von Paula Lankow
Auf einer meiner regelmäßigen Walking-Routen komme ich an dem Haus vorbei, in dem vor langer Zeit unser ehemaliger Deutschlehrer, Herr Möhlmann, wohnte. Er hatte etwas Kauziges an sich, schon sein Vorname Bodmar mutete merkwürdig an, aber wir Schülerinnen liebten ihn, weil er Humor hatte und seine Begeisterung für Literatur so ansteckend war.
Ein einziges Mal war ich in seinem Haus. Kurz vor dem Abi hatte er unseren Deutschkurs zu sich nach Hause eingeladen zu Pizza, die seine Frau gebacken hatte, Cola und jede Menge Büchern. Er führte uns durch die untere Etage, den Bibliotheks-Salon, wie er sein Wohnzimmer nannte, das Esszimmer, ließ uns, ganz kurz nur, einen Blick in sein großes Arbeitszimmer erhaschen und einen in die Küche werfen, aus der uns seine Frau direkt verscheuchte, zeigte uns auch direkt „für später die Örtlichkeit“. Während der gesamten Runde strichen zwei Katzen um seine Beine.
„Darf ich vorstellen? Graps und Schnores“, sagte Herr Möhlmann und zeigte erst auf die beiden Kater (wobei Graps ein weißes Lätzchen und weiße „Schühchen“ hatte und Schnores eher orange als gelb war) und dann auf ein Regal, in dem Storm (und Sekundärliteratur zu dem Erzähler) die oberen Bretter einnahm. Seitdem nannten wir das Haus „Storms Tempel“.
Die echten Graps und Schnores wohnten (oder tun es vielleicht immer noch) in „Bulemanns Haus“. Und über all die Jahre hinweg erinnert mich „Storms Tempel“ mehr und mehr an Bulemanns Haus: Von dem rissigen Holz der Haustür ist die Farbe abgeplatzt, die Klingel ist „fast schwarz von Grünspan, zwischen den Treppensteinen wächst das Gras“ ebenso wie zwischen den Platten des Weges, der durch den Vorgarten und zum hinteren Garten führt.
Bulemanns Haus aber steht in einer kleinen Stadt in Norddeutschland in der Düsterstraße und ist verfallen, schmal und dreigeschossig. „In Bulemanns Haus/ In Bulemanns Haus/ Da gucken die Mäuse/ Zum Fenster hinaus“, singen die Kinder, und es heißt, nachts könne man ein Quieken hören und ein Springen wie von großen Tieren. Der Nachtwächter will in einer Vollmondnacht ein kleines menschliches Gesicht mit einer riesigen Zipfelmütze in einem Fenster des obersten Stockwerks gesehen haben, aber der Nachtwächter schaut ja auch schon einmal zu tief ins Glas. Der frühere Organist der St. Magdalenenkirche ist der Einzige, der noch eine Erinnerung an den einstigen Bewohner hat, denn sein Vater war einst Händler und hatte beruflich mit Herrn Bulemann verkehrt.
Herr Bulemann kam erst nach dem Tod seines Vaters, eines Pfandleihers, in die Stadt und bezog dessen Haus. Es heißt er wäre zur See gefahren, auf Cargo nach Westindien, habe dort eine Frau geheiratet, die aber wohl zusammen mit den gemeinsamen Kindern auf einem Sklavenschiff verkauft. Gerüchte, ob sie stimmen … Jedenfalls bezieht der unheimliche Mann das schmucke Stadthaus, das angefüllt ist mit den Reichtümern, „Pretiosen, Geräten und seltsamsten Trödelkram“, die der alte Bulemann über 50 Jahre hinweg beliehen hat. Am Gesetz vorbei beginnt der junge Bulemann die Gegenstände an den Vater des einstigen Organisten zu verkaufen, der als Knabe den einen oder anderen Gang in das Haus machen musste und froh war, als die Geschäftsbeziehungen beendet waren. Zu gruselig waren die beiden großen Kater. Der einstige Knabe – nun selbst ein Greis – erklärt, inzwischen sei der Besitzer des alten Hauses „längst herausgetragen“, aber das stimmt nicht.
