Ein Gastbeitrag von Anna Rotele
1978 geboren, als sattes und zufriedenes Mitglied des westdeutschen Bildungsbürgertums aufgewachsen, waren weite Teile meines Lebens in einen einlullenden Frieden gehüllt. Ein Frieden, der sich ausbreitete, Länder umspannte, Kontinente umspannte, ein Deutschland, das vereinigt wurde, ein Europa, das zusammenwuchs, ein „Westen“, der diplomatisch zusammenrückte. Der Frieden war ein angenehmes Grundrauschen, das uns wenig abverlangte.
„Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!“, mahnte Günther Eich 1950 im gleichnamigen Gedicht, „Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher rückt.“
Unsere Träume waren nicht schlecht, unsere Träume waren gut, unsere Träume waren wahr. Träume von Wohlstand, von Menschenrechten, von Völkerverständigung; Träume von Generationen, die aus der Vergangenheit gelernt hatten. In der Schule setzten wir uns mit dem Nationalsozialismus auseinander, „Nie wieder“, es gab Rechtsextreme, es gab Linksextreme, aber wir waren mehr, wir waren „Nie wieder“. Es gab Kriege, aber sie waren weit weg, bloß einmal ließen wir dafür den Karneval ausfallen, leere Straßen an Rosenmontag, so weit sind wir dann doch gegangen hier im Rheinland.
Der Frieden war weit genug, um das Kleine zum Großen werden zu lassen. Wir feierten das Leben in einer lebenswerten Welt, eine Party voller Annehmlichkeiten, und die Zukunft stand uns offen. Doch wir feierten auf einem dünnen Eis. „Oh, dieses weiche Kissen, Daunen aus erster Wahl! Auf ihm vergisst man das Ärgerliche der Welt“, das Ärgerliche war nicht nur da draußen, das Ärgerliche war überall, neben uns, unter uns, zwischen uns.
Kriegstraumata wurden verschwiegen, Familienmythen rankten sich über Teile der eigenen Geschichte hinweg wie Efeu über eine Kluft im Boden. Aber das Dunkle wurde weitergereicht, gerade drum. Enttäuschungen wurden übersehen, Abgründe, Illusionen. Das Platzen von Träumen, das Platzen von Plätzen und Gefügen im eigenen Land, zweigeteilt und vereint, wie überall auf der Welt.
Kipppunkte wurden erreicht. Wasserspiegel stiegen oder sanken, Menschen verloren ihre Wurzeln – es gibt kein Gleichgewicht auf der Welt.
Die menschliche Seele ist ein pochendes, blutrotes Ding; reißt sie auf, dringen die Keime hinein, wieder und wieder und wieder, sie hat keine feste Form. Aber wir, wir waren so schön und so glücklich. Wir waren so gut, denn wie leicht ist es, ein guter Mensch zu sein in einer Seifenblase. „Ah, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund! Schon läuft der Strom in den Umzäunungen und die Posten sind aufgestellt.“ Der Strom lief, im Osten, im Westen und unter unseren Füßen, Blasen stiegen auf, es begann nach Schwefel zu riechen, aber lange haben wir uns ein Düftchen unter die Nasen gesprüht und weitergemacht. Und dann kamen die Krisen von allen Seiten näher und näher, herangeweht wie saurer Regen, der Wind steht nun richtig. Die Krisen tränken den Boden, aus dem das Unmenschliche sprießt, unseren Boden. Und jetzt stehen wir da und verstehen nicht, was haben wir falsch gemacht?
Was haben wir falsch gemacht? „Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird“, warnte Günther Eich früh genug, „Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet“, denn ein Frieden – und vielleicht ist es das, was wir nicht verstanden haben –, ein Frieden ist keine Epoche, ein Frieden ist kein Denkmal, das für immer weiß und marmorn in unserem Garten steht, „Seid unbequem“, so endet sein Gedicht, „seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“, ein Frieden wäre das Wertvollste und das Schützenswerteste. Seid unbequem. Dafür ist es nie zu spät.
