Ein frühsommerlicher Friedhofsspaziergang im Allgäu

Kennen Sie Oberreute?

Okay, dann haben Sie mir etwas voraus. Ich kannte den Ort nicht, bis ein Freund dorthin zog, um seine Zeit nach dem Berufsleben in ruhiger Umgebung zu verbringen. Ganz ruhig ist es aber nicht immer, wie ich feststellte, als ich ihn das erste Mal dort besuchte. Er wohnt direkt gegenüber der Kirche. Das stündliche Glockenläuten ist alles andere als leise.

Um die Kirche herum ist ein kleiner Friedhof angelegt, und ein sonniger Sonntagmorgen lädt geradezu ein, einmal dort herumzugehen und die Gräber und Namen anzuschauen. Nach einer Zweidrittelumrundung stand ich vor einem Grab, das mich ins Grübeln brachte.

Kennen Sie Gunter Steinbach?

Sehen Sie, jetzt habe ich Ihnen etwas voraus. Der Name sagt mir zumindest etwas. Gunter Steinbach (* 1938) war ein Autor, der in den zwei letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts recht populär war, zumindest im Bereich Naturkundesachbuch. Er hat die Reihe „Steinbachs Naturführer“ im Mosaik Verlag München herausgegeben, die sehr verbreitet war. Heute müssen die Titel dieser Reihe allerdings im Antiquariat gesucht werden.

Sehr beliebt war auch sein Kinderbuch „Ein Tag auf dem Bauernhof“. Vielleicht lag das auch bei Ihren Kindern auf dem Boden des Kinderzimmers, wo sich Bilderbücher am besten studieren lassen.

Gunter Steinbach war nicht nur Buchautor und Herausgeber, sondern auch aktiver Naturschützer und betrieb biologischen Gartenbau. Im August 2002 starb er. Seine Tochter führt in Oberreute einen Pferdehof: den Steinbachhof.

Nach meinem Friedhofsrundgang im Alleingang spazierten wir in die weitere Umgebung, kamen in ein kleines Hochmoor, fanden und kosteten dort Preiselbeeren, den möglichen Fuchsbandwurm tapfer ignorierend, und passierten später die Grenze nach Österreich. In einem kleinen Gasthof mit wunderbarem Blick auf die ersten Alpengipfel durften wir uns dann einen Preiselbeerschmarrn teilen.

Wie, nun sind sie sauer, weil Ihnen das Wasser im Mund zusammenläuft? Sie kennen doch spätestens jetzt Oberreute. Fahren Sie hin und machen Sie die kleine Wanderung – vier Stunden hin und zurück. Damit verdienen Sie sich den Schmarrn und laufen ihn sich auch wieder ab. Und vielleicht schauen Sie dann auch mal auf dem Friedhof bei Gunter vorbei.

 

Friedhofsspaziergänge sind immer wieder interessant. Man stößt unversehens auf Gräber, die zum Nachdenken und Erinnern anregen.

Bis zum nächsten literarischen Friedhofsspaziergang

Ihr Horst-Dieter Radke