Das nicht ganz legal erwirtschaftete Geld hat Bulemann genau aufgeteilt und in Truhen gelegt. Sein Haus gleicht einem Tresor, über den der Eigentümer mit Argusaugen vom obersten Stockwerk aus wacht. Seiner alten Wirtschafterin Frau Anken gelingt es gleichwohl, etwas Geld abzuzwacken und in Weizenbrötchen (denn „geschleckt ist nicht gestohlen“) zu investieren, die sie in den alten Nussbaumschränken des Hauses lagert.
Als einmal Bulemanns bedürftige Halbschwester Christine als Bittstellerin vorbeischaut, wird sie brüsk weggeschickt und Frau Anken angewiesen, die Kette nicht mehr von der Tür zu nehmen. Sie selbst darf nur noch im Dunklen das Haus verlassen, um die notwendigen Besorgungen in entlegenen Straßen zu machen. Bulemanns Haus wird zur Festung.
Einmal, kurz vor Weihnachten, aber vergisst Frau Anken, die Haustür richtig zu verschließen, als sie abends das Haus für Besorgungen verlässt, und Christine kann ein weiteres Mal in das Haus gelangen, steigt die Treppen bis ins oberste Stockwerk hinauf; an der Hand hat sie den kleinen Christoph, ihren kränklichen Sohn. Sie bittet ihren Halbbruder um einen kleinen Becher, den sie einmal dem Vater verpfändet hat. Sie hat geträumt, ihr Christoph würde gesund, wenn er aus diesem Becher trinke. „Mit Träumen löst man keine Pfänder ein“, entgegnet Bulemann, ruft seine Kater und stößt das Kind die Treppe hinab.
„Verruchter böser Mann … Mögest du verkommen bei deinen Bestien“, verflucht Christine ihren Bruder und trägt das blutende Kind hinaus, das wenige Tage später stirbt.
Graps und Schnores erfahren von da an eine beängstigende Verwandlung, denn sie wachsen jedes Mal, wenn sie gefressen haben. Frau Ankens Furcht vor ihrem Dienstherrn und dessen inzwischen riesigen Katzen wächst so sehr, dass sie schließlich ihr Bündel schnürt und das Haus verlässt, nicht ohne es sorgsam hinter sich zu verschließen.
Während das Haus nun zum Schlaraffenland für die Mäuse wird, die sich durch Türen und Schränke fressen, wird es für Bulemann zum Gefängnis – mit zwei Raubkatzen als Wächter, die ihm jeden Fluchtweg abschneiden. Nach zwei Tagen wird der einstige Hausherr immer schwächer, kann sich nur noch zuckend auf sein Canapé zurückziehen und einschlafen. Aber er stirbt nicht. Er vertrocknet, schrumpft auf die Größe eines einjährigen Kindes, dazu verdammt in seinem höllischen Gefängnis zu bleiben. Einmal nur, in einer Vollmondnacht, schafft er es, an ein Fenster zu gelangen, während die Katzen unten Mäuse jagen. Aber er ist zu schwach, die Griffe zu öffnen oder das Glas zu zerschlagen, um den Nachtwächter auf der Straße auf sich aufmerksam zu machen; seine Stimme ist nur noch ein Wispern.
Bulemann erinnert als Figur stark an Dickens‘ Scrooge, aber anders als dieser bekommt er nicht die Gelegenheit zur Läuterung, kann seine Seele nicht retten, sondern bleibt verflucht in seinem Haus: „Die Nacht ist so lang, so viel Mal bin ich aufgewacht, und noch immer scheint der Mond.“ Alle Schätze würde er mit dem Nachtwächter teilen, wenn der ihn nur befreite, bis auf das Becherchen, das dem kleinen Christoph gehört.
„Endlich, nach aller vergeblichen Anstrengung kauerte sich die kleine Gestalt auf dem Polsterstuhl zusammen, rückte die Zipfelmütze zurecht und schaute, unverständliche Worte murmelnd, in den leeren Nachthimmel hinauf.“ So endet die Geschichte von Herrn Bulemann in seinem Haus. Oder ist vielleicht nie zu Ende gegangen.
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Ich habe überlegt, mich beim nächsten Vollmond auf den Weg zu „Storms Tempel“ zu machen und zu versuchen, einen Blick durch die blinden Fenster zu werfen. Aber da sehe ich heute links und rechts auf den ausgetretenen Stufen vor der Haustür zwei große Töpfe stehen, die mit zwei Olivenbäumchen bepflanzt sind.
