Wenn ein Haus die Vergangenheit zu seinen Bewohnern trägt
von Ulrike Maier
Die Zeiten, die Menschen, die Schicksale: In Barbara Zeizingers Roman „Leben in Etagen“ verändert sich ein Haus mit den Epochen – und bewahrt doch die Geschichten aus alten Zeiten, prägt die Leben bis ins Hier und Jetzt und lässt die Gemäuer Geheimnisse erzählen.
Es war ein ursprünglich kleines Haus mit heruntergezogenem Dach. So beginnt Barbara Zeizinger mit ihrer Erzählung und berichtet von architektonischen Veränderungen. Es schien, als wollten die nachfolgenden Bewohner erreichen, dass nichts mehr an das alte Häuschen erinnert. Doch vieles erinnert noch an die Vergangenheit, als wolle es seinen ersten Besitzern treu bleiben.
Es wuchs nach oben, so wird es beschrieben, aber im Fundament ist die Geschichte fest verankert. Wunderbar entworfene Figuren führen uns vom aufkommenden Nationalsozialismus bis zur ersten Nachricht aus China über ein Virus, das sich in die Welt verbreiten sollte. Allein ein Brief führt wieder zurück zu diesem Fundament und zeigt, dass die Vergangenheit nicht ruht.
Ein Haus in Darmstadt, nahe zum See, wird 1931 gebaut. Therese und Simon wohnen dort und in detaillierten Beschreibungen lebt ein Zeitkolorit auf, das uns direkt am Leben der jüdisch-unorthodoxen Familie teilhaben lässt. Simon arbeitet als Internist in seiner Praxis im Erdgeschoss, Therese gestaltet mit Hingabe die Räume und liebt vom ersten Tag an jeden Quadratzentimeter des Hauses und des Vorgartens. Das Gemälde eines Mainzer Künstlers wird aufgehängt, pastellfarben, eine Frau steht vor einem Fluss, klein und verloren, in grün gekleidet. „Woran sie wohl denkt?“, fragt Therese ihren Mann. Es scheint, als wisse das Gemälde schon um die Vergänglichkeit des Glücks.
Im Wandel der Zeit und der Freundschaften ziehen sich Therese, Simon und ihre Eltern immer mehr ins Private zurück. Therese bekommt ein Kind, bevor 1934 ein Herrmann Schöller die Familie aus dem Haus hinaus und nach Palästina weg erpresst. Er selbst zieht mit seiner Frau Luise ein.
Ein Zeitsprung zum Kriegsende 1945, Luises Mann gilt als vermisst und sie hat die längste Zeit ohne ihn im Haus gelebt. Indes, das Haus steht jetzt für viele Bewohnerinnen als Bastion der Sicherheit. Es hat wie ein Wunder die Brandnacht überstanden, Frauen, Mütter und Kinder belegen Zimmer, immer wieder werden Räume neu zugeordnet, Möbel gerückt, Freundschaften geschlossen. Die Rückkehr Herrmanns bringt die Verbitterung ins Haus, Luise wiederum lernt Mike kennen. Die Tochter Susanne wird geboren und Herrmann findet zum Leben zurück.
Switch, der nächste Zeitsprung, Susanne lebt mit ihrem Mann Erwin und Sohn Paul im Häuschen, ein modernes 70er-Jahre-Paar, was sich natürlich auch im Mobiliar spiegelt. Susanne hat nach dem Tod der Mutter Bilder und Briefe gefunden, die sie verstören und Identitätsfragen aufwerfen.
2020 tauschen der Paläontologe Paul mit seiner Frau Frieda und Sohn Alex ihre Wohnung mit dem Haus von Mutter Susanne. Begleitet von den Ausgrabungen der Grube Messel, Fridays for Future und Seitengedanken kämpfen alle Familienmitglieder mit ihren eigenen Dämonen, unter dem Kirschbaum, vor den verblühenden Blumen und vor dem Gemälde einer Frau in Grün. Da erreicht das Haus ein Brief. Er ist aus Haifa, Israel. Ein Bogen schließt sich und ein Haus gibt seine Geschichte preis.
