigstens etwas Abwechslung in seinem Leid, denn jetzt hörte ich die beiden CDs abwechselnd. Mein Schwager schenkte mir weitere Alben von Tom Waits – zum Geburtstag, zu Weihnachten oder auch schon mal einfach so zwischendurch. Mittlerweile stehen acht oder neun in meinem Regal, nicht alle finde ich überzeugend, aber nach meinem Lieblingsalbum gefragt, muss ich die Antwort selbst in Sachen Tom Waits schuldig bleiben.
Der Untertitel von Franks Wild Years lautet Un Operachi Romantico In Two Acts. Train Song ist der vorletzte des zweiten Aktes (und somit des Albums). Drei Nummern davor, auch im zweiten Akt, singt Tom Waits Telephone Call From Istanbul. Und hier finden wir endlich die Verbindung zum Schreiben. Denn Istanbul wird eine (Neben)Figur meines Opus coeptum (also des Romans, an dem ich gerade werkele), von seinen Freunden und Bekannten aus Schulzeiten genannt. Denn so lange schon ist er Tom-Waits-Fan, ob aufgrund schlichter Arschkriecherei (der Geschichts- und SoWi-Lehrer hielt große Stücke auf den Musiker) oder aus echter Überzeugung, weiß niemand so genau. In dem Song selbst geht es um … tja, wer will/kann/mag es sagen. Waits malt in den Lyrics geniale Bilder, macht eine Sinnsuche aber ziemlich schwierig, als sei der Song ein zersplittertes Kaleidoskop – „All night long on the broken glass“, wie es in der ersten Zeile heißt. Andere Zeilen lauten z.B.: „mediteromanian hotel back/ sprawled across a roll top desk/ the monkey rode the blade on an overhead fan/ they paint the donkey blue if you pay …” (nun ja, es waren ja schließlich ja Franks wilde Jahre).
Und so kryptisch wie diesen Text wähnte Istanbul früher seine stereotype Antwort auf Einladungen der Clique aus der Schule zu gemeinsamen Unternehmungen: „I got a telephone call from Istanbul“. Eine weitere Attitüde war und blieb Istanbuls Songauswahl bei ersten Dates: I Hope That I Don’t Fall In Love With You – eine Schnulze eigentlich, aber dank der Interpretation von Tom Waits eben keine unerträgliche. Sie ist auf seinem Debütalbum Closing Time aus dem Jahr 1973 enthalten. … Merkwürdig, dieses Album habe ich noch gar nicht. Ich sollte meinen Schwager einmal darauf ansprechen, zumal es 2023 remastered worden ist.
Wie auch immer: Ich höre immer noch ziemlich oft Rain Dogs oder Frank’s Wild Years oder auch Swordfish Trombones oder, oder, oder – häufig, wenn ich einen Schubs beim Schreiben brauche. Und Tom Waits stolpert auch immer mal wieder in und durch den einen oder anderen meiner Texte.
Bekennt Ihre Paula Lankow
