Das stille Haus 2: Lustifikation – Kristin Lange, Pippi Langstrumpf (Astrid Lindgren)

Froh blickt sie um sich. So muss es sein, wenn gefeiert wird! Der Tisch gedeckt, die Möbel exakt richtig platziert. Vom Sofa aufs Sideboard, vom Sideboard auf die Vitrine, von da auf die Truhe, den Hocker und dann da und da und über den Couchtisch aufs Sofa zurück, ohne ein einziges Mal den Boden zu berühren. Der einzige Wackelkandidat ist die Lautsprecherbox.

Wird schon gut gehen. Sie hat sich hier gleich zu Hause gefühlt. Genau wie in dem anderen Haus, dem aus der ersten Staffel. Und dem davor. Es sind keine fremden Häuser. Es ist immer dasselbe.

Etwas fehlt noch … die Servietten! Wo sind hier die Servietten? Ah, da. So, ja. Schön.

Wie still es ist.

Noch ist es still.

Aber gleich.

Wird der Spaß losgehen.

Und warum nicht hinausgehen und die Gäste im Garten erwarten?

Oh, die herrliche Abendluft! Bis sie kommen, darf man sich wohl ein Schlückchen genehmigen? Dieser Baum dort drüben, könnte darin nicht …? Ein Griff ins Geäst, und sie hat die Flasche am Wickel.

Aaaah. So muss Limonade schmecken. Nach Sommer und Feiern und zehntem Geburtstag. Oder Abschiedsfest. Der Garten, jetzt noch eine weiße Bühne, wird gleich bevölkert sein von schmausenden, lachenden Kindern und Matrosen. Und ihrem dicken Papa, dem Kapitän im Bastrock; acht seiner Leute hat er auf die ausgehobene Küchentür geladen und trägt sie zehnmal um den Rasen. Und dann sie: mit dem Pferd auf dem Türblatt plus vier Matrosen plus acht Kinder, fünfundzwanzig Runden, im Schein der Fackeln und unter dem Applaus der Kinder, dem Johlen und Pfeifen der Männer.

Und morgen geht es auf die Hoppetosse. Sie werden so glücklich sein!

Wieso eigentlich weiß? Die Bühne, der Garten? Das muss vom Fackelschein kommen, der den Rasen und die Büsche in ein unglaubliches Licht taucht. Und noch eine Sache fühlt sich seltsam an. Wie ein kratziger Pullover, der einem aufgezwungen wird.

Moment. Pullover? Ach ja, im Kinderheim war das. Hatte die alte Brillenschlange es doch noch geschafft, ein beschützender Hort, weil gerade in der fordernden Zeit des Heranwachsens und bla und bla.

Der Stern dort, hat er ihr nicht eben zugezwinkert? „War nichts, Mama“, flüstert sie. Es war nicht beschützend. Es war nicht fordernd. Es war beschi…

Hey. Nicht das, nicht jetzt. Außerdem: Es kommt doch alles erst noch? Das Heim, die Ausbildung im Möbelhaus.

Ah. Jetzt weiß sie, was es ist. Das Pullovergefühl, als ob etwas auf der Haut scheuert. Es ist das verflixte Präsens. Das machte man in den Vierzigern so nicht. Das hat so etwas … Unheilverkündendes. Als ob da jemand ist, der mehr weiß als sie. Der etwas ausheckt.

Was soll’s. Lustig sollen sie es haben heute Abend! Und apropos aushecken und apropos lustig – da fällt ihr doch glatt diese Schule in Australien ein, wo sie von morgens bis abends nur Lustifikation auf dem Stundenplan stehen haben. Sie beginnen mit einem Hechtsprung durchs Fenster, stoßen einen wilden Schrei aus und stürmen ins Klassenzimmer zurück, wo sie über die Tische und Bänke springen, bis sie nicht mehr können.

O weh. Hat sie gerade geschwindelt? Das sollten sie ihr im Heim doch ausgetrieben haben. Sie wird es nicht wieder tun, versprochen, Mama.

Wo bleiben alle? So müde plötzlich. Hinlegen, nur ganz kurz. Die Augen schließen, nur für einen Moment. Und horchen. Vielleicht hat sie Glück und bekommt ihn zu hören. Den Spunk. Wie er sich durchs Erdreich gräbt, ein Scharren ist das, ein Kratzen. Ein Schaben, ein Huschen, ein Kichern, ein Schlürfen, ein Schlurfen – wie von einem, der weiß, dass er alles sein kann, was er will. Oder was irgendjemand will.

Und gleichzeitig nichts.

Nass hier, merkwürdig. Aber warm und gut.

Und so. Und so. Und so und so und so. Ulkig, mitten im Sommer. Ihr Juliengel.

Die Arme still. Atmen. Ein, aus.

