Fanny Morweiser: Un joli garçon

von 42er

Horst-Dieter Radke

Im August 2014 starb die 1940 in Ludwigshafen geborene Schriftstellerin und Künstlerin Fanny Morweiser in Mosbach. Ihr Romandebut legte sie 1971 mit „Lalu lalula, arme kleine Ophelia“ vor, und erregte damit gleich Aufsehen. Es ist eine merkwürdige, morbide und unheimliche Liebesgeschichte. So ging es auch mit den folgenden Romanen und Erzählungen, die sämtlich im Schweizer Diogenes-Verlag erschienen sind und nicht unbeachtet blieben. Seit ihrem Tod sind diese Bücher aber nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Der Verlag hat keines ihrer Bücher neu aufgelegt und führt die Autorin auf ihrer Homepage nicht mehr auf. Was bedauerlich ist, aber kein Beinbruch, denn über das Antiquariat und den Secondhand-Buchmarkt kann man die Morweiser-Bücher noch bekommen. Sie wurden zu ihren Lebzeiten in ausreichenden Stückzahlen verkauft und sind also nicht unter die Raritäten zu rechnen. Stückzahlenmäßig zumindest. Tatsächlich gehören sie aber zu dem Besten, was die deutsche phantastische Literatur zu bieten hat. Unter diesem Gesichtspunkt sind Morweiser Erzählungen also durchaus Raritäten.

Besonders angetan hat es mir ihr letzter Roman Un joli garçon. Vielleicht weil die Autorin darin alles bündelt, was ihre Bücher ausmacht: ihre Liebe zu schrägen Figuren, den Hang zum Unheimlichen – der auch schon mal ins Böse schlägt, wie bei Ophelia, im Roman Ein Sommer in Davids Haus oder in der Erzählung Voodoo-Emmi –, ihre Kunst, alles letztendlich ironisch zu nehmen und Humor still und heimlich an Stellen einfließen zu lassen, wo man ihn nicht erwartet.

Der Roman spielt im Mannheimer Stadtteil „Jungbusch“, der westliche der Innenstadt liegt, im Norden durch den Neckar und im Westen durch den Rhein begrenzt wird. Dort wohnen eher einkommensschwache Familien, aber auch viele Künstler und Kreative. Da der Stadtteil im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen weitgehend verschont blieb, ist das gründerzeitliche Ambiente noch gut erhalten.

Das Haus, um das es in diesem Roman geht, beschreibt die Autorin so:

Ewald […] richtete dann seinen Blick auf das Gebäude, das ihm von Herrn Benedum zugewiesen worden war und das ihm mit seinen drei Balkonen, dem imposanten Toreingang, den aus Sandstein gehauenen Simsen und Ornamenten, dem Laden mit seinem gewölbten Schaufenster und seiner schmiedeeisernen Verzierung an der Tür sehr stattlich vorkam, ein Gebäude beinahe in Richtung Jugendstil […]

Ewald Korwan ist ein »hübscher Junge«, auf den ersten Blick ein Muttersöhnchen, denn von ihr wird er verhätschelt und bekommt alles ohne Mühe hingelegt. Sogar eine Wohnung hat er von seinen Eltern geschenkt bekommen, von der Mutter dann noch ein Auto. Der Vater, schon seit Jahren Pensionär, hat längst resigniert und kümmert sich hauptsächlich um seine Regenwurmzucht im Keller. Die Stelle in einer renommierten Anwaltskanzlei hat Ewald, der sein Jurastudium nur mit mäßigem Notenschnitt abgeschlossen hat, über die Kontakte des Vaters bei den Rotariern bekommen.

Kaum ist er eine Woche in der Kanzlei, bricht sich einer der beiden Geschäftsführer den Knöchel, und Ewald muss die Betreuung eines Hauses übernehmen. Eine wichtige Sache, wie sein Chef sagt, denn der Besitzer sei ein guter Klient der Kanzlei. Der Besuch bei »Herrn Stein« klärt Ewald darüber auf, was seine Aufgaben sind: Die Bewohner des Hauses möglichst bald zum Auszug zu bewegen und keineswegs deren Klagen auf Verbesserung der Wohnverhältnisse oder gar Renovierungen ernst zu nehmen.

