Ein Sittenbild aus dem späten 19. Jahrhundert
In den frühen Nachmittagsstunden war im großen Biergarten von Lemkes am Schöneberger Ufer wenig los. Höchstens vereinzelt saßen Gäste dort, meist solche, die bei einem Spaziergang unversehens auf diesen schönen Biergarten gestoßen waren und ihn nun doch nicht ohne auszuprobieren auslassen wollten. Meistens blieben sie dann länger, denn je weiter der Nachmittag fortschritt, umso mehr füllten sich die Plätze und das zunächst leise Summen der Gespräche schwoll an zu einem lauten Brummen, das durch den ganzen Garten zog.
An dem Tisch unter der Kastanie saß gewöhnlich eine Schar älterer Damen, von Lemkes und Onkel Karl mit »Strickkränzchen« tituliert. Sie ließen fleißig ihre Nadeln klappern und schlossen ihren Mund allenfalls, wenn sie ein Stück Sahnetorte hineingeschoben hatten oder sich an der großen Kaffeeportion stärkten.
Gerade dieser Tisch des Strickkränzchens war es, der unter aufmerksamer Beobachtung der Lemkes stand, denn dort hatte sich bereits am frühen Nachmittag ein junger Mann abgesetzt und nicht vertreiben lassen. Er war sauber gekleidet, wenn auch nicht nach neuester Mode, hatte eine dicke Kladde vor sich hingelegt, einen Kaffee bestellt und allen Vorhaltungen, dass dies ein Stammtisch sei, ignoriert und wiederholt mit »Sitzt ja keiner hier« im schönsten Hochdeutsch beantwortet. Selbst Onkel Karls Vorhaltungen und Verweise auf den Nachbartisch wies er mit einer schlichten Handbewegung ab. Er hatte nach oben geschaut, wo der leichte Wind durch die Baumkronen fuhr und die Blätter ein wenig auseinandertrieb, sodass die Sonnenstrahlen Eingang durch das Gewirr der Blätter und Äste fanden, wenn auch jedes Mal nur kurz. »Es ist so schön hier«, hatte er gesagt, sich dann wieder auf die Kladde konzentriert und mit einem dicken Bleistift angefangen etwas hineinzuschreiben.
»Ick gloob, det is’n Dichta«, gab sich Onkel Karl wichtig.
»Watte nich sachst«, konterte Frau Lemke, die auch kein Auge von dem jungen Mann lassen wollte, denn er gefiel ihr ausgesprochen gut.
»Wat machen wa aba, wenn det Kaffekränzchen kommt?«, wollte Herr Lemke wissen.
»Det weeß ick ooch nich«, sagte Frau Lemke. »De wern sich alleene ßu helfen wissen.«
»Oda ick jeh bei det Strickkränzchen und schmeeße mit Steene«, sagte der Bub Erwin, der gerade hinzugetreten war.
»Die werden ooch nich jrade iba den Dichter erfreit sind«, zweifelte Herr Lemke.
»Ick hab Hunga«, trug Erwin zur Diskussion bei.
»Jeh in die Kiche und laß dia von Minna ne Stulle geben.«
Erwin zog ab und die Aufmerksamkeit von Onkel Karl und Herrn Lemke wurde von den Rufen neuer Gäste abgelenkt. Sie sahen daher zunächst nicht, wie die erste der Strickdamen ankam, sich irritiert, aber ohne etwas zu sagen, auf den von dem jungen Mann entferntesten Platz setzte. Dieser schien sie nicht zu bemerken. Frau Lemke aber beobachtete alles. Ohne dazu aufgefordert zu sein, brachte sie der Dame einen Kaffee, um so die Gelegenheit zu bekommen, den jungen Mann aus der Nähe zu betrachten.
»Kann ick ihnen noch wat Jutes tun?«, fragte sie in seinem Rücken. Der junge Mann wies ohne aufzusehen auf die leere Kaffeetasse. »Noch einen Kaffee, bitte«. Frau Lemke nahm wortlos die leere Tasse, beugte sich ein wenig vor und linste in die Kladde. Viel sehen konnte sie nicht, weil der junge Mann seinen Arm halb drüber hielt.
