Das stille Haus 2: Serum – Ingrid Haag, Professor Robert Langdon (Dan Brown)

Er drückte das schmiedeeiserne Tor ins Schloss und blieb kurz stehen. Die Mickey-Maus-Uhr an seinem Handgelenk zeigte 18:55 Uhr. Pünktlich. Seine Eltern hatten ihn dazu erzogen. Professor Robert Langdon erlaubte sich einen winzigen Moment der Trauer, dann zog er den Ärmel seines Tweedjacketts zurecht und warf einen Blick auf das Haus.

Etwas war anders als sonst. Wilder. Efeu rankte sich die gelb getünchte Fassade empor. Als wollte die Pflanze nach den hohen Fenstern greifen. Beklemmung legte sich auf Langdons Brust. Hatte es schon so ausgesehen, als er vor wenigen Wochen hier gewesen war? Efeu suchte sich seinen Raum, erstickte seine Konkurrenten. Aber so schnell? Dumme Gedanken, seiner Klaustrophobie zu verdanken. Professor Elaine Winthrop war eine hochdekorierte Botanikerin. Sicher hatte sie ihn nicht wegen des Efeus zu sich gebeten.

Der Klang der Klingel tönte durch das Haus, Sekunden später wurde die Tür geöffnet.

„Professor Langdon?“ Ein hochgewachsener Mann in schwarzer Livree, das Haar nach hinten gegelt. Distanziert, schwer zu durchschauen. Der neue Butler vermutlich. „Guten Abend. Die gnädige Frau erwartet Sie bereits im Salon.“

Der Mann drehte sich um, ging durch die Halle, öffnete die Flügeltür und ließ Langdon in den kerzenerleuchteten Raum treten.

„Robert, schön, dass du so schnell kommen konntest.“ Elaine Winthrop eilte auf ihn zu. Das hellgelbe Chiffonkleid ließ sie noch jünger und durchscheinender aussehen als sonst. Ihr Händedruck war flüchtig, und sie entzog sich, bevor Langdon sie in den Arm nehmen konnte. „Wir essen in einer halben Stunde, Sebastian. Aber bringen Sie uns doch bitte den wunderbaren Pinot noir. Wir trinken vorab ein Gläschen auf meinen Erfolg, nicht wahr, Robert?“

„Auf deinen Erfolg – immer!“ Langdon hatte das eigenartige Gefühl, sie beruhigen zu müssen. Er bemühte sich um ein entspanntes Lächeln. „Gibt’s etwas Bestimmtes, das wir heute feiern?“

„Ich habe einen unglaublichen Durchbruch erzielt.“ Elaine rang die Hände. Ihre Wangen röteten sich. „Ist dir aufgefallen, dass ich beinahe von einem Urwald umgeben bin? Ein Serum, Robert! Ich habe ein Serum entwickelt, das Pflanzen schneller wachsen lässt. Was heißt schneller … blitzartig. Den Efeu vor dem Haus hat der Gärtner vor drei Tagen gepflanzt.“

„Aber … das kann nicht sein. Unglaublich.“ Langdon schüttelte den Kopf. „Wenn das stimmt … ist es beinahe unheimlich.“

„Ja, nicht wahr?“ Elaines Augen glitzerten, sie legte die Hände an ihre Wangen. „Wir könnten mit einem Schlag die Probleme der Welt lösen, Robert. Millionen Menschen in Afrika wären nicht mehr abhängig vom Regen. Sie könnten ihre Ernte mit meinem Serum in wenigen Tagen einholen. Es wäre sozusagen Hilfe zur blitzschnellen Selbsthilfe.“

„Wenn das wirklich in großem Stil funktioniert, nicht nur an deinem Efeu, wäre es in der Tat ein Durchbruch. Und du würdest mit einem Schlag heiliggesprochen.“ Langdon unterdrückte ein Kichern.

