Ein guter Mensch

Von Paula Lankow

Gottlieb sei ein guter Mensch, heißt es. Es wird wohl stimmen.

„Er wird nicht nur von Gott geliebt“, sagt Pfarrer Seliger (schließlich liebe Gott alle seine Kinder), „sondern auch von allen Menschen, die ihn kennen.“

Aber niemand weiß so recht, ob den Worten des Pfarrers Glauben zu schenken ist, scheint er sich eher aufgrund seines Namens als wegen eines tiefen Glaubens zu seinem Amt berufen zu fühlen. „Einem Pfarrer mit Namen Seliger kann man doch nur vertrauen!“, pflegt er zu sagen, weshalb viele seiner Schäfchen seinen Predigten mit einer gewissen Skepsis lauschen. Doch das ist eine andere Geschichte. Denn letzten Endes sind sich ja doch alle einig: Gottlieb ist ein guter Mensch.

Nun gut, vielleicht nicht alle. Zumindest Frau Liese Hagebusch aus dem Erdgeschoss äußerte schon einmal Zweifel. Eigenartig sei der Mann ja doch, mit dem vielen abendlichen Besuch von jungen Menschen, sehr oft junge Frauen, aber auch junge Männer, mitunter in Grüppchen. Irgendwie sei das doch sonderbar für einen Mann in seinem Alter. Ja, ja, Nachhilfe in Mathe! So viel Nachhilfe könne ja keiner geben. Und von wegen umsonst und so, sie wolle gar nicht wissen ,,.

Ausgerechnet aber Liese Hagebusch war es, die in jener Nacht vom 28. auf den 29. Dezember, an seine Tür klopfte, um seine Güte zu erbitten. Wir verzeihen Gottlieb den tiefen Seufzer, den er ausstieß, als er sich schwer aus seinem Sessel erhob, um in den Flur zu schlurfen. Der Tag war anstrengend gewesen.

Obwohl er doch eigentlich Urlaub hatte, rief morgens um sieben seine Kollegin Nora Bender ganz aufgeregt an, das wäre ihr schrecklich ihn bitten zu müssen, aber ob er nicht für zwei Stunden für sie einspringen könne. Ihr Vater sei des Nachts ins Krankenhaus eingeliefert worden, und es sei noch eine Berechnung für ein neues Versicherungsmodell (Gottlieb ist Versicherungsmathematiker) dringend abzuschließen. Weil Nora Bender selbst ein herzensguter Mensch ist und stets bereit einzuspringen, wo immer Hilfe gebraucht wird, sagte Gottlieb gerne zu. Sie verspätete sich um eine knappe halbe Stunde, entschuldigte sich vielmals, beteuerte aber dem besorgten Gottlieb, ihrem Vater ginge es schon besser und sein Zustand sei auch nicht länger kritisch. Außerdem brachte sie Gottlieb eine Tüte seines Lieblingsgebäcks mit.

Auf dem Heimweg sprang Gottlieb rasch in den Supermarkt, doch bevor er einen Einkaufswagen von seiner Kette befreien konnte, meldete sich sein Handy mit dem dringenden Klingelton, den er exklusiv Isabell, seiner Schwester, zugeordnet hatte.

„Du musst unbedingt zu Mama. Sie hat wieder einen ihrer Zustände. Ich kann nicht, ich muss Pfarrer Seliger zu einem 95. und einen 98. Geburtstag ins Seniorenheim Abendsonne begleiten.“ Eigentlich hieß das, dass sie als Gemeindesekretärin den Pfarrer chauffieren musste, denn der war unlängst erwischt worden, nachdem er bei einem seiner seelsorgerischen Einsätze zu viel Wein hatte trinken müssen und beim Ausparken ein Halteverbotsschild umgefahren hatte.

Also fuhr Gottlieb zu seiner Mutter. Sie wohnte leider nicht im Seniorenheim Abendsonne, sondern im Wohnstift Lebenslust, wo sie hin und wieder „Zustände“ bekam, wie sie es selbst nannte, unflätig jeden beschimpfte und kaum zu beruhigen war. So zeterte sie auch und blaffte ihren Sohn an, als er kam. Seine sanften Worte beantwortete sie mit einem lauten Heulen, das dann in ein herzzerreißendes Schluchzen überging, bis die Tränen schließlich versiegten und sie, in Gottliebs Armen liegend, nur noch leise wimmerte. Schließlich aber überhäufte sie ihn mit Dank und Küssen, nachdem er ihr Tee gekocht und aus ihrem Lieblingsbuch – „Der kleine Grenzverkehr“ von Erich Kästner – vorgelesen hatte, so ein lieber Junge sei er ja, ihr Gottlieb.

