Ein sicherer Ort

von 42er

eine Gastbeitrag von Anna Rotele

Ich sage es nicht gern noch ein weiteres Mal, was wir alle schon wissen, was wir alle nicht mehr hören und lesen und fühlen mögen – das mit den Krisen und allem. Ihr wisst Bescheid.

Von hier aus wird es schöner in diesem Text. Versprochen. Ich nehme euch mit auf eine kleine Reise. Wenn ihr Lust habt, und Zeit.

Und wohin? Wohin auch immer ihr wollt: Kennt ihr den „sicheren Ort“?

Das ist ein Konzept für die Arbeit mit Menschen, die traumatisiert sind. Es soll ihnen Halt geben, wenn ihre Erlebnisse sie einholen. Ein sicherer Ort in ihnen selbst, in ihrer Vorstellung, ihrer Erinnerung: ein Ort, an den sich die Seele zurückziehen kann, um ein wenig Ruhe zu finden.

Ich glaube, einen solchen Ort können wir alle gebrauchen.

Stellt euch also vor, es gibt eine Tür aus der Welt hinaus. Eine Tür an diesen Platz, an dem ihr euch ausruhen könnt, an dem ihr einen Moment lang heilen könnt, an dem euch niemand und nichts etwas anhaben kann.

Welcher Ort wäre das für euch? Er kann erfunden sein. Oder auch real.

Ich komme darauf, weil ich gestern im Programmkino war. Ich saß tief eingesunken in dem gar nicht so bequemen Sessel, trank mir mit einem Bier einen leichten Rausch an, lachte und weinte – und das in völliger Dunkelheit.

Und als ich danach den Saal verließ, schaute ich in all die Gesichter von all den Menschen, die auch da gesessen hatten. Die die Dunkelheit geteilt hatten, die Geschichte geteilt hatten. Und ich sah in ihren Augen, dass auch sie geweint hatten, dass auch sie gelacht hatten. Weich und verschwörerisch und ein bisschen verschämt waren ihre Mienen.

In dem Film wurde ein Satz zitiert, und der war von Jean Paul und lautet so:

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Als ich jetzt all die Menschen sah, da wurde mir klar, dass ich einen solchen Platz habe. Ein solches Paradies. Und wenn ich mir vorstelle, es gibt diese Tür, dann ist meine ganz schmal und klein. Sie führt direkt in einen niedrigen, etwas muffigen Raum, in dem immer schon irgendwer sitzt, und obwohl ich Enge nicht leiden kann, macht mir das gar nichts aus.

Da sitzt entweder David, der Geschichtenschreiber mit den langen Locken und den großen Augen. Vielleicht sitzt da auch Olga, die Sphinx, die Frau mit dem sirrenden Charisma und der unendlich schweren Seele. Oder Ralf, dem Olga einmal das Herz gebrochen hat, der nie Stress wollte und jetzt tausend kleine Nebenjobs und deshalb immer Stress hat. Und dann haben wir da noch Josse, der einmal aus Versehen ein Haus angezündet hat und seitdem mit seinem schwarzen, stillen Hund etwas bekifft an den Rändern seines Lebens entlangstreunt.

Einer von ihnen wird da sitzen, und vielleicht auch zwei oder drei. Die Frühschicht, die Spätschicht, der Vorführer – oder einer, der einfach vorbeigekommen ist, wir kommen alle ständig vorbei.

Habt ihr mich bis hierher begleitet? Dann ahnt ihr es schon: Wir sind in einem Kino, einem kleinen, alten Programmkino, dem besten Kino der Welt. Genauer gesagt im Kassenhäuschen. Und außerdem in der tiefsten Vergangenheit, denn dass wir alle da anzutreffen waren, ist über zwanzig Jahre her.

Aber alles ist immer noch da, die Tür, das Kassenhaus, das kleine Fenster mit dem Durchguck, durch den die Menschen schon ganz verträumt aussehen, wenn sie erst hereinkommen. Die Regale mit den Chips, den Salzstangen und den Gummibärchen. („Kein Popcorn?“ „Nein, leider kein Popcorn.“) Die uralte Kasse und die langen Rollen mit kleinen Blättchen aus Papier, die wir hier abzupfen, nur damit sie ein paar Meter weiter, an der schweren, gläsernen Eingangstür in den Saal, schon wieder in der Mitte durchgerissen werden können.

