Der Irrsinn hat einen Wert – 137

von 42er

Ein Roadmovie durch die Psychopathologien des Lebens

Die 42 ist die Antwort auf die endgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Eine 42erAutorin hat das in Fleisch und Blut – den Wahn-Sinn. Eine andere Zahl soll dasselbe können – zum Sinn des Lebens führen. Und auch zum Wahn-Sinn. An der Novelle „Das Geheimnis der 137“ von Markus Becker konnte ich deshalb nicht vorbeigehen. Ein Trip durch die Irrealitäten einer Psychiatrie und einer Stadt, der den eigenen Verstand auf die Probe stellt und doch auf einem echten physikalischen Mysterium basiert.

Die Antwort auf das Universum soll in der Zahl 137 verankert sein und bringt wohl ganz ernsthaft Physiker um den Verstand. Sie ist bekannt als Feinstrukturkonstante Alpha, spielt in der jüdischen Zahlenmythologie Kabbala eine Rolle, verbindet Quantentheorie und Relativitätstheorie miteinander. Da steigt mein Hirn bereits aus, und das ist gut so. Denn der Protagonist Robert Mann landet deswegen in der Psychiatrie. Eine Reise ins Innere der menschlichen Gedankenkonstrukte beginnt.

Schon zu Beginn warnt ihn ein Tischnachbar vor anderen Mitpatienten. Sie seien nicht ganz richtig im Kopf. Der Leser mäandert mit Robert durch den Alltag einer Klinik. Während er mit seinem eigenen Geisteszustand kämpft, flüstert ein anderer Robert ins Ohr, dass er ihn kenne, ihn beobachte und seine Gedanken höre. Ein weiterer beschreibt den Angriff bei Nacht durch Dämonen, ein dritter begrüßt ihn in den sakralen Räumen eines Klosters. Robert unterhält sich mit allen wie mit Menschen außerhalb dieser Mauern, interessiert, höflich und doch distanziert. So reiht sich, wie bei den Märchen in 1001 Nacht,  eine Geschichte nach der anderen in das Bewusstsein des Lesers, man erwartet eine mystische Komponente, eine Auflösung, einen Eklat. Doch Becker lässt die Wirklichkeiten stehen, wie Monumente am Wegesrand, die den Protagonisten durch seine eigene Besessenheit begleiten.

Irgendwann flüchtet Robert mit Mitpatientin Klara, will nach Indien, um dort einen genialen Physiker um Antworten zu bitten. Sie kommen bis Kassel. Und wie vorher die Geschichten der Patienten seinen Weg begleiteten, säumen nun die Sehenswürdigkeiten der schlichten Stadt ihre Reise, gepaart mit nebensächlichen, alltäglichen Verrichtungen. Einer wird diesen Roadtrip nicht überleben. Bei einem anderen wird sich die Wirklichkeit von Roberts 137 in die Träume einfräsen. Und man kommt nicht umhin zu denken, dass der Autor ganz genau weiß, von was er schreibt.

Ulrike Maier