Die Art und Weise, wie sich Ewald dem Haus und seinen Bewohnern nähert, lässt schon erahnen, dass er auf der Suche nach einer Möglichkeit ist, dem Schutzschirm der Mutter zu entfliehen. Vorläufig lässt er sich noch von ihr zu Kaffeekränzchen einladen, bei denen er den Freundinnen der Mutter als braver Junge präsentiert wird und setzt ihren Kuppelversuchen scheinbar nichts entgegen. Dem Vater gegenüber wird er im Keller bei den Regenwürmern jedoch deutlicher:

»Du meinst, ob ich verliebt bin? Ja, Papa, ich bin verliebt, aber nicht so sehr in einen Menschen. Es ist ein Haus.«
»Du liebst ein Haus?«
»Sieht so aus.«
»Na ja«, es klang skeptisch, »das hat wenigstens keine Folgen.«
»Wer weiß«, sagte Ewald, hob noch einmal die Hand und entfernte sich schleunigst, bevor sein Vater ihm weitere Fragen stellen konnte.

Es sind vor allem die Bewohner des Hauses, die Ewald faszinieren: der türkische Schneider mit seiner großen Familie, der unter epileptischen Anfällen leidet; der im Rollstuhl sitzende Herr Hohl mit seiner bei ihm lebenden Schwägerin; der Sänger, der stets auf dem Balkon übt. Hinzu kommen Willi aus der Schokoladenfabrik mit seiner heimlichen Tattoo-Werkstatt, die alleinerziehende Saskia mit ihren zwei wilden Kindern, die einarmige Frau Winterkorn sowie die studentische Dreier-WG, bestehend aus Paul, Charlotte und Cedric sowie nicht zuletzt der Hausmeister Bruno, der erst spät auftritt und sich als Bruder des Hausbesitzers entpuppt und von Olga, die ehemals „im Gewerbe“ tätig war, betreut wird. Sie alle hat Ewald in sein Herz geschlossen und, nach anfänglicher Skepsis, auch die Mieter ihn.

So kommt es im Verlauf des Buches dazu, dass der Protagonist Ewald immer mehr in den Hintergrund tritt und die Hausbewohner selbst zu Protagonisten werden. Mein Lieblingskapitel ist das Prag-Kapitel, in dem Paul nach Abschluss seines Germanistik-Studiums in die tschechische Hauptstadt reist, zusammen mit seinem Onkel, der die Reise finanziert, aber glaubt, dass Paul mit ihm ins Tessin gefahren ist. Da er fast blind und taub ist, fällt das auch nicht besonders auf, doch die Klimmzüge, die Paul dafür machen muss, sind dennoch nicht ohne. Meine Lieblingsstelle in diesem Kapitel ist die, als Paul auf der Hoteltreppe im alkoholisierten Zustand glaubt, Hermann Hesse und Franz Kafka zu begegnen.

Es wäre kein Roman von Fanny Morweiser, wenn nicht eigenartige Dinge in dem Roman geschehen würden. Das deutet sich schon in dem Kapitel an, in dem Frau Winterkorn in den Bayerischen Wald fährt. Sie hat eine Reise dorthin mit einem Kreuzworträtsel gewonnen. Die Geschichte, die man später aus Olgas Koffer holt, weicht ein wenig vom Thema ab, weil sie nicht direkt mit dem Haus und seinen Mietern zu tun hat. Spannend wird es, als die Hausbewohner samt Ewald eine Magierin auf dem Friedhof überführen wollen. Das führt dann schließlich auch zu dem finalen Ende, in dem sich Ewald von allen mütterlichen (und väterlichen) Umklammerungen befreit. Wie und auf welche Weise, das kann ich an dieser Stelle nicht erzählen, ohne dem Roman seine stärkste Wirkung zu nehmen.