Unsere Sorgen sind klein in diesem Kassenhäuschen. Josse hofft, dass die nächsten Filmrollen heute nicht kommen, er mag sie nicht nach oben in den Vorführraum tragen wegen seines Rückens. Ralf hofft, dass ihm keine Frau „ein Kind anhängt“, „wenn ich mal eine treffe in meinem Alter …“. (Später bekommt er eins und ist für eine Zeit der glücklichste Mann der Welt.) Und Olga, Olga träumt wahrscheinlich von einer anderen Welt, das weiß keiner so genau. Einmal sagt Olga zu mir: „Als ich so alt war wie du, da war ich auch so“, und ich frage mich lange, was „so“ ist und was dann passiert ist.

Wir alle sind einfach da. Wir bekommen einen Stundenlohn, von dem wir uns ein Eis kaufen können oder zwei. Aber dafür können wir alle Filme gucken, umsonst, und niemand muss einsam sein, aber jeder darf. Wir schlüpfen als letzte durch die Glastür in den Saal, ziehen sie hinter uns zu und den Vorhang vor, wir haben alle unsere Lieblingsplätze. Auf der Empore kann man dem Vorführer winken, und unten sitzt man ganz allein im Dunkeln, und keiner sieht es, wenn man heult.

Da vorne auf der Leinwand flackern die Welten, in die wir uns von hier aus weiterträumen, wir träumen uns überall hin, wir müssen nicht bezahlen, wir müssen nicht überlegen, wir schauen uns alles an und werden überrascht und entführt und ganz verdutzt wieder ausgespuckt am Ende.

Wir lieben uns alle, und doch verbindet uns nichts als dieses Kino, und das wissen wir, aber wir denken es nicht und sagen es nicht.

Einmal hat Olga so viel gekifft, dass sie die zweite Filmrolle zuerst einlegt. Es ist ein Film über einen Künstler, der abstrakt malt. Sie spielt einfach die erste Rolle als Nächstes, und die Zuschauer denken, das muss so sein. Immerhin geht es um Kunst.

„Interessantes Konzept“, sagt einer beim Rausgehen, und die anderen nicken wichtig.

Einmal treffen wir uns heimlich um Mitternacht und schauen vorab „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Weil wir alle die Vorfreude nicht mehr aushalten. Und weil wir die einzigen Menschen sind, mit denen wir diesen Film gucken wollen.

Manchmal kommt der Besitzer, Friedhelm, herein. Er hat meistens schlechte Laune und schimpft wie ein Verrückter. Am liebsten schimpft er uns aus, weil wir das Kino so lieben. Dass wir bloß nicht hier hängenbleiben sollen. Dass wir wissen, dass das nichts fürs Leben ist. Das macht er, weil er uns mag. Aber er soll uns damit bloß in Ruhe lassen. Wir wollen das alles nicht hören.

Je näher mein Abschluss kommt, desto mehr frage ich mich, warum das hier eigentlich nichts fürs Leben ist. Kann ich mich nicht einfach hier verstecken?

Olga und Ralf und Josse, die machen das alle auch. Die sind da alle schon einen Schritt weiter, die haben ihr Studium erfolgreich abgebrochen. David und ich, wir sind die Objekte der Erziehung. Und die drei machen mit. Die finden nämlich trotz allem auch, dass das hier keine Lösung ist.

Das ist aber eine Lösung.

Sanfte Überblendung.

Ich bin weitergezogen. Habe mich dem Leben gestellt. Friedhelm wäre sehr zufrieden. Die erste Filmrolle ist schon schnurrend ausgelaufen. Auf meinen Schultern hat sich Gewicht abgelagert, und trotzdem bin ich gewachsen, viel gewachsen und manchmal auch furchtbar geschrumpft. Ein bisschen wie Alice. Es hängt eben auch von den Keksen ab.

Aber dieses Kino, das habe ich nie verloren.

Als kleine Tür aus der Welt, wenn mal wieder alle verrücktspielen. Oder ich selbst.

Es steht noch da, wo es immer stand. Ich kann heute nicht mehr zu Fuß hingehen, aber ich weiß, wo es auf mich wartet. Zwar gibt es jetzt keine Filmrollen mehr. Doch das ist nicht ganz so schlimm.

Und jetzt weiß ich: Diese Tür gibt es auch in meinem Kopf.

Hier sitzen sie alle, mit leicht verschleiertem Blick. Hier geht der schillernde Vorhang bedächtig auf und zu, hier warten die weichen Samtsitze darauf, dass ich in ihnen versinke. Hier kann ich die Träume anderer Leute träumen, und niemand will wissen, wer ich wirklich bin. Oder ob ich das eigentlich weiß.

Was ist euer sicherer Ort, habt ihr ihn schon gefunden?

Und wer kauert da und wartet auf euch?

Eine schmale und niedrige Tür wünscht euch

Eure Anna Rotele