Der mutmaßlich kleinste Biergarten der westlichen Welt

von 42er

Im Ruhrgebiet genügt es, vier bis sechs Tische vor ein Lokal oder aber in dessen kleinem Hinterhof aufzustellen, um dieses Arrangement „Biergarten“ zu nennen. Es nimmt also nicht wunder, dass Menschen, die in Bayern beheimatet sind, sich in der Regel angesichts einer solchen Hochstapelei vor Lachen biegen.

Den mutmaßlich kleinsten Biergarten der westlichen Welt findet man aber wohl in meiner Stadt, in der Straße, durch die ich regelmäßig gehe – auf dem Weg zu meinem Literaturdealer oder zum Türken, oder zum Burgermann oder dem Bioladen. Dort findet man zwischen den Vorgärten der meist dreigeschossigen Wohnhäuser einen schmalen gepflasterten Platz vor einer kleinen Kneipe, deren Tür nicht breiter ist als die Haustüren links und rechts; daneben ein Fenster, das genauso gut zu einer Küche oder einem Kinderzimmer gehören könnte, darunter ein kleines blaues Schild, das den Außenbereich davor als „Biergarten“ ausweist.

Die Freifläche bietet Platz für zwei Stehtische und einen kleinen viereckigen Tisch – fünfzig Zentimeter im Quadrat – oder für einen Stehtisch und zwei kleine viereckige Tische … Also, wenn man nahe zusammenrückt, aber da ist der Ruhrpöttler sowieso ziemlich schmerzfrei, und die Gäste, die hier versammelt sind, kennen sich eh alle, und Wirtin und Wirt sitzen meist ebenfalls in der fröhlichen Runde, stehen höchstens mal auf, um eine neue Runde zu zapfen. Für mich ist da also ohnehin kein Platz. Was sollte ich auch hier? Den immer gleichen Geschichten über Willi und Ecki zuhören?

Ich könnte mich natürlich auch einfach an den Stehtisch stellen und Wasser oder Cola trinken (denn dass auch normaler Kaffee hier nicht unbedingt lecker ist, wurde mir neulich klar, als ich Gisela, die Wirtin, schallmaien hörte: „Cappuccino wollte die feine Dame!“.)

Und während ich dann da am Stehtisch stehen und Wasser trinken würde, könnte ich die wenigen Menschen beobachten, die hin und wieder auf dieser oder der gegenüberliegenden Straßenseite vorübergehen, und mit ihnen irgendwelche Geschichten verknüpfen. Der Mittsechziger mit dem weißen Pferdeschwanz, der mir regelmäßig begegnet, böte sich an. Und vielleicht die Frau mit den Locken (ich schätze sie auf Ende Fünfzig), die ein liebes Gesicht hat, aber immer etwas müde wirkt. Ja, das ginge vielleicht.

Ich stelle mich also doch nicht an den Stehtisch, sondern gehe stracks nach Hause und skizziere in meinem Notizbuch:

„Das wird nix werden, dachte sie sofort, als er das erste Mal das Wort ergriff. Sie hatte in ihrem Rücken nicht weniger als dreimal ein Feuerzeug klicken gehört und ihre Tischwahl schon bereut, da der Wind den Zigarettenrauch beharrlich zu ihr herüberwehte. Aber das Leben der Frau hinter ihr war so bewegt gewesen, wenn auch nicht unbedingt im Guten. Sie hatte erzählt, von Fehlgeburten, Frühgeburten, zwei Ehemännern – beide untreu. Nun erwiderte er: ‚Bin 15 Jahre zur See, is mir meine Alte durchgebrannt – mit ´nem andern.‘ Seine Stimme klang, als sei sein Kehlkopf schon so hinüber, dass ihm das Rauchen vermutlich auch nicht mehr schadete, dachte sie. Das wird nix werden mit den beiden, wusste sie, während sie auf der Terrasse des Eiscafés ihren Coup Danmark löffelte.

(Merke: Nächste Begegnung mit der Frau: Supermark, nächste Begegnung mit Mann: Schwimmbad)“

Ihre

Paula Lankow