Gestern, heute und Reaction-Videos auf Led Zeppelin
Ein Gastbeitrag von Michael Höfler
Mit zunehmendem Alter (ich bin 53) ist es wichtig, die eigenen Impulse zu hinterfragen und der eigenen Intuition ein gesundes Misstrauen entgegenzubringen. Das in der Vergangenheit Bewährte passt nicht unbedingt auf eine veränderte Gegenwart, und die instinktive Ablehnung des Neuen führt zu einer weiteren Runde Kulturpessimismus. Statt das Neue einfach entspannt anzuerkennen, drohen Borniertheit bis Verbitterung. Anhand von Musik lässt sich (hoffentlich) unaufgeregt beschreiben, was ich meine — und vielleicht sogar ein Mü weit überwinden.
Ich habe oft den irreführenden Impuls, die von jungen Menschen genannte Lieblingsmusik sogleich als kommerziell und blutleer abzutun. Dabei ziehe ich den Vergleich zu dem, was ich in meiner Jugend hörte, als Maßstab heran – glatt so, als müssten man den Jungen abverlangen, dies alles kennen. Der instinktive Gedanke „Ihr Armen, ihr kennt ja nichts Besseres“ übersieht, dass junge Menschen beim Hören ihrer Musik Gleiches empfinden wie wir früher: pures Dasein, Einheit mit sich selbst, Lebendigkeit — unbändige Energie, die wortlos und unbeschreiblich in Musik zum Ausdruck kommt.
Dass Musik Generationen besser vereinen sollte und kann, habe ich nun in Reaction-Videos gesehen, die mir auf Youtube eingeblendet wurden (auch eine Sache, die nicht immer schlecht sein muss): ein Format, bei dem junge Musikexpertys manchmal glaubhaft zum ersten Mal ein Klassiker-Album der Rockgeschichte hören. Hier wollte mich zunächst ein weiterer Instinkt daran hindern, mich darauf einzulassen. „Du sollst anderen dabei zuschauen, wie sie Musik hören, hä!?“. Es fing an mit einer Video-Analyse der 39-jährigen Opernsängerin Elizabeth Zharoff, die vor ihrer Youtube-Tätigkeit kaum U-Musik kannte. Sie besprach das opulente, orientalische „Kashmir“ aus Led Zeppelins 1975er Album „Physical Graffiti“, eines der unglaublichsten mir bekannten Musikstücke. Ich teilte ihre Freude, als ich sah, wie jemand deutlich Jüngeres (sie kam mir jünger vor als 39) und mit ganz anderem Hintergrund genau so begeistert ist wie ich, dabei aber auch andere, mir völlig neue Aspekte entdeckt. Dann spielte mir der Algorithmus Besprechungen aus der GenZ des legendären vierten Albums von Led Zeppelin herein.
Es wird gemeinhin „Led Zeppelin IV“ genannt, obwohl es eigentlich gar keinen Titel hat, und ich hörte es in diesem und jenem Video nochmal. Mir ging das Herz auf, wie die jungen Leute darauf abgingen. Ich erlebte meine eigenen jugendlichen Gefühle schon in ihrer Mimik wieder. Bei dem zwischen Gaspedal und Bremse alternierenden „Black Dog“ (schlicht nach einem streunenden Hund benannt, der namenlos um das Cottage in Wales lief, in dem das Album aufgenommen wurde) und der zauberhaft-verstörenden Tolkien-Vertonung „The Battle of Evermore.“ Nicht zu reden von dem erhabenen und schon zu oft beschriebenen „Stairway to Heaven“. Ich schaute gespannt zu bei teilweise anderen, aber ebenso interessanten Wahrnehmungen des tranceartigen Schaukelrhythmus von „Misty Mountain Hop“, der hypnotischen Hippie-Ballade „Going to California” und dem treibenden Blues in „When the Levee Breaks”. Bei der Verwunderung über manch ausgefeiltes Arrangement, das nicht mit dem Brachialrock-Image der Band zusammengeht.
Ich war in den 1980ern Teenager, konnte mit diesem Jahrzehnt musikalisch insgesamt wenig anfangen, hatte jedoch das Glück, dass es davor schon die späten 1960er und 1970er und ihre epischen Rockbands gegeben hatte. Ich stieß mit Siebzehn, glaube ich, auf Led Zeppelin IV, hatte da aber musikalisch viel weniger Zugang als „die jungen Leute von heute“. Meine Ohren waren noch nicht reif, die musikalischen Qualitäten des Albums zu erfassen, und auch die melancholische Klangfarbe des Albums schreckte mich anfangs ab. Umso erstaunlicher zu sehen, wie dies zwei Generationen später jungen Menschen unter stark veränderten Umständen viel besser gelingt.
Erstaunlich auch, dass mich das so berührt hat, denn Rockmusik interessiert mich seit langem höchstens noch in Kombination mit anderen Genres wie Latin, Balkan, Orient, Rap, Dub oder Jazz, wodurch noch etwas Neues entstehen kann. Auch finde ich es ermüdend, wie viele Gleichaltrige auf heutigen Konzerten des Led Zeppelin-Sängers Robert Plant nur die alten Klassiker hören wollen. In Reaktion auf die Reaction-Videos fällt mir auf, wie besonders er darin ist, trotz unermesslichen Ruhms nicht in der Vergangenheit festzuhängen. Robert Plant verfolgt seit 1982 nach Auflösung der Band (infolge des Todes des sagenhaften Drummers John Bonham) eine einzigartig vielfältige Solo-Karriere. 2007 hat er wohl im Alleingang verhindert, dass ein wiedervereintes Led Zeppelin nach einem Jubiläumskonzert auf Welttournee ging und ist seinem einmal in einem Interview geäußerten Kredo treu geblieben (eigene Erinnerung): „This is not a job. This is an absolute luxury, a gift from the gods. We should embrace it and not use it as a means to an end.” Robert Plant ist für mich gleichermaßen als Künstler wie für würdevolles Altern ein großes Vorbild. In dem Podcast„Digging deep“ belegt er es mittels vieler Geschichten um einzelne Songs vor allem aus seiner zweiten, mir inzwischen viel näheren Karriere (zusammengefasst in einer Playlist von mir).
Mit Dietmar Wischmeyer lässt sich heute maximal sagen „früher war es anders scheiße“. Die Musik hatte es damals leichter, neuartig, kraftvoll, bahnbrechend zu sein. Dafür gab es noch kaum Bewusstsein für Ungutes jenseits des Werks, für Sexismus und Machtmissbrauch, was Led Zeppelin und viele andere betraf. Heute sprechen wir glücklicherweise darüber – und machen Videos, die die Generationen zusammenbringen.
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