Gregor Weihnachtsmann

von 42er

von Paula Lankow

„Wer ist der Mann?“, fragte ich und tippte auf das Foto. Wir saßen in dem kleinen Zimmer meiner Großmutter und blätterten, in alten Fotoalben. Ich kannte die Geschichte, aber ich hörte sie so gerne – und meine Großmutter erzählte sie so gerne.

„Gregor“, sagte sie lächelnd.

„Gregor Weihnachtsmann“, ergänzte mein Onkel und „so haben wir ihn immer genannt“, meine Mutter. „Am Heiligen Abend saß immer ein Mann im Wohnzimmer unserer Großmutter, also eurer Urgroßmutter. Er saß neben der großen Standuhr, seinen Stock mit beiden Händen gegen den Boden gestemmt und lächelte. Wenn unsere Großmutter verkündete, der Tisch sei gedeckt, nickte er höflich und folgte uns ins Esszimmer. Und wenn Tante Margot sich ans Klavier setzte, den ersten Akkord von Oh, du fröhliche anschlug und wir in mindestens vier verschiedenen Tonlagen einfielen, schwebte sein wunderschöner, volltönender Bariton unbeirrt durch den Raum.“

Meine Oma lächelte verträumt und nickte, und meine Mutter fuhr fort: „Wir haben ja immer ein Bild von den Weihnachtsfesten unserer Kindheit im Kopf, oder? Meines ist halt das, wie er da lächelnd und schweigend neben der Standuhr saß. Denn abgesehen von den Liedtexten, kam nie ein Wort über seine Lippen.“ Sie seufzte.

Mein Onkel gluckste. „Als deine Mutter fünf war, hat sie gefragt, wer der fremde Mann sei.“

Sie lachte und schlug mit einem Kissen nach ihm (und meine Oma sagte „Na, na, Kinder“). „Er hat gesagt: ‚Das ist der Weihnachtsmann‘ und gackerte ganz blöd, aber für eine Fünfjährige war ich ausnehmend aufgeklärt und glaubte daher nicht mehr an den Weihnachtsmann. Deshalb habe ich euren Onkel nur mit großen Augen angesehen.

‚Ja, ein sehr schweigsamer Weihnachtsmann‘ ergänzte Onkel Dieter, also unser Cousin. Seinen Namen haben wir viel später erfahren.“

Das war das Stichwort für meine Großmutter: „Gregor. Der Krieg – oder der Frieden hatte ihn hier vergessen.“ Gregor war als russischer Zwangsarbeiter in unsere Stadt gekommen, aber irgendwie hatte er das Kriegsende verpasst oder zumindest seine Heimkehr.

„Zu meinem Glick“, hatte Gregor gesagt.

„Er war sehr belesen“, wusste meine Mutter. „Er war Musiker, aber die Zwangsarbeit hatte seinen Händen die Beweglichkeit geraubt. Er konnte keines der Instrumente, die er einmal beherrscht hatte, mehr spielen.“

„Traurig“, sagte meine Großmutter bekümmert.

Gregor war der beste Freund meines Urgroßvaters, hieß es, aber meine Mutter und mein Onkel hatten ihn immer nur am Heiligen Abend zu Gesicht bekommen; er kam auch noch, als mein Urgroßvater schon gestorben war, um schweigend neben der Standuhr zu sitzen und den Kindern zuzulächeln. An seinem Oberarm trug er einen Trauerflor.

„Eins weiß ich“, verkündete mein Onkel damals, „alles will ich werden, nur nicht als schweigsamer Weihnachtsmann enden, der in eine fremde Familien eingeladen wird, nur damit er am Heiligen Abend nicht allein ist!“, und nun gestand er, dass er damals selbst nicht sicher war, ob aus seinen Worten Verachtung oder Angst sprachen.

In einem Jahr klingelte Gregor am Heiligen Abend früher als verabredet an der Tür unserer Urgroßmutter. In der Hand hielt er einen Blumenstrauß.

„Oh, Gott, Gregor!“, rief unsere Urgroßmutter aus, „ich bin mit den Vorbereitungen noch gar nicht fertig!“

„Entschuldigen vielmal!“, erwiderte Gregor, „Wollte haben ein Minütchen, zu reden mit dir.“

Meine Urgroßmutter winkte ihn unwirsch in die Küche. „Komm mit, ich muss nach der Gans sehen.“

Dort stand er also, mit seinem Blumenstrauß und hielt umständliche Reden, bis er schließlich ängstlich die Worte ausstieß, die zu sprechen er früher als gewöhnlich gekommen war.

„Ist nun schon so lange tot, dein lieber Mann; habe ich gedacht, ich kennt dich fragen und um Hand anhalten.“

Der Deckel des Bräters polterte auf die geöffnete Backofentür. „Gregor!“, sagte meine Urgroßmutter und rieb sich die Hände an der Schürze ab. Sie sank auf einen Küchenstuhl und dachte kurz nach, doch dann sprang sie entschlossen wieder auf. „Nicht jetzt, Gregor, nicht jetzt. Ich habe noch so viel zu tun. Frag mich nach Weihnachten noch einmal“, sagte sie, beugte sich mit geröteten Wangen in den Ofen hinab und begoss noch einmal die Gans.

Gregor – so schien es – lächelte an diesem Abend neben seiner Standuhr eine Spur seliger als sonst.

Am 27. Dezember war Weihnachten vorbei. Vermutlich konnte Gregor nicht schlafen, viele alte Menschen können nicht mehr gut schlafen, vielleicht war er aber auch zu aufgeregt und hielt es nicht mehr aus, schließlich hatte meine Urgroßmutter gesagt, er solle sie nach Weihnachten noch einmal fragen. Jedenfalls erzählte eine Nachbarin Gregors, sie habe ihn abends zuvor noch spät in den Straßen herumwandern sehen, als sie ihre beiden Hündchen noch einmal ausführte.

Gregor musste beschlossen haben, den Morgen des 27. Dezembers vor dem Haus meiner Urgroßmutter zu erwarten. Er hatte eine Flasche echten Champagners dabei. Damit setzte er sich auf das Mäuerchen des Vorgartens und wartete. Als meine Urgroßmutter schließlich aufgestanden war und sich Kaffee kochte, fiel ihr Blick aus dem Küchenfenster auf Gregors lächelndes Gesicht. Er hatte die Augen geschlossen. Raureif hatte seine Wimpern kunstvoll verlängert und noch weißer gefärbt als das Alter. Die Champagnerflasche war geplatzt.