Ein Märchen aus der Schweiz
Ehemals, als die Handwerksburschen noch auf die Wanderung gehen mussten, bevor sie sich als Gesellen fest bei einem Meister verdingen konnten, da kam einer von ihnen in der schönen Schweiz bei einer Herberge an, und hatte weder Heller noch Pfennig in seinem Beutel. Ein paar Tage blieb er dort, aß gut und schlief recht, und mochte sich nicht bequemen, den Abschied zu nehmen.
»Hört, guter Freund«, sagte eines Tages der Wirt zu ihm, »Ihr seid wohl jetzt nicht mehr müde, also seid so gut und macht Euch morgen früh auf die Strümpfe. Hier ist eure kleine Rechnung.«
Dem Burschen überlief es heiß und kalt und er sagte: »Morgen ist auch noch ein Tag, wartet bis dahin noch mit der Rechnung.«
»Gut«, sagte der Wirt, »aber nehmt Euch in Acht vor der Herberge zum Schwarzen Turm. Dahin bringt man bei uns die Leute ins Quartier, die mehr essen und trinken, als sie zahlen wollen.«
In der folgenden Nacht konnte der Handwerksbursche nicht einschlafen. Er wälzte sich hin und her vor Angst und Sorgen darüber, was er am Morgen dem Wirt sagen sollte, denn zahlen konnte er ja nichts. Da stand mit einem Mal eine schwarze Gestalt an seinem Bett und gab sich ohne Weiteres als der Teufel zu erkennen. »Fürchte dich nicht, mein lieber Geselle«, sagte er schmeichelnd. »Brätst du mir die Wurst, so lösch‘ ich dir den Durst; willst du mir zu einer Seel’ verhelfen, so will ich dich aus deiner Klemme ziehen.«
»Und was verlangst du?« fragte der Handwerksbursche. »Nur sieben Jahre«, sagte der Teufel, »die sollst du hier in diesem Wirtshaus bleiben. Ich will dich freihalten und dir Geld in Hülle und Fülle geben. Du sollst die ganze Zeit über immer Geld haben wie Laub im Herbst. Dafür sollst du dich aber weder waschen noch kämmen und dir auch Haar und Nägel nie schneiden.«
»Der Dienst ist schon des andern wert«, dachte der Handwerksbursche und schlug in die Pranke des Teufels ein.
Am anderen Morgen, als der Wirt mit skeptischen Augen in die Kammer des Burschen trat – den Knüttel hatte er draußen schon vor der Tür deponiert –, zahlte ihm dieser zu seiner Verwunderung alles auf Heller und Pfennig aus und legte noch einen Überschuss dazu. Außerdem sagte er, dass er noch auf Weiteres bleiben wolle, was dem Wirt nun recht war.
Der Handwerksbursche blieb über Jahr und Tag in der Herberge und ließ Geld draufgehen wie Sand am Meer. Doch er wurde mit der Zeit wüst wie die Nacht und kein Mensch mochte ihn ohne Schaudern ansehen.
Da kam an einem schönen Morgen der Nachbar, ein Kaufmann und klagte dem Wirt sein Leid. Er hatte drei bildschöne Töchter. Aber weil er sich in seinen Geschäften schlimm verrechnet hatte, wusste er nicht mehr aus und ein.
»Hört«, sagte der Wirt, »Euch kann geholfen werden. Da droben in meiner Fremdenstube wohnt schon mehr als sechs Jahre ein sonderbarer Kerl. Der lässt wachsen, was an ihm wächst und er sieht aus wie die Sünde, doch hat er Geld wie Heu und lässt sich nichts abgehen. Probiert’s mit dem; ich habe ohnehin schon lang gemerkt, dass er oft nach Eurem Haus hinüberschaut. Wer weiß, ob ihm nicht eine von Euren Töchtern gefällt.«
Schweren Herzens ging der Kaufmann zu dem Burschen hinauf, ließ sich von seinem Aussehen nicht verdrießen und kam bald mit ihm zu einem Vertrag. Der Handwerksbursche würde ihm aus den finanziellen Nöten helfen und bekäme dafür eine von seinen Töchtern zur Frau. Als er frohen Herzens mit dem Burschen zu seinen Töchtern kam, war es mit der Freude schnell vorbei.
»Pfui, Vater«, rief die Älteste, »was für ein Ungeheuer bringst du uns ins Haus! Lieber will ich ins Wasser gehen, ehe ich den heirate.«
»Pfui, Vater«, rief die Zweitälteste, »was für ein Scheusal bringst du uns ins Haus! Lieber häng‘ ich mich auf, ehe ich den heirate.«
Die Jüngste aber sprach: »Es muss doch ein braver Mann sein, Vater, dass er dich retten will, ich nehm‘ ihn.« Sie hielt ihre Augen immer zu Boden geschlagen und sah ihren Bräutigam gar nicht an; aber er hatte ein großes Wohlgefallen an ihr, und die Hochzeitsfeier wurde festgelegt.
Doch an jenem Tage waren auch die sieben Jahre um, die der Teufel sich ausbedungen hatte. Am Hochzeitsmorgen fuhr eine prächtige Kutsche, die von Gold und Edelsteinen funkelte, beim Haus des Kaufmanns vor. Heraus sprang der Handwerksbursche als feiner junger Herr, Haare und Nägel geschnitten, frisch gewaschen, gekämmt und sauber gekleidet. Der Braut fiel ein Stein vom Herzen, sie hätte ihn auch anders genommen, um des Vaters willen, aber so gefiel er ihr besser. In einem langen Zug ging es zur Kirche, denn die Verwandtschaft des Kaufmanns und des Wirts war eingeladen. Nur die beiden älteren Schwestern der glücklichen Braut fehlten. Sie hatten sich aus Ärger selbst entleibt, so wie sie es gesagt hatten. Die eine war ins Wasser gegangen, die andere hatte sich erhängt.
Als der Bräutigam aus der Kirche kam, da sah er den Teufel auf einem Dach sitzen. Zufrieden lachte dieser zu ihm herunter:
»Weißt, Schwoger, eso cha’s cho:
Du hest Eini und i ha Zwo!«
Nacherzählt von Horst-Dieter Radke
Quelle: Otto Sutermeister
Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz,
Aarau, 1869
