Familienaufstellung – literarisch

von 42er

von Paula Lankow

Gerade bin ich wieder einmal dabei, eine Familienaufstellung zu machen. – Also jetzt keine im therapeutischen Sinne. Denken Sie sich hier bitte die folgende Fußnote: Die Familienaufstellung wird als Methode in der systemischen Therapie eingesetzt und beschäftigt sich mit den Beziehungen innerhalb einer Familie, um (unbewusste) Konflikte aufzudecken. (Für Kenner der Materie: Ich weiß, dass die systemische Therapie in Deutschland nicht Teil der Therapeutenausbildung ist und auch nicht von den Krankenkassen bezahlt wird … aber lassen wir das.)

Bei meinen literarischen Familienaufstellungen kenne ich die Konflikte grob im Vorhinein, muss also nichts „aufdecken“. Ich trage vorab nämlich ganz viele Informationen zusammen: Alter der einzelnen Familienmitglieder, Aussehen, Vorlieben (Gerichte, Getränke, Musik, Literatur, Sport etc.), Aversionen (Gerichte, Getränke, Musik, Literatur, Sport etc.). Viele dieser Informationen bleiben unter uns, also den einzelnen Familienmitgliedern und mir, sie dienen nur dem Bild, das ich mir zunächst von den Figuren machen muss, bevor ich von ihnen erzählen kann. Ein kleines bisschen Feld-Wald-und-Wiesen-Psychologie ist also wahrscheinlich schon dabei.

Meistens kenne ich die Namen meines literarischen Personals von Anfang an, aber mitunter zieren sich die eine oder der andere, sich mir namentlich vorzustellen. In meinem aktuellen Fall ist es die Mutter „meiner“ Familie, die etwas heikel ist. Sie ist nicht unbedingt unsympathisch, nein, sie hat halt nur diese eine Schwäche: Sie mag die Freundinnen ihrer Söhne nicht. Das liegt nur bedingt an den jeweiligen Freundinnen selbst, sondern an der Tatsache, dass sie halt ausgerechnet die der Söhne sind.

Die Söhne selbst haben bereits Namen, ebenso ihre Freundinnen und der Vater. Aber die Mutter! Sie ist um die 60 Jahre alt – schwer zu schätzen, sie ist sportlich, ernährt sich gesund und achtet auch sonst sehr auf sich. Aber in ihrem Alter kommen Lea, Mia, Josefine nun einmal nicht in Frage. Jutta? Ute? Ingeborg? Mhm, nein, die Namen passen alle nicht so richtig, und ins Klischeehafte abrutschen dürfen sie ja auch nicht. Klingen soll es außerdem – irgendwie. Andrea – könnte vielleicht gehen.

Doch da meldet sich die Schere in meinem Kopf: Ich kenne eine Andrea. Witzig, unkompliziert, heiter. Die könnte es mir übelnehmen, wenn ich ausgerechnet „meine“ Mutter nach ihr benenne. Nicole ebenso. … Julia Schoch hat in einem ihrer Romane einmal geschrieben, sie betrachte es als Anmaßung den Figuren in ihren Büchern Namen zu geben. Wahrscheinlich hat sie Recht, aber das passt irgendwie nicht zu meiner Art des Schreibens … Sibyll, ja die Mutter erinnert mich an eine Sybill. Nicht, dass ich eine kennen würde, aber wenn, dann wäre sie bestimmt so, wie die Mutter „meiner“ Familie.