„Weißt du noch“, fragt sie und es scheint, als wolle der Nebel ihre Worte verschlucken, „dieser letzte Sommer?“ Ich sitze in der Dämmerung auf der Terrasse des Tinyhauses und beobachte meine erwachsene Tochter, wie sie eine Münze, eine Zigarette und ein Rippchen Schokolade auf einen großen Wackerstein legt. „Seit wann rauchst du?“, frage ich und betrachte den Nebel, wie er seine Geistwesen formt. „Zigaretten und Schokolade für das kleine Volk. Das kleine Volk, von dem Finn gesprochen hat. Sie verfolgen dich sonst in deinen Träumen, wenn du sie in den toten Tagen nicht besänftigst!“, sagt sie und mich fröstelt. „Dann hängst du an der Vergangenheit fest!“, fügt sie hinzu. „Das sind doch alles Unkereien. Finn erzählte dunkeldämmrige Hirngespinste, ein Geschichtenerzähler!“ „Glaubst du?“, fragt sie, als wisse sie mehr als ich. „Der Sommer“, sagt sie und die Erinnerungen zeichnen wie der Nebel ihre Bilder auf unsere Haut, in unsere Köpfe. „Der Sommer, der kein Sommer war“, murmle ich.
Wir wollten nur ans Meer. „Eine Insel finden“, hatte meine Tochter gesagt, „um die Zeiten abzuschütteln.“
Es war der Sommer nach dem Ende ihrer Krankheit. Es war auch der Sommer nach den Wahlen auf der anderen Seite des Atlantiks, die Weltgefüge ins Wanken brachten. „Weißt du noch“, so fingen viele unserer Sätze an. Und dann kamen Zeitrechnungen.
Es war der Sommer drei Jahre nach dem Ende einer Pandemie, die uns alle in die Isolation gezwungen hatte. „Wie friedlich das war, damals!“, sagte meine Tochter und ich fragte mich, ob ich mit Anfang zwanzig auch schon in Vorher und Nachher dachte, in Damals und Jetzt. Sie sprach die Dunkelheit nicht aus, die sich im Damals ausgebreitet hatte, in ihr, in uns. Die Ängste in aller Friedlichkeit, die Einsamkeiten der Kinder, das Leben in und auf den Bildschirmen.
Wir liefen durch den Regen dieser Stadt, die auf unserem Weg zum Meer lag. Jeden Tag Sonne, schrieb sie ihrem Freund. Jeden Tag Sonne für fünf Minuten. Wir waren in Winterjacken eingepackt, die Menschen indes um uns herum liefen in kurzen Röcken und Hosen an den grauen Häuserwänden vorbei.
„Wenn du hier auf besseres Wetter wartest, zieht dein Leben an dir vorbei“, sagte ein Mann vor bröckelnder Fassade, mit diesem schwer verständlichen Akzent, den man auch mit guten Englischkenntnissen nur schlecht versteht. „Wir wollen nur ans Meer“, sagte ich. Er runzelte die Stirn, sein Gesicht wirkte gezeichnet, seine Haltung gebückt. „Pass auf, lass dich dort nicht beirren vom Leprkoon und anderem Feenvolk.“ Ich hielt ihn zuerst für einen Obdachlosen, weil er so vorsichtig war, misstrauisch, zurückgezogen. Aber er wollte kein Geld, er wollte kein Gespräch. Er wollte einfach nur, dass nicht wieder alles explodiert. Ich musste mich noch daran gewöhnen, dass man hier mit Schubladen schnell auf eine fatale Spur geriet.
Wir stießen auf eine buntbemalte Mauer, mit großen aufgesprühten Gesichtern. Heroische Soldaten, dann Kreuze, Peace-Zeichen, Maschinengewehre, Palästinaflaggen. Weißt du noch. Ein Schild stand da: „While we have a shared past, we do not have a shared memory.“ Wir haben zwar eine gemeinsame Vergangenheit, aber keine gemeinsame Erinnerung.

