Genesis live

von Jürgen Block

Meine wichtigste Scheibe, die mich zum Schreiben animierte, ist „Genesis live“ von 1973. Das Platten-Cover ist, wie man heute gerne sagt, ikonisch geworden, auch wenn es einen Song abbildet, der auf der Platte gar nicht vorkommt: Frontmann Peter Gabriel, geschmückt mit der geometrischen Magog-Maske, verkündet die Apocalypse im 9/8-Takt aus dem legendären 23-minütigen Track „Supper‘s Ready“. Daneben arbeiten die Gitarristen Steve Hackett (Lead) und Mike Rutherford (Bass und Rythm) im Sitzen, Tony Banks versteckt sich hinter seinem Mellotron und Phil Collins verausgabt sich an den Drums.

Ich liebe die frühe Phase von Genesis, besonders weil die Technik der 23-Jährigen noch nicht ausgereift war (Ausnahme: Phil Collins), und sie ihre Instrumente noch etwas rau und ungelenk und ungeschlacht, aber umso geiler bei krummen Takten und ungewöhnlichen Akkordfolgen bedienten. Geheimtipp: Die kanadische Coverband „The Musical Box“ hat sich auf die frühe Ära von Genesis spezialisiert und spielt die damaligen Shows auf historisch-informierte Weise mit den Originalinstrumenten nach. Bei einem solchen Cover-Konzert im Frühjahr 2025 in Bremen hatte ich mein schönstes Déjà-vu-Erlebnis, als Denis Gagné, der den Peter Gabriel nachahmt, mit rotglühender Maske auf die in blaues Licht getauchte Bühne trat.

Aber besonders hatten es mir die Texte von Genesis angetan, für die vor allem der exzentrische (im Privatleben eher schüchterne) Peter Gabriel verantwortlich zeichnet. Zwei Zeilen in dem Song „The Musical Box“ lauten: „The clock, tick tock, / On the mantlepiece“. „Mantlepiece“ hat einen so schönen Wortklang, dass man gar nicht wissen will, was es bedeutet. Wie viel unpoetischer ist dagegen der deutsche „Kaminsims“. So lernte ich, dass der Klang der Lyrics eine eigenständige, von der Wortbedeutung abgelöste Rolle spielt, gleichberechtigt neben den Klängen des Dewtron Mr.Bassmann Basspedals oder des Gretsch-Drumkits, der Hammond L-122 Orgel oder der Gibson Les Paul Custom E-Gitarre.

Ich sollte vielleicht vorher noch erzählen, wie man am nachhaltigsten die „Genesis live“-Musik genießt: Mit einer Freundin (wir nennen sie mal Sabine), die genauso verrückt nach genetischem Progrock ist wie man selber. Der Lautstärkeregler der HiFi-Anlage wird bei „The Knife“ bis zum Anschlag aufgedreht, Sabine spielt die Flöte beim Querflötensolo mit, ich schlage dazu auf der tiefen E-Saite meiner Gitarre die Bassline. Dann übernimmt Sabine für den Endspurt die Luftgitarre, ich versetze mich mit Körper und Seele in Peter Gabriel, während wir bei heftigstem Headbanging den letzten Rest an Contenance verlieren: Wow!

Bis heute bin ich keiner zweiten Frau begegnet, die das Flötensolo von „The Knife“ beherrscht.

Zurück zum Thema. Die Schlusszeilen des Songs „The Musical Box“ liehen meiner damaligen jungen und hungernden Seele unsterbliche Worte: „Why don’t you touch me, touch me / Touch me now, now, now, now, now.“ Was für einen sinnlichen Klang hat das „touch“, und wie einen noch sinnlicheren das „now, now, now“.

Aber die Genesis-Texte führten den Fan auch in die Geheimnisse der Metrik ein. Wieder „The Knife“, wo es in schönsten Daktylen (betont-unbetont-unbetont) heißt: „Stand up and fight for you know we are right.“ In diesem holprigen Rhythmus gerät der Kriegsdienstverpflichtete eher ins Straucheln, als dass er ihn geordnet auf die Schlachtbank führt. So entpuppt sich das so kühn voranpreschende „The Knife“ gegen den Wortsinn der Lyrics als Antikriegssong, der am Ende sogar noch die Propagandalüge entlarvt, dass die Soldaten für edle Werte fallen würden; sie seien angeblich nur (dagegen spricht der zertrümmerte Daktylus-Rhythmus am Ende) „martyrs of course to the / freedom I will provide.“

 Auf der Rückseite des Platten-Covers ist noch eine hübsche kleine Geschichte von Peter Gabriel abgedruckt, auf die der amerikanische Regisseur William Friedkin („The French Connection“, 1971) aufmerksam wurde, so dass Peter Gabriel fast noch eine Karriere als Drehbuchautor in Hollywood gemacht hätte. Den Splatter-Inhalt der Geschichte gebe ich jetzt aus Rücksicht auf Personen, die durch sie psychisch belastet werden könnten, nicht wieder. Ich habe diese Geschichte mit viel Spaß und Herzblut und verpflichtet meinem damaligen Vorbild, dem eigenwilligen Arno Schmidt, übersetzt. Aufgrund der Eigenwilligkeiten ist diese Übel-Setzung meine erste selbstgeschriebene Geschichte geworden. Wenn ich heute meine geliebte „Genesis live“-Scheibe voll aufdrehe, berührt mich wieder meine Jugend, als wäre sie jetzt – now, now, now, now, now!

Ihr Jürgen Block

PS: Wer sich mit eigenen Sinnen von Genesis live ein Bild machen will, hier in einer restaurierten Fassung das Konzert vom 10. Januar 1973. Höhepunkt um 7:05, wenn Peter Gabriel mit Fuchskopf und im Kleid seiner Frau seinen legendären Auftritt hat.

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