Horst-Dieter Radke
Am 26. Mai 1969 fand im Zimmer 1742 des Queen Elizabeth Hotel in Montreal das berühmte Bed-in von John Lennon und Yoko Ono statt, bei dem der Song »Give Peace a Chance« aufgenommen wurde. Quasi von Stund an war dieses Lied die Hymne der Friedensbewegung. Lennons Spruch: »Stell dir vor, es ist Frieden. Der Krieg ist vorbei, wenn du es willst« wurde gleichfalls zum offiziellen Motivationsspruch aller Friedenswilligen.
Aber wurde es besser in der Folgezeit? John Lennon hatte schon 1966 eine deutliche Position gegen den Vietnamkrieg bezogen, aber es dauerte trotzdem noch bis 1975, bis er beendet wurde. Und dieser Krieg war auch nicht der letzte. Hier eine kleine Auswahl für den Rest des 20. Jahrhunderts:
– Der Nordirische Bürgerkrieg dauerte von 1969 bis 1997.
– 1973 fand der vierte israelisch-arabische Krieg statt, der so genannte Jom-Kippur-Krieg
– Von 1978 bis 1989 dauerte der Vietnamesisch-Kambodschanische Krieg
– Der erste Golfkrieg zwischen dem Iran und Irak ging von 1980 bis 1988.
– Im Jahr 1982 gab es Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien, den Falklandkrieg.
– Auf Sri Lanka dauerte der Bürgerkrieg von 1983 bis 2009.
– Der Zweite Golfkrieg zwischen einer UN-Koalition und dem Irak war schon nach knapp einem Jahr 1991 zu Ende.
– Ein Jahrzehnt, von 1991 bis 2001, dauerten die Jugoslawienkriege und beinahe ebenso lange (1991 – 2002) der Bürgerkrieg in Sierra Leone.
– Wer erinnert sich noch an den Eritrea-Äthiopien-Krieg (1998-2000)?
Die Liste der Kriege, die seit dem Jahr 2000 begonnen haben, ist, obwohl erst ein Vierteljahrhundert vergangen ist, bereits sehr lang. Es ist müßig, sie hier aufzuzählen.
Die Frage ist: Wurde überhaupt etwas erreicht, seit Lennon & Ono ihren Aufruf, dem Frieden eine Chance zu geben, in die Welt hinausgesungen haben? Sie ist schwer zu beantworten. Man neigt dazu, diese Frage zu verneinen. Politiker wie Robert Habeck nennen den Pazifismus einen »fernen Traum«. Andere Politiker und Politikerinnen, die bei kriegerischen Aggressionen fremder Staaten „Verständnis zeigen“, gebärden sich als Friedensbringerinnen. Demokratische Systeme, die eine halbwegs brauchbare Garantie für friedliche Problemlösungen bieten können, geraten unter den Einfluss von Autokraten, die das politische Klima sofort in Richtung Aggression drehen, wie man am Beispiel der USA (aber nicht nur dort) sehen kann.
Und doch: Wie sähe es denn aus, wenn wir nicht mehr an friedliche Lösungen glauben und uns nicht mehr für solche engagieren? Ich meine, es ist durchaus noch sinnvoll zu sagen und zu singen, dass dem Frieden eine Chance gegeben werden muss. Aber Singen allein reicht nicht. Wir müssen uns dafür auch einsetzen und nicht aus Frust solchen politischen Kräften an die Macht helfen, die bereits in ihrer Rhetorik auf Ausgrenzung und Aggressivität setzen. Man sollte aber auch nicht denen vertrauen, die sich selbst als »die Guten« bezeichnen und die sich »Friedensbringer« nennen. Eine Chance auf Frieden haben wir nicht, indem wir Bedrängten Hilfe und Hilfsmittel zur Verteidigung verweigern, sondern indem wir antidemokratischen Kräften entgegentreten. Und genau dabei lässt sich der Song von Lennon&Ono immer noch mit Überzeugung singen.