Da waren Davidsterne, Nelson Mandela und der Union Jack neben Regenbogenherzen. Die Gesichter der Toten und ihr Gedenken, eine erhobene Faust, ein Aufruf zum Kampf, ein Aufruf zum Frieden, dann wieder Motive aus Alice im Wunderland und der Untergang der Titanic. Eine Wand, die nicht enden wollte und immer höher wurde, während wir an ihr vorbeiliefen. Ein Tor in der Mauer würde um 18 Uhr schließen, besagte eine Aufschrift. Mitten in der Stadt. „Nicht zwischen die Tore kommen beim Schließen“ stand da. Wall of Peace. Die Friedensmauer. Es war der Sommer 26 Jahre nach einem Karfreitagsabkommen. „Wer sind die Guten, wer die Bösen, wer hat gesiegt in diesem Krieg, wer verloren? Was ist hier passiert?“, fragte meine Tochter. „Keiner hat gewonnen, sie leben alle noch im selben Land, in derselben Stadt. Mit ihren Trennwänden.“ Ich merkte, wie sich der Knoten in meinem Kopf fester zog. „Wer war und ist hier gegen wen?“ „Katholiken gegen Protestanten, arm gegen reich, Britischaffine gegen Unabhängigkeitskämpfer. Sozialismus gegen Kapitalismus. Vielleicht.“ Ich schaute auf die Zeichen der Wand. Remember. Think about it. 3000 Tote auf der einen Seite. 3000 Tote auf der anderen Seite.
„Glaubst du an Wunder“, fragte sie mich. „Die Welt braucht, glaube ich, dringend eines!“ „Hier ist ein Wunder geschehen!“, antwortete ich, zeigte mit großer Geste auf die Mauer, nur die Zuversicht bekam ich nicht in meine Stimme. „Diese Wände sorgen für Frieden.“ Widersprüche leben links und rechts der Mauern und Wahrheiten nebeneinander und dürfen nur an diesen Wänden ausgesprochen werden. „So stellt man sich ein Wunder aber nicht vor und nicht den Frieden“, antwortete sie und der Regen kam jetzt wieder mit Böen in unsere Mantelkrägen geflutet. Die Themen der Welt blickten auf uns herab und ich fand keine Antworten. Unsere Schatten legten sich mit einem Mal über die martialischen Bilder. „Die Sonne“, sagte ich und es erschien uns beiden die größte Magie für den Augenblick.
Vor einem Kreuz, eingebettet in paradiesische Bilder, setzten wir uns auf eine Bank. Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter. „Dieses Jahr hat ein Freund eine Krankheit überlebt, das ist ein Wunder!“, sagte ich und legte meinen Kopf auf ihren. „Ein anderer ist gestorben!“, antwortete sie. „Das Wunder der Freundschaft haben wir mit ihm erlebt!“ Sie seufzte. Wir dachten beide das gleiche, wir brauchten es nicht aussprechen. Ihre Erkrankung, die Jahre, die Kliniken. Und dann ohne Zutun, einfach weg. Ich stand auf, wollte nicht, dass sie sah, wie meine Tränen die Größe des Glücks bemessen. Vor diesem kitschigen Mauergemälde. Wir sind nicht so fürs Kitschige. Der Regen setzte schlagartig wieder ein. Die Sonne verschwand aus den Straßen und die Nässe legte sich über unsere hochgezogenen Schultern und unter unseren immer schneller werdenden Schritt.
Plötzlich ertönte Musik. Das Licht des Pubs zwischen den Schnüren des Niederschlags. Drinnen saßen die Menschen beieinander, Instrumente in den Armen und auf den Oberschenkeln, Blumen im Haar, Guinness in den Gläsern und Whiskey In The Jar. Ein freies Lachen durch den engen Raum, der Samt auf den Bänken, die rauen Lieder der Männer und Glockenartiges in den Stimmen der Frauen. Und zwischen den Leuten, dem Lachen und den Lauten war der Mann, der vorm Leprkoon gewarnt hatte. Ein wunderschöner rauchiger Bass. Er lachte uns zu. „Ich heiße Finn.“
Die Zigarette, die Münze und die Schokolade sind verschwunden. Ich suche den Regenbogen. Es riecht nach Rauch. Misstrauisch schaue ich zu meiner Tochter. Sie lacht. „Das kleine Volk. Es hat die Gaben angenommen.“ Ich nicke den Nebelgestalten zu. „Dann lass uns zu den anderen ins Warme gehen und Lieder singen.“
Ulrike Sabine Maier

