Englisches Märchen, nacherzählt von Paula Lankow
Vor langer, langer Zeit heirateten in England ein König eine Königin. Beide waren schon einmal verheiratet gewesen und hatten je eine Tochter. Anna, die Tochter des Königs war wirklich hübsch – ausgesprochen hübsch sogar. Kati, die Tochter der Königin, war nicht hässlich, nein, nein, keineswegs, eher so etwas wie ein graue Maus, aber wenn man genau hinsah … allerdings tat das niemand.
Die Königin wurmte es mächtig, dass alle sich nach der hübschen Anna umschauten und niemand ihre Kati genauer ansah. Sie überlegte also, was sie gegen die Schönheit der Königstochter tun könnte. Ich weiß, ich habe mich auch gefragt, warum sie nicht überlegt hat, wie sie Kati schöner machen könnte, aber ich denke, weil man Verunstaltungen einfach leichter hinkriegt, selbst aus Versehen, wenn man eigentlich etwas hübscher machen will.
Weil die Königin also unbedingt etwas gegen Annas Schönheit unternehmen wollte, ging sie zur Eierfrau. Das war eine weise Frau, die auch so manchen Zauber kannte. Die Eierfrau überlegte eine Weile, dann sagte sie: „Na gut, schick mir das Mädchen morgen ganz früh vorbei. Achte aber darauf, dass sie vorher nichts isst oder trinkt.“
Am nächsten Morgen weckte die Königin ihre Stieftochter in aller Herrgottsfrühe: „Geh geschwind zur Eierfrau und hol mir ein Dutzend Eier, damit wir etwas zum Frühstück haben. Wir haben nämlich gar nichts mehr in der Küche.“
Also schlurfte Anna los, fand aber in der Küche noch eine kleine trockene und verkrumpelte Scheibe Brot, die sie auf dem Weg kaute. Bei der Eierfrau angekommen, sagte sie: „Die Königin schickt mich, damit ich ein Dutzend Eier hole.“
„Gut, gut“, sagte die Eierfrau. „Geh aber erst zum Herd und schau in den Topf.“ Das tat Anna und – es passierte: nichts. „Ahh“, sagte die Eierfrau und gab Anna seufzend zwölf Eier.
Als das Mädchen mit den Eiern und mit gewohnter Schönheit zum Schloss zurückkehrte, wusste die Königin, dass das Mädchen etwas gegessen haben musste. Bevor sie Anna am nächsten Morgen wieder zur Eierfrau schickte, versteckte sie deshalb alles Essbare in der Küche. So musste sich Anna also hungrig auf den Weg machen. Aber manchmal hilft ja auch ein Schluck Wasser gegen den ärgsten Hunger. Deshalb kniete sie am Bach nieder und trank aus der hohlen Hand von dem kühlen Wasser.
Bei der Eierfrau bat sie wieder um ein Dutzend Eier für die Königin. „Gut, gut“, sagte die Eierfrau auch dieses Mal und bat Anna in den Topf auf dem Herd zu schauen. Und wieder passierte – nichts. „Ahh“, sagte die Eierfrau und gab Anna seufzend zwölf Eier.
Am dritten Morgen begleitete die Königin Anna sicherheitshalber zur Eierfrau. Wieder sollte das Mädchen in den Topf auf dem Herd schauen und dieses Mal passierte genau das, was schon die ersten beiden Morgen hatte passieren sollen: Anna fiel der Kopf ab und stattdessen saß nun ein Schafskopf auf ihrem Hals.
Die Königin war sehr zufrieden. Was sie allerdings nicht bedacht hatte, war, dass die beiden Stiefschwestern sich heiß und innig liebten. Vom ersten Tag an waren sie zusammen durch das Schloss getobt, hatten sich Streiche ausgedacht, miteinander gewispert und gekichert. Jetzt vergossen sie beide heiße Tränen, denn sie waren untröstlich. Schließlich band Kati Anna einfach ihr schönstes Tuch um den Kopf, und die beiden Stiefschwester verließen heimlich das Schloss.