„Es ist mein Ernst, Robert. Ich möchte es der Weltgemeinschaft schenken. Und ich habe bereits eine Vereinbarung mit der WHO, die das Serum selbst herstellen und an Bedürftige ausgeben will.“

„Wunderbar, Elaine! Trotzdem steckt ein riesiges Geschäft dahinter. Das ist ein Risiko für dich.“

„Es ist fast geschafft. Und deshalb habe ich dich hierhergebeten.“ Sie klammerte sich an seinen Arm. Ein Hauch ihres Veilchenparfums kitzelte seine Nase. „Der Kurier wird morgen früh hier eintreffen, um das Serum abzuholen. Könntest du die Nacht über hierbleiben?“

Die Polizei wäre eine deutlich bessere Wahl. Aber es war nur eine Nacht, Elaine hatte recht. Sein Blick fiel auf das Sofa. Es sah ausreichend bequem aus. Also nickte er und freute sich, als Elaine ihren Griff lockerte und ihn anstrahlte.

„Das Serum ist im Safe in meinem Arbeitszimmer sicher verstaut. Außer mir kennt nur Sebastian die Kombination. Falls ich mich nicht mehr erinnere.“ Sie kicherte kokett, aber es wirkte nervös. „Auch ich werde nicht jünger, ob du’s glaubst oder nicht.“

Elaine Winthrop war eine begnadete Wissenschaftlerin, aber sie hatte noch nie etwas für die Dinge des Alltags übriggehabt. Langdon nickte. „Und diesen Sebastian … kennst du woher?“

„Darf ich?“ Die Stimme ließ ihn zusammenfahren. Er hatte nicht einmal gehört, dass jemand den Raum betreten hatte. Fast geräuschlos stellte der eben Genannte zwei bauchige Gläser auf den Tisch und schenkte aus einer Kristallkaraffe ein. Dabei verschob sich ein Ärmel seiner Livree und ließ eine Tätowierung auf der Innenseite seines Handgelenks sehen. Aber bevor Langdon Details erkennen konnte, zog sich der Butler zurück.

Der Wein schimmerte im Kerzenlicht. Elaine hob ihr Glas. „Auf ein Ende des Welthungers!“

„Auf dich. Und auf den morgigen Tag!“ Der Pinot noir schmeckte samtig, fruchtig, ein wenig nussig. Der König der Rotweine. Einen Moment ließ er Langdon die Absurdität der Situation vergessen.

„Nur eines muss ich ergänzen“, hörte er Elaine sagen. „Ohne den Umweg über die Pflanze ist das Serum für Menschen hochgefährlich. Es führt zu Halluzinationen. Und … es kann sogar tödlich sein.“

„Tödlich? Und du hast es hier, ohne weitere Sicherung?“ Der Wein schmeckte plötzlich schal. „Wir rufen besser die Polizei.“

„Nein, keine Polizei. Keine Publicity. Bitte, Robert, das Serum darf nicht in falsche Hände geraten. Und morgen früh ist alles überstanden.“

„Sei vernünftig, Elaine.“ Langdon hatte Mühe, sich zu artikulieren. Seine Zunge klebte am Gaumen. „Du setzt … dich … uns … großer Gefahr aus! Woher kennst du überhaupt … diesen …?“

Er räusperte sich, schluckte. Diesen … Wieso fiel ihm der Name nicht ein? Eine Welle der Übelkeit erfasste ihn, drohte ihn umzuwerfen. Der Butler, dieser namenlose, stand auf einmal neben ihm, griff nach seinem Arm, dass es schmerzte. Der Ärmel der Livree war hochgekrempelt, die Tätowierung zu sehen. Zirkel, Winkel, eine Efeuranke. Gedanken rasten durch Langdons Gehirn, er konnte keinen davon festhalten. Die nächste Welle nahm ihn mit. Er schwankte, taumelte, stürzte zu Boden. Winkel. Zirkel. Efeu. Freimaurer? Ein Butler? Oder nicht? Wie konnte es sein?

„Hilfe! Robert!“ Elaines Stimme. Warum schrie sie? Und wer war Robert? Etwas fiel auf ihn. Jemand. Veilchenduft. Aufhören! Lasst mich … schlafen. Winkel … Zirkel … Efeu … das Ende des Welthungers … Wange an Wange mit der größten Botanikerin der Welt.