Und jetzt, noch fern, einzelne Töne. Näher, deutlicher: das Konzert der Tonkuckucke. Alle haben sie sie dabei und blasen hinein, wie wunderbar! Tommi führt die Schar an, gleich hinter ihm Annika, ach, Annika! Und jetzt haben sie das Törchen erreicht und strömen in den Garten. Kleiner Onkel auf der Veranda schnaubt leise, Herrn Nilssons winzige Krallen kitzeln ihre Kopfhaut, und jetzt, jetzt beginnt der Spaß, die Lustikifa… Listikufi…

Still und dunkel liegt es da. Das Haus.

Ganz still, ganz dunkel? Nein. Hinter dem winzigen, staubblinden Fenster des Dachbodens brennt Licht. Schwächlich und flackernd, das Licht einer Kerze. Dort sitzt in einem Schaukelstuhl der allwissende Erzähler dieser kruden Geschichte und weiß alles. Sogar, dass die Hausbesitzer auf Guadeloupe sind. Er hat sich in der fremden Küche einen Grog gemacht und sich eine alte Gardine, die er in einem der muffigen Speicherkartons gefunden hat, um die Füße gewickelt. Eine Weile wird das helfen, sich die eisige Winternacht vom Leib zu halten, den Luftzug, der durch die Ritzen dringt. Erst später wird ihm die Kälte in die Knochen kriechen und seine Zähne aufeinander schlagen lassen.

Wegen des Zähneklapperns wird er es nur zeitverzögert bemerken. Das Klopfen. Von ganz unten, aus dem Gewölbekeller. Der viel weitläufiger ist, als realerweise der Grundriss des Hauses es hergibt. An den Wänden hat die seit Jahrhunderten herablaufende Salpetersäure eine dicke Kruste gebildet, und hinter diesen Mauern regt sich jemand.

Wie bitte, hinter den Mauern? Aber dann kann es nur der sein, den der allwissende Erzähler ursprünglich in das Haus schicken wollte. Sein Rausch geht soeben in einen grausamen Kater über, und zwischen seliger Ohnmacht und schädelspaltender Klarheit dämmert ihm, dass Edgar Allan ihn hier, in diesem feuchten, salpetertriefenden Keller eingemauert hat. Für immer, bis … Nun, eben bis. Wegen eines Fässchens Amontillado, verfluchte Gier!

Da. Jetzt klopft der Unglückliche. Natürlich klopft er. Aber wir können beruhigt sein. Gegen vier Uhr wird das Klopfen schwächer werden und schließlich dank einer erneuten, gnädigen Bewusstlosigkeit verstummen.

Furchtbar, nicht wahr? Aber nur Nebengeschichte. Und auch über dieser grässlichen Nacht wird ein neuer Morgen dämmern. Ein grauer, nebliger zwar, aber ein Morgen.

Ein Samstag. Die Gerichtsmedizinerin (gespielt von Inger Nilsson) hockt neben der Toten im Garten und hat gerade ihr erstes Statement abgegeben. Kaum jemand der anwesenden Polizisten hat indes auf ihre Worte geachtet. Sie alle haben noch zu verdauen, in welch geradezu erschreckender Weise die ältere Frau im Schnee der Gerichtsmedizinerin ähnelt: das gleiche graue Haar, nur hier und da Spuren einstiger Röte. Die gleichen blauen Kulleraugen, die – im Falle der am Boden Liegenden – starr in den amorphen Himmel blicken. Die rechte Hand der Toten umklammert eine dreiviertel geleerte Flasche Mackmyra Vinterdröm, sechsundvierzig Prozent. Einer der grün-orange geringelten Strümpfe ist heruntergerutscht und entblößt ein von Krampfadern durchzogenes Bein unter einem altmodischen Mieder.

Die Gerichtsmedizinerin scheint von der gespenstischen Ähnlichkeit nichts bemerkt zu haben, oder sie ist ihr egal. „Einen Schneeengel hat sie noch gebaut“, murmelt sie.

Der Kommissar (gespielt von Walter Sittler) tritt aus dem Haus. „Das muss man auf sich wirken lassen“, sagt er, an niemand bestimmten gewandt. „Sie hat alles Geschirr und Besteck aus den Schränken gerissen und im Wohnzimmer verteilt. Auf jeden Teller ein Blättchen Klopapier gelegt.“

„Wie apart“, murmelt die Gerichtsmedizinerin.

Und alle Möbel verrückt!“ Der Kommissar schüttelt den Kopf. „All diese Häuser … das muss immer sie gewesen sein.“

Irgendjemand kotzt in den Schnee. Auf dem Dach der nahen Feuerwache geht die Zwölf-Uhr-Sirene los. Dreimal schwillt das Heulen an und zerschneidet die weiße Luft. Und noch während das sonore Brummen ausklingt und erstirbt, setzt drinnen erneut das Klopfen ein – viel zu schwach, als dass irgendjemand es hören könnte.