Später saß Gottlieb in seinem Auto auf dem Parkplatz des Wohnstifts Lebenslust, vergrub sein Gesicht in den Händen – und weinte. Als er sich geschnäuzt hatte und gerade den Motor starten wollte, erklang ein anderer Klingelton auf seinem Handy. Helle Glöckchen klangen und er lächelte, denn dieser Klingelton gehörte Hanna. Er war ihr bester Freund, liebte sie heimlich und freute sich über ihr Glück mit Hannes, der so wunderbar nicht nur dem Namen nach zu ihr passte. Nun aber weinte auch Hanna. Nanu, dachte Gottlieb, heute scheinen alle einen Grund für Tränen zu haben. Hannas Grund war sehr konkret: Hannes hatte sie verlassen.

Sofort fuhr Gottlieb zu seiner lieben Freundin, erlaubte ihr die Schulterpartie seines Hemdes zu beweinen, hielt ihre Hand, sprach kein Wort des Trostes, weil er wusste, keines würde Hanna erreichen. Er sah sie nur bekümmert an, ließ sie schluchzen, weil er wusste, dass das die Seele wäscht, kochte Tee, machte ihr eine Wärmflasche und bot ihr auch die andere Schulter für ihre Tränen an. Irgendwann schlief Hanna, den Kopf an seine Brust gepresst, ein. Behutsam stand er auf, bette sie auf dem Sofa, schrieb einen Zettel „Du warst so müde. Ruf mich an, wenn du mich brauchst!“, packte alle scharfen Gegenstände und Substanzen, die ihr schaden könnten in eine Sporttasche, die er Hannes‘ ehemaligem Arbeitszimmer gefunden hatte, und fuhr damit nach Hause.

Inzwischen war es schon sehr spät. Er hatte sich noch kurz in den Sessel gesetzt und sich einen winzigen Whiskey eingeschenkt. Die Augen fielen ihm fast zu, da klingelte und klopfte es an seiner Wohnungstür. Davor stand Frau Hagebusch, etwas derangiert an Haar und Bluse, und rief immer noch Gottliebs Namen, als er schon längst die Tür geöffnet hatte.

„Herr Gottlieb, Herr Gottlieb, Sie müssen mir helfen!“, keuchte sie und krallte sich in sein immer noch nicht ganz getrocknetes Hemd. „Der Bremer aus dem ersten Stock hockt bei mir und will partout nicht gehen.“

Also wankte Gottlieb hinter der Nachbarin her, und tatsächlich saß dort fett und selbstzufrieden der Bremer aus dem ersten Stock in Frau Hagebuschs Wohnzimmer in einem roten Sesselchen. „Willkommen, Herr Nachbar!“, grölte er.

„Frau Hagebusch bittet Sie, jetzt zu gehen“, sagte Gottlieb.

„Das kann sie mir selber sagen.“

„Das hat sie wohl schon mehrmals“.

„Und jetz? Jetz eilste ihr zur Hilfe, du Ritter, du Zahlendreher, du Würstchen!?“ Der dicke Bremer klang jetzt gar nicht mehr lustig. Gottlieb hob beschwichtigend die Hände. Da erhob sich der ungebetene Gast unerwartet behände und stürzte sich auf Gottlieb, der von dem Angriff überrascht nach hinten kippte und Frau Hagebusch unter sich begrub.

„Au, weiha“ sagte Bremer, „autsch“ Gottlieb, und Frau Hagebusch sagte erst einmal gar nichts mehr. Die beiden Herren bemühten sich um sie. Der eine hielt ihr ein Glas Vermouth unter die Nase, Gottlieb besprengte sie mit Wasser, bis die arme Frau aus ihrer Ohnmacht langsam erwachte.

„Sie, Sie!!!“ rief sie und reckte drohend die Faust gegen Gottlieb. Der Notarzt und die Polizei wurden verständigt, und Gottlieb landete auf dem Polizeirevier.

„Können Sie uns das Geschehen denn noch einmal in Ihren Worten schildern?“, fragte der Diensthabende. Und da erzählte Gottlieb, von der herzensguten Nora, der armen Mama, der verlassenen Hanna und von Frau Hagebusch, auch da habe er doch nur helfen wollen.

„Und die Nora ist eine Gute?“, fragte der Polizist. Und Gottlieb nickte.

„Ja, und wir alle sind ja Söhne oder Töchter von Müttern“, sinnierte der Polizist. Und Gottlieb nickte.

„Und die Hanna?“

„Ich liebe sie“, gestand Gottlieb.

„Und Frau Hagebusch?“

„Die nicht.“

„Und sich selbst?“

„Wie bitte?“

„Lieben Sie sich selbst?“ Und als Gottlieb schwieg, sagte der Polizist, der plötzlich ganz anders aussah: „Das sollten Sie. Sie sollten sich auch selbst lieben.“