Von Paula Lankow
Die Kälte hatte den Tag beherrscht. Ich war durch ihn und die Stadt gehetzt, um nicht länger als notwendig draußen zu sein. Zwei Obdachlose saßen zitternd unter den Arkaden des Kirchenforums. Ich hörte eine ältere Dame die beiden fragen, was sie ihnen Heißes bringen könne. Wir teilten uns die Kosten für heißen Tee „to Go“ und Nussecken aus dem nahe gelegenen Café und trugen jeder einen Becher und etwas Gebäck zu den Männern, die einen gewissen Abstand zueinander hielten. Dann eilte ich weiter südwärts aus der Stadt hinaus, durch den winzig kleinen Park, der ganz in meiner Nähe liegt, und heim in die warme Wohnung.
In der folgenden Nacht ging ich wieder durch den kleinen Park. Es war helllichter Tag, denn ich träumte ja nur. Auf der Bank, an der ich so oft vorbeigehe, saß eine Jacke. Ja sie saß da, die Ärmel locker über die Rückenlehne gelegt. Ich blieb stehen und starrte sie an. Sie erinnerte mich ein bisschen an eine der Winterjacken meines Vaters, die wir vor zwei Jahren zur Kleiderspende gebracht hatten. Wer vergaß bei dieser Kälte seine Jacke im Park?
„Was glotzen Sie so?“, fragte sie mich.
„Ich, ich …“, stotterte ich ratlos.
„Gehen Sie weg. Kommen Sie wieder, wenn Sie nicht mehr so stumpf glotzen.“
„Bizarr!“, dachte ich, als ich aufwachte. Ich tastete nach meinem Handy, das neben dem Bett auf dem Fußboden lag, und schaute auf die Zeitangabe: Es ging auf Mitternacht.
Also schloss ich die Augen, war wieder in dem kleinen Park und ging weiter, etwas unsicher, ob ich nicht höflicher zu der Jacke hätte sein sollen. Sie so anzustarren, war wirklich nicht die feine Art. Ich hätte sie vielleicht etwas fragen sollen, aber was?
Da fiel mir auf der Abdeckung eines der Papierkörbe, die so zahlreich im Park aufgestellt sind, eine kleine graue Statuette auf. Sie war aus Beton gefertigt, trug einen weiten, fein gearbeiteten Betonrock, ein zierliches Betonmieder und hielt einen Betonkrug in ihren Betonarmen. Allein ihr fehlte der Kopf. Ich betrachtete die kleine kopflose Figurine, die mir auf einmal entsetzlich leidtat. Sie beschwerte sich nicht. Wie hätte sie das auch tun sollen, ohne Kopf, ohne Mund?
Als ich erwachte, empfand ich immer noch dieses tiefe Mitleid. Mitternacht war gerade vorüber und ich versuchte weiterzuschlafen, aber immer wieder schreckte ich auf. Mal hörte ich ein gleichmäßiges Schlagen, mal ein dunkles Ticken, das immer, wenn ich die Augen aufriss, verstummte. Irgendwann aber war da kein Schlagen und kein Ticken mehr, sondern nur eine recht große flauschige Spinne. Und obgleich ich eher eine Phobikerin bin, wenn es sich um Tiere mit mehr als sechs Beinen handelt, hatte ich überhaupt keine Angst, sondern betrachtete sie gelassen.
Die Spinne hatte die Farben einer Glückskatze, sah mich aus großen dunklen spinnenuntypischen Augen an, drehte sich schließlich langsam um, und begann vor mir her aus meiner Wohnung zu krabbeln. Ich folgte ihr und war sofort wieder in dem kleinen Park. Auf einer alten Holzbank saß der Obdachlose, dem ich tags zuvor Tee und zwei Nussecken unter die Arkaden des Kirchenforums gebracht hatte. Er hatte die Augen geschlossen und hielt die kleine kopflose Betonfigurine im Arm. Ich sah mich um, aber die Spinne war verschwunden.
Ich lief den sandigen Weg hinauf zu der Bank, auf der die leere Jacke gesessen hatte. Sie saß immer noch dort. „Entschuldigung?“, fragte ich etwas außer Atem. Die Jacke sah mich an, aber ich wusste nicht, wie sie das ohne Augen anstellte.
„Ja?“
„Entschuldigen Sie, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ein alter Mann Sie anzöge?“
„Überhaupt nicht“, lächelte die Jacke. Ich wusste nicht, wie sie das anstellte, ohne Mund.
Da nahm ich die leere Jacke behutsam von der Bank und trug sie zu dem Obdachlosen. Sie wurde sofort ganz schlaff in meinen Armen, und erst, als der alte Mann sie sich übergezogen hatte, nahm sie wieder Form an.
„Ich bin Martin“, sagte der Mann. Er griff in die Tasche des Mantels und zog den Kopf meiner alten Barbiepuppe hervor. Ich erkannte ihn an den unregelmäßig abgeschnittenen Haaren. Martin steckte seine Zungenspitze in das kleine Loch, in dem einmal der Puppenhals gesteckt hatte. „Mit Spucke kriegste alle hin“, sagte er und stülpte den Kopf auf den Hals der Figurine, die sofort aufhörte, so betongrau zu sein.
Als ich die Augen aufschlug, war es immer noch dunkel. Ich stellte fest, dass nicht viel Zeit vergangen war. In Perth musste es jetzt kurz vor halb acht sein.
„Hallo Martin, ruf mich an, falls Du schon wach bist“, tippte ich.
Drei Minuten später klingelte mein Handy. „Hallo Schwesterchen, was hast du dieses Mal kaputt gemacht?“, fragte Martin lachend.
„Das weiß ich nicht“, erwiderte ich wahrheitsgemäß, „aber … du könntest es ja eh nicht richten, drüben in Perth.“
„Nein, aber ich könnte heimkommen.“
„Könntest du das?“
„Noch nicht, aber bald vielleicht.“
„Okay“, erwiderte ich. „Ich gehe so lange den Park fegen“.
„Mach das!“
In den frühen Morgenstunden stand ich auf, nahm einen Besen und begann den kleinen Park zu fegen.