Durch Wälder und über Hügel liefen sie, bis sie zu einem anderen Schloss kamen. Kati klopfte an das Tor und fragte, ob man ihr nicht eine Stelle geben könne, in der Küche oder als Magd oder Putzfrau, damit sie für ihre arme kranke Schwester sorgen könne. Es gab viele freie Stellen, Königs (also der König und die Königin) hatten nämlich eine ungewöhnliche Fluktuation beim Personal. Die beiden Schwestern bekamen ein kleines, aber hübsches Zimmer im obersten Stockwerk mit einem wunderschönen Ausblick. Dort verbrachte Anna ihre Tage, während Kati Böden schrubbte und Gemüse putzte.
Ihr blieb nicht verborgen, dass man auch hier im Schloss so seinen Kummer hatte, denn einer der beiden jungen Prinzen litt an einer geheimnisvollen Krankheit. Man hatte schon aus dem ganzen Land und auch aus allen Nachbarländern Ärzte kommen lassen, aber niemand wusste Rat, während der Prinz immer schwächer und schwächer wurde. Man stellte schließlich nachts Wachen für ihn ab. Merkwürdigerweise war jedoch, wer immer Wache gehalten hatte, am nächsten Tag verschwunden, was die Personalfluktuation im Schloss erklärte, denke ich.
„Für ein kleines Salär extra will ich wohl gerne Wache halten“, meinte Kati. Königs nickten dankbar, und so saß das Mädchen nächtens am Bett des kranken Prinzen und bewachte dessen Schlaf. Als es Mitternacht schlug, stand der Prinz plötzlich auf und verließ sein Zimmer. Kati huschte hinter ihm her, durchs Schloss, die Treppen hinab, hinaus zum Pferdestall, wo der Prinz einen Braunen sattelte und aufstieg. Kati sprang schnell hinter ihm auf. Der Prinz aber merkte nichts davon.
In wildem Galopp ritt er nun durch den Wald und blieb an einem merkwürdigen Hügel stehen. „Mach auf, lass mich rein“, rief er und sprang vom Pferd. Kati schlich hinter ihm her, als sich eine kleine Tür im Hügel öffnete, und versteckte sich in einer kleinen dunklen Nische. In dem Hügel dröhnte laute Musik, unzählige kleine Menschen tummelten sich, tranken und lachten und tanzten. Da sah Kati, dass der Prinz gar nicht mehr müde war, sondern wild und ausgelassen herumwirbelte. Nur manchmal sank er erschöpft auf eine kleine Bank. Aber dann kamen sogleich viele kleine Frauen, lachten, fächelten ihm Luft zu und hielten ihm einen Krug an die Lippen, und er erhob sich und tanzte weiter, bis es hieß, es sei jetzt Zeit zu gehen.
Kati schlich hinter dem Prinzen her und sprang hinter ihm aufs Pferd. Zurück ging es in gemächlichem Schritt, sodass Kati Zeit hatte, hier und da von Sträuchern Haselnüsse zu pflücken, die sie in ihrer Tasche sammelte. Als der Morgen anbrach, fand man sie im Zimmer des Prinzen am Kamin sitzen, wo sie Haselnüsse knackte. Der Prinz hingegen lag matt im Bett.
„Der Prinz hatte eine lustige Nacht. Für ein paar Münzen mehr wache ich auch in der nächsten“, sagte Kati und Königs nahmen das Angebot dankbar an. Auch in dieser Nacht erhob sich der Prinz Schlag Mitternacht von seinem Krankenlager, gefolgt von Kati, die sich am Ziel seines wilden Ritts wieder in der kleinen dunklen Nische verbarg. Dieses Mal sah sie aber nicht dem Prinzen zu, wie der es sich gut gehen ließ, sondern beobachtete ein Kind der kleinen Leute, das mit einem silbernen Stab spielte.
