Cordula liest: Jennifer Benkau – Es war einmal Aleppo (Young Adult/All Age)

Als ich im Herbst 2016 zum ersten Mal den Titel von Jennifer Benkaus Roman las, juckte es mich schon in den Fingern, mich damit zu beschäftigen. „Es war einmal Aleppo“. Die Flüchtlingswelle von 2015 war noch immer ein großes Diskussionsthema in allen Medien, und eigentlich war mir klar, dass ich trotz der vielen Infos viel zu wenig wusste. ABER: Es war ein Jugendbuch. Young Adult. So gar nicht mein Genre.

Also schenkte ich das Buch meiner Enkeltochter mit der Bitte, es mir irgendwann einmal ausleihen zu dürfen. Und dabei blieb es. Bis zur Beteiligung an der Jahreschallenge des Blogs Gerngelesen, dessen April-Challenge Bücher des Genres Young Adult/All Age umfassen soll. Sofort kam mir Jennifer Benkaus Roman in den Sinn. Ich lieh ihn mir aus und bin begeistert.

Protagonistin des Romans ist Antonia, genannt Toni. Sie kommt mit ihrer Familie aus dem Sommerurlaub nach Hause und stellt fest, dass genau gegenüber, auf der alten Tennisanlage, ein großes Flüchtlingslager errichtet worden ist. Ihre Eltern sind entsetzt, sorgen sich um den Wertverlust des Hauses und die Sicherheit ihrer Familie, während bei Toni sofort alte Ängste aufbrechen, die auf einem einige Jahre zurückliegenden Überfall beruhen. Als ihre beste Freundin Fee vorschlägt, sie bei ihrer freiwilligen Arbeit im Lager zu unterstützen, reagiert Toni zunächst ablehnend.  Aber den Ängsten steht auch eine große Neugier gegenüber, die schließlich siegt, so dass sich Toni ihrer Freundin anschließt und erste Kontakte im Lager knüpft. Einem jungen Mann aus Syrien gelingt es rasch, mit ihr ins Gespräch zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Er erzählt nach und nach seine Geschichte und erklärt Toni die politischen Zusammenhänge, sodass das junge Mädchen beginnt, die ablehnenden Kommentare ihrer Familie zu hinterfragen.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Die Personen wirken zwar ein wenig wie aus der Klischeekiste zusammengestellt, aber das ist vielleicht gar nicht so verkehrt, um den wichtigen Inhalt deutlich zu transportieren. Manches Mal hätte ich mir etwas weniger Info und dafür mehr Geschichte gewünscht, jedoch verstehe ich das Motiv der Autorin, diejenigen aufzuklären, die sich noch nicht so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Immerhin ist es ein Buch für Jugendliche.

Ich selbst habe einen guten Einblick in die damalige Lagersituation gewinnen können, weiß noch mehr zu schätzen, was unzählige Ehrenamtliche in dieser Zeit geleistet haben und immer noch leisten. Ebenso wird deutlich, wir schwierig es für Hilfesuchende ist, und das drücke ich ganz bewusst so allgemein aus, mit der deutschen Bürokratie zurechtzukommen. Menschen werden hin und her geschoben und laufen als Nummer, ohne dass jemand am Schicksal des Einzelnen Anteil nimmt.

Einige der Beschreibungen kamen mir bekannt vor, da meine Großmutter 1945 von den Polen vertrieben wurde und gemeinsam mit ihren Kindern ebenfalls Lagererfahrung machen musste. Gerade vor diesem Hintergrund empfinde ich Jennifer Benkaus Roman als besonders gelungen, da es wichtig ist, aus der Geschichte zu lernen, in der Hoffnung, dieselben Fehler nicht noch einmal zu machen. Es wäre schön, wenn viele junge Menschen Zugang zu diesem Buch hätten, um ihre Einstellung Fremden gegenüber zu überdenken.

Ihre

Cordula Broicher

PS: Wir machen mit bei der „Lese-Challenge 2018: Reise durch die Genres“ von Gerngelesen.

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