Horst-Dieter empfiehlt zu Weihnachten: Wolfdietrich Schnurre – Als Vater sich den Bart abnahm

Dem Vater, einem arbeitslosen Tierpräparator im Berlin der 1920er- und 1930er-Jahre, geht es immer ums Grundsätzliche. Bruno, der Sohn, versucht mitzuhalten, muss dafür aber manchen Haken schlagen. Es gibt weiteres Personal in diesen Kurzgeschichten, das so skurril wie liebenswert ist, etwa Herr Zikutanskij, die Großmutter, den taubstummen Herr Kellotat oder Karl, Max und Ewald. Nicht zu vergessen die Krähe Fritzi, die die einzige Kurzgeschichte, in der sie vorkommt, allerdings nicht überlebt. Erzählung für Erzählung wird das Vorkriegs-Berlin um Prenzlauer Berg und Weißensee wieder lebendig, und zwar aus Sicht derjenigen, die, wenn überhaupt etwas, imm zuwenig zum Essen haben. Diese „Vater und Sohn“-Geschichten sind die Fortsetzung des Klassikers „Als Vaters Bart noch rot war“. Schnurre nannte ihn einen „Roman in Geschichten“. Es ist bis heute sein populärstes Buch. Die Erzählungen aus diesem Buch sind posthum erschienen. Seine zweite Frau, Marina Schnurre, berichtet im Nachwort darüber, wie sich der Autor bis zu seinem Tod damit abgemüht hat. Sie lesen sich allerdings keineswegs mühsam, sondern so leicht, dass die Lektüre nicht lange vorhält. Sie sind auch keineswegs verstaubt, sondern durchaus wieder zeitgemäß, denn der Rechtsruck und Nationalismus, der in den Dreißigerjahren alles durcheinanderbrachte, keimt auch heute wieder überdeutlich auf.

Schnurre (1920–1989) hat die Nachkriegsliteratur mitgeprägt und ist nach seinem Tod nicht gänzlich vergessen worden. Dieses Buch und der Vorgängerband „Als Vaters Bart noch Rot war“ sind bis heute im Programm des Berlin-Verlages. Auch sein autobiografischer Roman „Der Schattenfotograf“ ist noch zu bekommen. Zur Weihnachtslektüre empfehle ich diese Vater-Sohn-Geschichten nachdrücklich, und wenn Sie antiquarisch einmal eines der alten Bücher mit Kurzgeschichten von Schnurre sehen, sollten Sie zugreifen.

Ihr
Horst-Dieter Radke