„Frieden?“ – Was Tolstoi, Remarque und ein Hefezopf über Frieden erzählen

von 42er

Ein kleiner Überblick in mehreren Artikeln

Joan Weng

„Frieden?“
„Frieden.“

Das ist ein Dialog, der sich so oder so ähnlich zwischen meinen Jungs mehrfach täglich abspielt – und doch bedeutet er eigentlich nur, dass man die vage Absicht hegt, in den nächsten fünf bis zehn Minuten dem anderen nicht das Holzschwert auf den Kopf zu dreschen. Außer natürlich, die Gelegenheit ist zu verlockend.

Ja, Frieden ist ein fragiles Konstrukt. Eine kurze Atempause zwischen zwei Gefechten. Ein vorsichtiger Waffenstillstand, der manchmal nicht länger hält als bis zum Besitz eines vermeintlich größeren Stücks Hefezopf.

Vielleicht ist das der Grund, warum Frieden auch in der Literatur so schwer zu greifen ist. Krieg liefert klare Dramaturgie: Fronten, Konflikte, Entscheidungen. Frieden dagegen ist oft leiser. Er besteht aus Kompromissen, aus Versöhnung und aus dem mühsamen Versuch, miteinander auszukommen.

Und doch haben viele Autorinnen und Autoren genau darüber geschrieben: über das Ende der Gewalt, über moralische Verantwortung und über die Hoffnung, dass Menschen lernen können, anders miteinander umzugehen.

In loser Folge möchten wir hier einige der besten Romane vorstellen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Frieden beschäftigen – manchmal laut, manchmal ganz still.

Der erste Roman, der einem zu dieser Thematik einfällt, ist natürlich „Krieg und Frieden“. Aber ich kenne fast niemanden, der Leo Tolstois Mammutwerk über den Krieg gegen Napoleon tatsächlich in Gänze gelesen hat. Deshalb möchte ich lieber auf ein anderes, vielleicht sogar noch radikaleres Werk des russischen Schriftstellers hinweisen: „Die Auferstehung“.

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der versucht, moralische Verantwortung für seine Taten zu übernehmen – eine große literarische Meditation über Schuld, Gerechtigkeit und moralischen Frieden, die zeigt, dass Versöhnung oft bei der eigenen Gewissensprüfung beginnt.

Ob das Gewissen den Krieg überhaupt überlebt, beschäftigt einen meiner Lieblingsautoren, Erich Maria Remarque, in seinem Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“. Der junge Frontsoldat beschreibt den Ersten Weltkrieg nüchtern und klar, ohne jede heroische Verklärung – und macht dabei deutlich: Krieg ist schlicht furchtbar. Überleben ist kaum möglich, selbst wenn man den Granaten entkommt.

Quasi nebenbei zeigt der Roman auch die Hilflosigkeit der Gesellschaft, wenn der Protagonist Paul Bäumer von seiner geliebten Mutter gefragt wird, ob es an der Front wirklich so schlimm sei. Stellvertretend für eine ganze Generation traumatisierter Kriegsheimkehrer verneint Paul das tapfer – die Mutter soll nicht alles glauben, was sie in der Zeitung liest.

Auch bei Tim O’Briens „Geheimnisse und Lügen“ tut man gut daran, nicht alles zu glauben, was der aus dem Vietnamkrieg heimgekehrte Protagonist erzählt – oder verschweigt.

Fakt ist nur: Er hat an einem Massaker an Frauen und Kindern teilgenommen. Oder vielleicht am Ende doch nicht.

Ein auch literarisch brillanter Roman darüber, wie viel Wahrheit der Frieden verträgt – und wie viel Wahrheit wir über uns selbst ertragen.

Dass Frieden im Kleinen erst dann möglich ist, wenn wir uns selbst vergeben, zeigt das letzte Buch des heutigen Artikels: Kazuo Ishiguros „Was vom Tage übrig blieb“. Ein ganz stiller Roman über Loyalität, über verpasste Chancen – und den Versuch, das Richtige in falschen Zeiten zu tun. Frieden bedeutet hier am Ende nicht Weltpolitik, sondern die Möglichkeit, mit sich selbst und den eigenen Entscheidungen ins Reine zu kommen. Und dann weiterzumachen.

Vielleicht ist das zum Abschluss eine – in all ihrem Pragmatismus – sehr ehrliche Definition von Frieden: versuchen, das Richtige zu tun. Und wenn es bedeutet, auch noch die Rosinen in zwei exakt gleich großen Hefezopfstücken nachzuzählen – der Frieden sollte es einem wert sein.