Ein Fest wie eine Veste (Teil 2)

von 42er

Eine Lesung, so berührend, so traurig, so wegweisend

Eigentlich hätte das schon gereicht, die Übertragung des Events live im Fernsehen, das Wiedersehen mit alten und neuen Bekannten, die Herzlichkeit und die Aufgeregtheit. Für das ganz besondere Gefühl, für diesen spektakulären Moment und die Nähe unter den Menschen vor Ort. Aber manchmal passieren die Wunder und Wenden erst dann, wenn das Fernsehen weg ist.

Der Übergang war fließend und die fantastische Beate Paul moderierte über die unruhigen Momente souverän hinweg. Als Michael Höfler zu lesen begann, wurde noch übertragen, mit Schirm und Sturmmikro, bei strömendem Regen. Mit seinen „urehrlichen Texten“ bekommt das Skurrile nicht nur einen Namen, sondern auch ein Gesicht. Stoisch blickt Michael nach vorne, da tut sich wirklich nichts an Mimik. Und in den Gesichtern der Leute sieht man diese eine Frage aufblitzen: „Hä?“ Und es kam lange Zeit auch kein nacktes Zebra vor. Wir haben uns weggeschmissen vor Lachen. Wer jetzt gar nicht weiß, um was es geht, hat das genau richtig interpretiert und muss in Michaels Podcast reinhören.

Die wunderbare Christine Siebert, die nach Jahren der Mitgliedschaft sich endlich und ganz allerherzlichst persönlich vorstellte, erzählte die autobiografisch gefärbte Geschichte „Vater, Mutter, Kind“ über eine Mutter mit Demenz, sensibel, humorvoll, berührend. Sie traf auf unerwartet viele Menschen, die genau wussten, wovon sie spricht. Das war noch auf Sendung, dann verschwand der rbb mit lautem Getöse.

Verpasst haben sie Holger Willenberg, der in einer absoluten Scheunenlesungspremiere seine Gedichte vertonte. Er spielte Gitarre und sang, mit einer Stimme, rauchig, unheimlich, fast fremd, verstörend wie die Texte, gespenstisch verrätselt und bedrohlich; wir bekamen Gänsehaut beim Totentanz. Spooky und großartig.

Und dann kam Tom Liehr, der halt diese Tom-Dinge macht, die nur bei ihm funktionieren, und eine kleine Sensation ereignete sich. Zur Erinnerung: Wir befinden uns in Nordbrandenburg und fast die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich von einer Partei verstanden, die menschenverachtende Dinge von sich gibt. Es hätte provokant wirken können, einen Text vom Ende einer Freundschaft vorzulesen, weil der Ich-Erzähler bei einem paradiesischen Fest plötzlich feststellt, dass sein Kumpel aus Kindertagen Nazi ist. Aber diese Geschichte trägt Tom mit einer Verzweiflung und Authentizität vor, dass ihm spontan fremde Menschen um den Hals fallen. Als wäre ein Bann gebrochen, als hätten alle nur darauf gewartet, auf diesen verzweifelten Aufschrei, bei dem „einer zwar versteht, aber kein Verständnis hat!“ Und plötzlich kommen ganz viele aus der Deckung, verlässt keiner, wie vorher befürchtet, die Hütte, und falls es Gegenstimmen gegeben hätte, man hätte sie nicht gehört. Und so herum kann es ja auch mal laufen.

In diesen wunderbaren, nachhallenden Moment musste, nein, wollte ich den Nachruf auf eine streitbare, aber zutiefst herzliche Putlitzerin und Freundin unseres Vereins vorlesen, Ulla Berndt. Mittags waren wir noch an ihrem Grab, mit weißen Rosen am kleinen Grabstein. Der allererste Satz war raus und bei mir flossen schon die Tränen. Und beim allerletzten Satz heulte dann auch der bärigste, stärkste und stimmgewaltigste Mann, den ich kenne, der Bürgermeister von Putlitz. Und auch das ist eine kleine Nebensensation, getriggert und getragen von den vielen emotionalen Momenten vorher.

Durchatmen konnten wir, als Eberhard Waehlan seinen Platttext mit einzigartiger Melodie vortrug. Wir verstanden kein Wort, also überhaupt gar nicht, während die Putlitzer sich schepps lachten. Wir brauchten aber auch gar nicht zu verstehen, weil die Atmosphäre so stimmig war, so beseelt, dass wir es einfach genossen, wie unsere Putlitzer Freunde ihre Freude hatten.

Als hätte es der Tränen nicht genug gegeben, nahmen wir textlich noch von unserem lieben Freund und Märchenerzähler Amos Ruwwe Abschied.

Ein weiterer ganz großer Moment. Beate Paul, und jetzt müssen einfach Superlative ausgesprochen werden, die Projektmanagerin, Finanzexpertin, das Organisationsgenie und die Toppmoderatorin, las nun auch noch eine skurille Geschichte vor, aus der Feder von Amos, von verschiedenen „Strandtypen“ in vielerlei Hinsicht. Ein lustiger Text, aber eine Lücke, die sich im Verein und in der Seele auftut, ein weiterer Abschied und eine unbeschreibliche Trauer, auch sie hallt nach. Danke Beate, dass Amos doch irgendwie da war.

Kaum waren die Tränen getrocknet, holte uns Achim Friker wieder mit einer Art Märchen „Prinzessin Rühmkorf“ auf den Boden der Tatsachen, und auch hier blieb kein Auge trocken, allerdings vor Lachen.

Nachdenklich endete es mit unserer Jüngsten, Sophie Kamann, die mit ihrer wunderbaren, unbeschwerten Jugendlichkeit eine Leichtigkeit in den Raum brachte, die sich allerdings nicht in ihren Texten spiegelt. „Schrödingers Katze“ als Metapher für die Tragik einer Aufarbeitung oder eben einer Nichtaufarbeitung. Berührend und erschütternd.

Von Verlusten und Verrücktsein, von Spinnern und Menschen, die sich die Seele aus dem Leib lesen, geprägt von den kleinen Wundern, die zu ganz großen werden, von Wendungen, die Haltungen neu justieren, von großen Gefühlen und kleinen Meilenstein, das war der Lesungsabend in der Scheune 2026.

Und ja, ich will die großen Bilder für diesen Augenblick bemühen:

Ein Bollwerk der Menschlichkeit. Eine Fest wie eine Veste.