„Junge! Pass gut auf und verlier den Zauberstab nicht“, sagte eine der kleinen Frauen. „Du weißt, ein Schlag damit befreit die verwunschene Königstochter von ihrem Schafskopf.“
„Ei“, dachte Kati. Sie hatte noch einige Haselnüsse in ihrer Schürzentasche. Die holte sie heraus und ließ sie über den Boden kullern. Das Kind war sofort abgelenkt. Es ließ den Stab fallen und sammelte die Nüsse auf. Kati aber griff sich schnell den Zauberstab.
Auf dem Heimweg pflückte sie so viele Haselnüsse, wie in ihre Schürze passten. Zurück im Schloss konnte sie es kaum erwarten, dass der Diener des Prinzen in dessen Gemach kam. „Ich glaube, er hatte eine gute Nacht“, sagte sie, eilte ins oberste Stockwerk zu Anna und schlug sie mit dem silbernen Zauberstab auf den Kopf. Sofort fiel der Schafskopf ab und zum Vorschein kam wieder Annas bildhübsches Gesicht. Die Prinzessinnen umarmten sich lachend und weinten, dieses Mal aber vor Freude. Und zum ersten Mal trat Anna ans Fenster, riss es auf und blickte hinaus in den schönen Schlosspark und auf die Hügel und Wälder ringsum.
Kati aber ging zu Königs und sagte: „Wenn ihr mir euren Sohn zum Mann gebt, will ich wohl gerne auch noch eine Nacht bei ihm wachen.“ König und Königin zuckten mit den Achseln. Ich denke, sie wunderten sich, was ihre Magd mit einem so kranken Mann wollte, aber wenigsten wäre ihr Sohn auf diese Weise versorgt, und man musste ihm keine Wache mehr ans Bett setzen.
Auch in der dritten Nacht erhob sich der Prinz um Mitternacht, merkte nichts von seiner Verfolgerin, die sich im Hügel wieder in der kleinen Nische verbarg und das Kind beobachtete, das dieses Mal mit einem kleinen toten Vogel spielte.
„Pass auf, Junge!“, sagte seine Mutter. „Verlier uns bloß nicht auch noch das Vögelchen. Du weißt, drei Bissen davon befreien den Prinzen von seinem Fluch.“ Kati lächelte, griff in ihre Schürze und ließ eine Haselnuss nach der anderen über den Boden kullern. Das Kind ließ das Vögelchen fallen, das Kati sich sofort schnappte und statt der Nüsse in ihrer Schürze verbarg.
Wieder im Schloss setzte sie sich an den Kamin, rupfte das Vögelchen und nahm es aus. Dann spießte sie es auf das Schwert des Prinzen, das immer neben dem Kaminholz lag, und briet das nackte Vögelchen über dem Feuer. Bald breitete sich Bratenduft im Zimmer aus. Der Prinz gab ein leises Seufzen von sich: „Mhm“. Der Geruch schien etwas in ihm zu kitzeln. „Mhm“, sagte er. „Das riecht … gut.“
Da trat Kati an sein Bett und gab ihm einen Bissen von dem Vogelfleisch. „Mhm“, sagte der Prinz, „lecker!“ Da gab sie ihm einen zweiten Bissen. „Mhm, bitte noch einen“, bettelte der Prinz, und da gab ihm Kati den dritten Bissen. Und kaum war der verzehrt, schlug der Prinz auch endlich die Augen auf, blickte sich verwundert um und fragte, was ihm geschehen sei.
Im Schloss war die Freude groß. Und natürliche durfte Kati den Prinzen heiraten, zumal man erfahren hatte, dass sie selbst eine Königstochter sei. Und um das Glück komplett zu machen, gab es sogar eine Doppelhochzeit, denn der Bruder des genesenen Prinzen hatte die schöne Anna am Fenster gesehen und sich sofort in sie verliebt. Wer hätte es ihm verdenken können?
Die Freude der Schwestern war vielleicht ein bisschen getrübt, weil Kati im Schloss bei ihrem Prinzen blieb, während Anna mit ihrem Prinzen in das väterliche Schloss zog. Aber die beiden Paare besuchten sich so oft, dass es fast keinen Unterschied machte.
Kate Crackernuts, in Fairy Tales
gesammelt von Joseph Jacobs 1890-1912
