von Joan Weng
Draußen irischer Regen, im Buch flirrende italienische Hitze. Man kann nicht behaupten, dass ich „Sommerhaus“ unter den klimatisch vorgesehenen Bedingungen gelesen hätte. Funktioniert hat es trotzdem ganz wunderbar. Nach wenigen Seiten war ich am Lago d’Orta, saß auf einer Terrasse über dem See und beobachtete eine Familie, die einander sehr liebt – und dabei erstaunlich viel Schaden anrichtet.
Vic Kemp ist ein weltberühmter Künstler, siebzig Jahre alt, überlebensgroß und daran gewöhnt, dass sich alles um ihn dreht. Als er seine vier erwachsenen Kinder Netta, Susan, Goose und Iris zu sich ruft, folgen sie selbstverständlich. Ihr Vater hat eine wichtige Neuigkeit zu verkünden: Er wird heiraten. Die Braut heißt Bella-Mae, ist siebenundzwanzig Jahre alt und damit deutlich jünger als jedes seiner Kinder.
Die Begeisterung hält sich in Grenzen.
Wenig später Vic tot. Er ist beim Schwimmen in einem See ertrunken, den er seit vielen Jahren kennt. Die vier Geschwister reisen zum Sommerhaus der Familie am italienischen Lago d’Orta. Dort wartet bereits die junge Witwe. Bella-Mae ist freundlich, ruhig und schwer zu durchschauen. Wo befindet sich das Testament? Was ist aus Vics letztem Gemälde geworden? Und war sein Tod tatsächlich ein Unfall?
Das klingt zunächst beinahe wie der Anfang eines Kriminalromans. Eine abgelegene Villa, ein toter Patriarch, vier misstrauische Kinder und eine sehr junge Witwe – Hercule Poirot hätte sich mit seinen weißen Gamaschen ganz wunderbar hier gemacht. Rachel Joyce interessiert sich jedoch für eine andere Art von Ermittlung. Sie fragt nicht nur, was mit Vic Kemp geschehen ist. Sie fragt vor allem, was dieser Mann im Leben seiner Kinder hinterlassen hat.
Und die Antwort ist wesentlich komplizierter als jedes Testament.
Vic war nicht einfach nur ein Vater. Er war das Zentrum der Familie, ihr Mythos, ihr selbst ernannter Schöpfergott. Seine Kinder haben ihr Leben damit verbracht, ihn zu bewundern, ihm zu gefallen, sich gegen ihn aufzulehnen oder wenigstens für einen Augenblick von ihm gesehen zu werden. Selbst als Erwachsene kreisen sie noch um ihn.
Rachel Joyce erzählt abwechselnd aus den Perspektiven der vier Geschwister. Dabei entsteht nach und nach das Bild einer gemeinsamen Kindheit, die keineswegs von allen gleich erinnert wird. Jedes Kind hatte einen anderen Vater. Jedes hat seine eigene Wahrheit, seine eigenen Verletzungen und seine sehr persönlichen Strategien entwickelt, um mit ihnen weiterzuleben.
Keine dieser Figuren ist immer liebenswert. Alle sind eifersüchtig, ungerecht, selbstbezogen oder erschreckend blind, sobald es um die eigenen Geschwister geht –trotzdem versteht man sie. Das ist eine der großen Stärken dieses Romans: Rachel Joyce macht es sich mit ihren Figuren niemals leicht. Sie verteilt keine eindeutigen Rollen. Es gibt nicht das vernünftige Kind, das böse Kind, die geldgierige Witwe und den genialen Vater. Es gibt nur Menschen, die sich an dieselbe Vergangenheit erinnern und dabei vollkommen verschiedene Geschichten erzählen.
Wer war Vic Kemp wirklich? Darf man das Werk bewundern und den Menschen dahinter trotzdem schrecklich finden?
Rachel Joyce erzählt davon mit Wärme, Witz und einer großen Genauigkeit für jene familiären Gemeinheiten, die nur deshalb so zielsicher sind, weil man einander seit der Kindheit kennt.
Dabei verliert der Roman trotz seiner ernsten Themen nie seine Leichtigkeit. Das italienische Sommerhaus, der See, die Hitze und das Licht sind viel mehr als eine schöne Kulisse. Man spürt die flirrende Luft, die überreifen Früchte, den Staub, das Wasser und diese besondere Trägheit heißer Tage, an denen scheinbar nichts geschieht und sich doch alles verändert.
Vor allem aber erzählt „Sommerhaus“ von Geschwistern. Von jener seltsamen Mischung aus Liebe, Rivalität, gemeinsamen Erinnerungen und alten Kränkungen, die eine Familie gleichzeitig zusammenhalten und beinahe zerreißen kann. Die vier Kemp-Kinder kennen einander besser als jeder andere Mensch – und sehen einander trotzdem lange nicht wirklich.
Ich mochte diesen Roman rundum. Ich mochte seine Atmosphäre, seine kluge Konstruktion und seine widersprüchlichen, sehr lebendigen Figuren. Ich mochte, dass Rachel Joyce nicht vorschnell urteilt und nicht jede Frage mit einer ordentlichen, sauber verschnürten Antwort versieht. Vor allem mochte ich die große Menschlichkeit, mit der sie von Fehlern, Versäumnissen und der Möglichkeit erzählt, sich auch als erwachsener Mensch noch aus einer alten Rolle zu lösen.
„Sommerhaus“ ist ein Familienroman, ein psychologisches Kammerspiel und beinahe ein Krimi – allerdings einer, in dem am Ende die Frage nach dem Täter gar nicht so schwer wiegt.
Rachel Joyce: Sommerhaus. Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet, Thiele Verlag.