»… aber dat sind richtje Jedichte, dia schreibt«, berichtete sie Onkel Karl, der gerade mit einem Tablett voller Weiße-Gläser aus der Schankstube trat.
»Ha ick’s nich jesacht«, lachte dieser und verschwand im weitläufigen Biergarten.
Als sie mit dem Kaffee wieder am Tisch erschien, waren zwei weitere Damen eingetroffen, die nun zusammensaßen und tuschelten. Als Frau Lemke auch die Kaffeetasse vo dem jungen Mann abgestellt hatte, trat sie zu den Damen.
»Der soll wech da«, sagte die alte Berta, »det is unsa Stammtisch.«
»Habt ihr mit ihm jesprochen?«, wollte Frau Lemke wissen.
»Der guckt nur inne Bäume und sacht, det is scheen hier«, erwiderte Annegret und wies mit ihrer Stricknadel auf den jungen Mann, der scheinbar keine Kenntnis von den Damen nahm.
»Ihr könntet heut ma annen Nachbatisch …« wollte Frau Lemke vermitteln, doch zeigte ihr das dreifache energische Kopfschütteln, dass dies kein annehmbarer Vorschlag war. Achselzuckend ging sie los, zwei neue Kaffees zu holen. Als sie zurückkam, waren vier weitere Damen eingetroffen und Clarissa, die mit ihren neunundfünzig Jahren Jüngste der Strickrunde, hatte sich zu dem jungen Mann gesetzt, der ihr seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken schien, während die anderen die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Frau Lemke setzte die Tassen ab und überlegte eifersüchtig, ob sie Clarissa von dem jungen Mann fortholen sollte. Da stand diese schon auf, wandte sich zu den anderen um und sagte: »Det is Julius Hartmann«. Der junge Mann erhob sich und verbeugte sich in Richtung der Damen, was diese wohlwollend anzuerkennen schienen, wie Frau Lemke erbost feststellte. »De Jul… äh … Herr Hartmann is Schriftsteller. Un er vasichat, dat er sich durch uns nicht jestört fühlt bein Schreiben.«
Jetz jibts Krach, dachte Frau Lemke und hielt sich bereit, so viel Geschirr wie möglich zu retten. Doch die Damen lachten, verteilten sich nun räumiger am Tisch und nahmen den jungen Mann sozusagen in ihre Mitte. Man rief nach Kaffee und Sahnetorte, die alte Berta bestellte auch ein Stück für den jungen Dichter, der abwinkte, aber gegen Bertas robustes Beharren auf die Bestellung nichts ausrichten konnte.
»Det ha ick nonich alebt, Onkel Karrel«, sagte Frau Lemke zu Karl, als dieser mit einem Tablett leerer Gläser erschien. »Sonst is annen Tisch vonnet Strickkränzchen immer nua son leiset Jetuschel un nu lachen se lauter als de Aptheka und der Professa da hinten.«
Onkel Karl linste hinüber, grinste ein wenig und sagte: »Jenfalls trinken se ooch mehr als sonst. Seh icke da nich een paar Weiße stehn?«
Und so war es. Als das Strickkränzen und der junge Mann am Abend Lemkes Biergarten verließen, der junge Mann, wie es schien, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen und im Arm untergehakt bei Clarissa, da betrug die Rechnung, die am Tisch des Strickkränzchens erhoben wurde das Dreifache des sonst üblichen Betrages. »Trotzdem«, murmelte Frau Lemke, »schade isset um den jungen Mann. Musste der sich jrade zu den alten Frejatten setzen?« Doch da sah sie etwas, was sie zusammenzucken ließ. Schnell lief sie zu dem Tisch und ja, sie hatte richtig gesehen, der junge Mann hatte seine Kladde liegen lassen. Aufgeschlagen lag sie etwas schräg geschoben auf der Tischplatte und das halbfertige Gedicht wurde durch einen frischen Kaffeefleck noch aufgewertet. Frau Lemke schlug das Buch zu und grinste siegesgewiss. »Der wird wiederkommen missen«, jubelte sie still für sich, drückte das Buch an ihren Busen und verschwand im Haus.
aufgeschrieben von Horst-Dieter Radke
mit stiller Duldung von Erdmann Graeser
(jedenfalls hat er nicht widersprochen).
