von Ulrike Sabine Maier
Mich beschleicht ein Verdacht, wenn ich lese, was andere Autorinnen und Autoren über ihre Schreibanfänge erzählen: Eine unglückliche Kindheit und Jugend sind ein hilfreicher Steigbügel, um zum Schreiben zu gelangen. Wenn die äußere Realität kein Glamour und Heldentum bietet, dann müssen Parallelwelten her. Im Rückblick auf meine fiktionale Heldenreise stellt sich mir aber die Frage, ob es pathologische Anteile in meiner 9-jährigen Kinderseele gab. Mit 14 waren wir alle Aliens, mit neun allerdings war ich wirklich schräg. Während andere Lokomotivführer, Feuerwehrmann, Prinzessin oder Superwoman werden wollten, war mein Held der erwachsene Bambi, ich wollte ein Reh sein, schlimmer noch ein Rehbock. Männlich, weiblich, divers, Tier, was hätte ich ankreuzen sollen?
Ich wuchs auf mit zwei vier- und sieben Jahre älteren Brüdern, die mich gerne verprügelten. „Das macht dich stark“, sagten meine Eltern, die an sowas glaubten. Da mein Geheule aber nervte, das Geheule nach den brüderlichen Aktionen, wenn zum Beispiel mal wieder ein Kissen auf dem Gesicht mir fast die Luft genommen hatte, gab es ein weiteres pädagogisches Highlight. Für jeden Tag, an dem ich nicht weinte, versprach mir mein Vater 10 Pfennig (ja, das war damals die Währung). Mein Vater arbeitete nämlich in der Sparkasse, die mit den Knax-Heftchen. Genau wie meine Mutter. Mehr Pädagogik war also nicht zu erwarten. Diese Ansage war ein echter Ansporn, allerdings für meine Brüder. Die tägliche Frage: „Hast du schon geheult?“, und dann peng. Reich wurde ich nicht.
Es war nicht alles schlecht damals. Meine Großeltern schenkten mir ihre Exemplare „Bambi“ und „Bambis Kinder“ von Felix Salten, zwei Schweizer Auflagen von 1932 und 1940. Und sie sagten auch, es war nicht alles schlecht damals, sie meinten aber das andere Damals, hm. Ich verschlang beide Bücher, vor allem letzteres. Ich sank hinein, war fort, im Walde, bei den Edlen, den Weisen, den liebevollen Reheltern. Kaum hatte ich ausgelesen, weinte ich, weil es vorbei war, meine „Familie vom Walde“ verschwand, und dann weinte ich noch mehr, weil ich mal wieder keine zehn Pfennig bekam. Und ich begann von vorne zu lesen. Immer wieder. „Feierlich war die nächtliche Stille.“ So begann der erste Satz, mein erster erster Satz, den ich bewusst wahrnahm. Das fällt schon fast unter frühkindliche Förderung.
Dabei hatte die Geschichte von Felix Salten genau gar nichts mit der Harmonie der Disney-Verfilmung zu tun. Es war schlichtweg ein riesiges Gemetzel. Das Dahinsiechen des angeschossenen Fuchses, der wiederum Meister Lampe verschlungen hatte, die vielen toten Rehkinder, die der Jägerbüchse zum Opfer fielen, die gnadenlose Treibjagd, der letzte Dialog zweier Herbstblätter, bevor sie im Wind davonstieben. Eigentlich war das Ganze ein Spiegel der Kriege und der Vergänglichkeit. Das las ich alles nicht mit.
Und endlich komm ich zum Thema meines Aufsatzthemas: Als ich den Text schon fast auswendig konnte, nach zwanzig Mal lesen, brachte ich mir das Maschineschreiben bei und schrieb die Fortsetzung von Bambis Kinder, ohne Gemetzel. „Die Kinder von Bambis Kindern“, juhu, ganz große Literatur. Und ein Einhorn kam auch noch darin vor. Ich erschuf meine Welt, wie ich wollte, und die echte Welt konnte mir gar nichts, weil ich heimlich klug und weise und edel war, zum Helden des Waldes mutierte, männlich, weiblich, divers, bockig. Stolz ging ich in mein echtes Familienleben, ließ mich verprügeln, mir beide Arme umdrehen, ins Genick schlagen und gegen die Wand werfen, und hatte doch diesen Anker in mir, der mich über diese Banalitäten hinweghob.
Der Text, muss ich es erwähnen, war unterirdisch schlecht, und natürlich wiederholte sich einfach alles, was in den zwei Büchern vorher schon drinstand, und die sich auch schon nicht besonders voneinander unterschieden. Ich wurde ebenfalls, wie alle Teenager, irgendwann zum Alien, das Reh verschwand und meine Brüder sind heute einigermaßen soziale Wesen. Nur den Grabstein meiner Großeltern habe ich auf mein Grundstück geholt, das war, was blieb. Hier könnte sie enden, die Geschichte, und es täte ihr von der Länge her gut. Aber das Leben hält sich einfach nicht an dramaturgische Abläufe.
Jahrzehnte blieb Bambi verschollen. Da fragte mich letztes Jahr eine Künstlerin, ob ich für ihren Kunstband eine Geschichte schreiben würde. Ihre Gemälde wiederum sind geprägt von Waldtieren, dazwischen liegen öfter mal tote Soldaten oder fahren im Hintergrund Panzer. Und wieder begann ich: „Feierlich war die nächtliche Stille“. Und während ich schrieb, und das ist absolut nicht gelogen, kam ein Rehbock auf das Grundstück und legte sich vor den Grabstein meiner Großeltern.
Im Übrigen kommt er jetzt öfter und frisst mir die Blumenrabatte kahl. Aber dieses Gemetzel nehme ich gerne in Kauf.
Illustration: Andrea Interschick
abgedruckt in „Baumland“, krautIn Verlag
